Apr
08

Robert Lebeck – Face the Camera

Robert Lebeck, Hamburg, St. Pauli 1961
© Archiv Robert Lebeck

 

 

Robert Lebeck, Face the Camera.
Ausstellung noch bis 22. Mai 2016 im Willy-Brandt-Haus, Berlin.
Buch im Steidl Verlag, 208 Seiten mit 130 Abbildungen in Schwarz-Weiß, gestaltet von Cordula Lebeck, gedruckt bei Steidl, 28,- Euro.

 

 

Robert Lebeck gilt als einer der bedeutendsten Photoreporter Westdeutschlands. Als er vor zwei Jahren 85jährig starb, war der ehemalige Mitarbeiter von Zeitungen, Zeitschriften und Agenturen längst in den Photo-Olymp der wichtigsten deutschen Photographen angekommen.

 

Basierend auf intensiver Archivarbeit, die der Photoreporter noch zu Lebzeiten mit seiner Frau und engsten Mitarbeiterin Cordula Lebeck begonnen hatte, entstand nun die Ausstellung Face the Camera. Sie zeigt Arbeiten von den späten Fünfziger- bis zu den Siebzigerjahren im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale, in Berlin. Dazu erscheint ein wohlfeiles Photobuch im Steidl-Verlag.

 

Robert Lebecks Portraits von Willy Brandt, dem faltigen Konrad Adenauer oder auch Elvis Presley sind nationale Photo-Ikonen. Nun werden bislang nicht veröffentlichte Photos präsentiert. Ihnen allen ist gemein, daß Lebeck mit seiner unermeßlichen Empathie die Menschen öffnen konnte, ob prominent oder unbekannt. Sie schauen interessiert in seine Kamera. Viele posen, – manche lächeln nur, aber alle scheinen recht natürlich zu bleiben. Weil er nichts eigentlich inszeniert hat, geraten seine dokumentarischen Aufnahmen zu Milieustudien, – obwohl Lebeck diesen Anspruch gar nicht hatte.

 

Das zur Schau erschienene Buch Face the Camera dokumentiert etwa 130 meist großformatige Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf hochwertigem Matt-Papier mit einem Essay von Kerstin Stremmel. Es enthält herausragende Photographien nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den USA, Südamerika, Japan, China, Indien und Afrika. Prädikat: Sammelwürdig.

 

Hier geht’s zum Buch.

Apr
01

Zweiundzwanzigste Etappe

Die Zweiundzwanzigste Etappe
© Etappe 2015

 

 

Zweiundzwanzigste Etappe.
Herausgegeben von Heinz-Theo Homann, Bonn-Bad-Godesberg 2015, 186 Seiten, Ppb, 12,- Euro.

 

 

Harry Graf Kessler berichtet in seinem Tagebuch unter dem Datum des 8.12.1929 von einem mondänen Diner mit fadem Beigeschmack: »Gegessen bei Baby Goldschmidt-Rothschild am Pariser Platz. 8-10 Personen, kleines Diner, äusserster Luxus, vier unschätzbare Meisterwerke von Manet, Cézanne, van Gogh, Monet an den Wänden, 30 Briefe von van Gogh in einem überreichen, hässlichen Einband wurden nach Tisch zu Cigarretten und Kaffee herumgereicht. Armer van Gogh! Man empfindet schließlich pogromhaft: diese Leute müsste man totoschlagen. Nicht Neid, sondern Ekel über diese Verfälschung u. Verflachung geistiger u. künstlerischer zu bloß materiellen Werten, zu Gegenständen des ‚Luxus‘.«


Dieses literarische Fundstück ist Teil der neuen Rubrik Quintessenz & Konzentrat – Ausgewählte Einsendungen in der Zweiundzwanzigsten Etappe. Lange hat er auf sich warten lassen, der Almanach für Politik, Kultur & Wissenschaft, wie nun der Untertitel lautet. Von einigen Tausend treuen Abonnenten sehnlichst erwartet, wird das Periodikum stets aus vielerlei Gründen. Als ersten natürlich die Texte: Der Herausgeber Heinz-Theo Homann  holt so manches quasi verschollene Fundstück wieder an die Oberfläche, was der Leser von allein wohl kaum entdeckt hätte. Dazu kommt eine skurril-dadaistisch-ästhetische Gestaltung. Und last but not least wird die Sehnsucht der Leser noch gesteigert durch die lang gewordenen Intervalle zwischen den einzelnen Ausgaben.

 

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Mrz
24

Markus Henttonen – Twisted Tales, Road to Hope

© Markus Henttonen, Smoke

 

 

 

Markus Henttonen, Twisted Tales – Road to Hope.
Ausstellung: noch bis 23. April 2016 in der Galerie Albrecht Berlin.
Photo-Buch: 152 Seiten mit 79 Abbildungen auf Photopapier, Hatje Cantz 2016, 45 € (D.).

 

 

Der finnische Photograph Markus Henttonen läßt uns in seiner neuesten Serie teilhaben an einem Road Trip von Erinnerungen, Situationen, Augenblicken. Twisted Tales – Road to Hope (Verdrehte Geschichten – Straße zur Hoffnung) ist für den Betrachter eine Art von Malbuch für die Seele: Jeder wird es mit seinen ureigenen Reminiszenzen füllen.

 


Der Blick in der Abenddämmerung von einem Hügel auf eine hellbeleuchtete Bahnstrecke. Das Schwarz-Weiß-Portrait eines Jungen. Ist es der Photograph selbst? Dann kleine Holzhäuser, auch sie in Schwarz-Weiß. Auf einer anderen Aufnahme: Ein Junge steht neben einem erwachsenen Mann neben einem Mercedes aus den 80er Jahren und blinzelt mit ihm gegen das Sonnenlicht in die Kamera.

 

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Mrz
15

Kostbare Manschettenknöpfe

Knöpfe für den Frack, um 1890-1900,
Originaletui: Zinser, kgl. Hofjuwelier, Stuttgart,
aus dem Privatbesitz von König Wilhelm II. von Württemberg
© Anna-Maria Decker, München, Hirmer Verlag

 

 

Walter Grasser/Franz Hemmerle/Alexander von Württemberg,
Kostbare Manschettenknöpfe.
Von Pablo Picasso bis James Bond.
128 Seiten mit 150 Farbabbildungen, Hirmer Verlag, München 2016, 39,90 € (D.)

 

 

Manschettenknöpfe sind neben der Armbanduhr die einzigen Schmuckstücke, die ein Mann tragen darf. Das großformatige Buch Manschettenknöpfe – Von Pablo Picasso bis James Bond präsentiert Manschettenknöpfe der Juwelierkunst aus der Zeit von 1880 bis heute.

 


Im Gegensatz zur Damenwelt haben die Herren es wesentlich schwerer, anhand ihres Äußeren Individualität zu zeigen. Für den Gentleman ist Schmuck grundsätzlich ein Tabu. Mit zwei Ausnahmen: Der Uhr und den Manschettenknöpfen. Heute, wo die Taschenuhr eher ungebräuchlich geworden ist, schaut man dem neuen Verhandlungspartner auf das Handgelenk: Welche Marke trägt er? Ist es ein eher sportliches Modell, das vielleicht seine Sportart preisgibt? Oder ist es die Uhr einer Luxus-Marke, an der seine ästhetischen Vorlieben zu erkennen sind?

 

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Mrz
05

Karin Székessy – Natur – La Femme – Polaroids

© Karin Székessy: Hase und Model, 2014
Courtesy Johanna Breede Photokunst

 

 

 

Karin Székessy wird präsentiert mit einer Einzelausstellung in der renommierten Galerie Johanna Breede in der Berliner Fasanenstraße.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus verschiedenen Jahren und in unterschiedlichen Formaten und Formen: Die Größen reichen von Polaroids bis zu Großformaten.

Die in Essen geborene Photkünstlerin lebt in Hamburg und Südfrankreich.

 

 

Johanna Breede PHOTOKUNST

Fasanenstr. 69, 10719 Berlin
T +49 (0)30-889 13 590
kunsthandel@breede.de
www.johanna-breede.com
www.facebook.com/Johanna-Breede
Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr

 

 

Mrz
02

Stefan Koppelkamm – Häuser Räume Stimmen

© Stefan Koppelkamm, Dresden, Rothenburger Straße

 

 

 

Stefan Koppelkamm – Häuser Räume Stimmen.
Ausstellung:
Museum der Bildenden Künste Leipzig noch bis 29. Mai 2016
Katalog:
Hatje Cantz Verlag, 228 Seiten mit ca. 100 Abbildungen, 35 €. (D).

 

 

 

Der in Berlin lebende Künstler Stefan Koppelkamm wurde bekannt durch sein 2005 erschienenes Photobuch Ortszeit/ Local Time. Hier dokumentierte er Gebäude und Straßenzüge im Ostteil Berlins und der DDR direkt nach dem Mauerfall und aus demselben Blickwinkel ein Jahrzehnt später. Die Ausstellung Stefan Koppelkamm: Häuser Räume Stimmen im Museum der Bildenden Künste Leipzig zeigt noch bis zum 29. Mai 2016 einen Querschnitt aus seinem Werk.

 


Die Ausstellung präsentiert drei Werkkomplexe des 1952 in Saarbrücken geborenen Künstlers.

 

 

Das bekannte Projekt Ortszeit beinhaltet Photographien aus der Zeit zwischen 1990 und 2004. In dieser Periode waren die Veränderungen in den ostdeutschen Städten umfassend und radikal. Koppelkamms Absicht war es, Zustände zu dokumentieren, die so nicht mehr lange erhalten bleiben würden. Die jeweils entgegengestellten Photographien nach erfolgter Sanierung zeigen, wie extrem sich dieselben Orte verändert haben. Verstärkt wurde dieser artifiziell-dokumentarische Effekt dadurch, daß Koppelkamm mit einer Großformatkamera und nur in Schwarz-Weiß arbeitete.

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Feb
23

Jörg Magenau – Princeton 66

Ein dokumentarischer Bericht. So lebensnah, als wäre das Hüsteln im eigenen Wohnzimmer.
© Klett-Cotta 2015

 

 

Jörg Magenau, Princeton 66.
Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47.
223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Klett-Cotta 2015, 19,95 € (D).

 

 

Vor 50 Jahren verbrachten 80 westdeutsche Schriftsteller und Literaturkritiker ein langes Wochenende in Princeton. Die Universität an der US-Ostküste hatte die Gruppe 47 eingeladen, hier zu tagen. Jörg Magenau schildert die Tagung so, daß wir im nachhinein dabei sein können.

 


Nach einigem Hin und Her konnte Hans Werner Richter mit der Gruppe 47 am vorletzten Aprilwochenende 1966 mit 80 Schriftstellern und Kritikern an die Universität von Princeton reisen, um hier eine ihrer Tagungen abzuhalten. Das Geld für die Reise kam offiziell von der Ford-Foundation, – möglicherweise vom CIA. Viele hatten vorher Bedenken und stellten Bedingungen. Insbesondere dem politisch stark exponierten Peter Weiss war es wichtig, nicht von der US-Regierung oder der deutschen Politik vereinnahmt zu werden, wenn er mitreise.

 

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Feb
20

Fernando Pessoa – Orpheu

Orpheu – Der jüngste Band der verdienstvollen Werkausgabe
© S. Fischer Verlag 2015

 

 

 

Fernando Pessoa, Orpheu
Schriften zur Literatur, Ästhetik und Kunst.
Herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen von Steffen Dix.
S. Fischer Verlag 2015, 397 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, 26,99 Euro (D).

 

 

Fernando Pessoa ist hierzulande vor allem bekannt für seinen Roman Das Buch der Unruhe. Dabei war der Portugiese mehr als ein Schriftsteller. Der neueste Band in der Werkausgabe zeigt ihn als Denker, Philosophen und Provokateur.

 


Fernando Pessoas (1888-1935) Entdeckung wurde für die Literatur oft verglichen mit der Entdeckung eines bislang unbekannten Kontinents. Pessoa lebte weitgehend zurückgezogen in Lissabon als Übersetzer von Handelspapieren. Zu Lebzeiten hatte er unter seinem eigenen Namen nur ein einziges Buch veröffentlicht: In Mensagem (Botschaft) ließ er den Ruhm der portugiesischen Nation auf mystisch-okkultistische Weise hochleben. Als Pessoa 1935 mit 47 Jahren an Leberzerrhose starb, war er in der portugiesischen Hauptstadt nur wenigen Eingeweihten bekannt.

 

 

In einer riesigen Kiste hatte er jedoch beinahe 35.000 Manuskriptseiten hinterlassen. Aus fragmentarischen Aufzeichnungen friemelten Literaturwissenschaftler dann unter anderen Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares zusammen, das 1982 erschien. Seine schwere Melancholie traf den Nerv der Zeit und sorgte in ganz Europa für eine Pessoa-Euphorie.

 

 

Der S. Fischer Verlag setzt nun die ursprünglich vom Zürcher Amman Verlag begonnene verdienstvolle Werkausgabe fort mit dem Band Orpheu – Schriften zur Literatur, Ästhetik und Kunst. Herausgeber Steffen Dix, der die Texte auch aus dem Englischen übersetzte, versammelt Fragmente und teils damals veröffentlichte Texte, in denen Pessoa sein Gedankengebäude entwirft.  Der Titel Orpheu ist entnommen der gleichnamigen Zeitschrift, die Pessoa mit zwei Freunden gegründet hatte und die 1915 nur zwei Mal erschien. Sie war als Vierteljahresschrift geplant, doch ging den jungen Literaten wohl alsbald das Geld aus.

 

 

Aber tatsächlich hatten zwei Ausgaben genügt, um die Zeitungen gegen sich aufzubringen. Die Beschimpfungen gipfelten im Vorwurf, die Autoren von Orpheu gehörten in eine Irrenanstalt. Ob die Macher mit dieser Heftigkeit der Anfeindungen gerechnet hatten, ist heute ungewiß. Aber immerhin hätten sie es tun sollen. So schrieb Pessoa unter einem seiner zahlreichen Heteronyme ein Gedicht mit dem Titel Triumph-Ode:

 

Ach, und all diese ordinären und schmutzigen Leute, die sich immergleichen,
Die in aller Selbstverständlichkeit Schimpfwörter benutzen,
Deren Söhne an den Türen der Lebensmittelläden stehlen,
Und deren Töchter mit acht Jahren – und das finde ich schön und liebe es! -
Dezent aussehende Herren in den Treppeneingängen masturbieren. […]

 


Das Gros der hier versammelten Texte ist hingegen theoretischer Natur. Pessoa entwirft seinen Sensationismus als literarische Richtung. Sein Schöpfer stellt indes klar: »Der Sensationismus unterscheidet sich von geläufigen literarischen Strömungen darin, nicht exklusiv zu sein, er beansprucht also für sich nicht das Monopol des einzig richtigen ästhetischen Gefühls«.

 

 

Zu entdecken ist Fernando Pessoa als philosophischer Denker, als moderner Erneuerer der portugiesischen Literatur von einem geistigen Fundament aus.

© Matthias Pierre Lubinsky 2016



Feb
06

Berlin in Photographien des 19. Jahrhunderts

Max Missmann, Blick auf Schlossbrücke, 1909.
Der dominante Bau des 1905 eingeweihten Neuen Doms
lässt Schinkels Altes Museum bescheiden erscheinen.
courtesy Schirmer/Mosel

 

 

 

Miriam Paeslack, Berlin im 19. Jahrhundert.
Frühe Photographien 1850-1914.
232 Seiten mit 183 Tafeln und 12 Abbildungen in Duotone,
Schirmer/Mosel 2015, 49,80 € (D).

 

 

Berlin. Berlin? Eine Hauptstadt in permanentem Ausnahmezustand. Die ungewöhnliche Teilung ist Geschichte. Nun strömen jährlich Millionen Touristen in die deutsche Hauptstadt. Doch was sie zu sehen bekommen, hat mit der Stadt kaum noch etwas zu tun. Potsdamer Platz und von internationalen Konzernen beherrschte Shopping-Center sehen aus wie in vielen anderen Großstädten auf der ganzen Welt. Ein besonderer Photoband zeigt Berlin in Aufnahmen zwischen 1850 und 1914 und vermittelt wieder ein Gefühl für diese geschundene Metropole.

 


Charles Baudelaire sprach das grausame Wort von der Stadt, die schneller als ein Menschenherz sich wandle. Er meinte Paris. Dabei scheint seine Aussage auf die deutsche Hauptstadt noch besser zu passen. Doch Berlin ist schwer zu fassen. Heute strömen täglich zehntausende Besucher zum ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie, um sie zu erhaschen, die Geschichte, Authentizität. Die traurige aber wahre Nachricht ist: Ihr Jungen, die ihr die Teilung nicht erlebt habt, werdet sie nicht mehr nachvollziehen können, nicht mehr verstehen.

 

 

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Feb
01

Wojciech Kunicki und Ernst Jünger

Die Korrespondenz begann über den Eisernen Vorhang hinweg
© Leipziger Universitätsverlag 2015

 

 

 

Wir Slawen sind Genies des Leidens
Wojciech Kunicki und Ernst Jünger: Briefe und Tagebücher.
199 Seiten mit zahlreichen Faksimiles, geb., Leipziger Universitätsverlag 2015, 29 Euro.

 

 

Im Oktober 1985 wendet sich der Pole Wojciech Kunicki mit einem Brief an den deutschen Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger. Sein Anliegen: Der Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Breslau möchte sich über Ernst Jünger habilitieren. Die Beziehung, die daraus entstand, wurde immer enger und freundschaftlich und dauerte bis zum Tod Jüngers 1998.


Dieser Briefwechsel, der nun im Leipziger Universitätsverlag erschien, ist wie eine kleine Zeitreise. Viele können sich kaum noch vorstellen, wie das Klima war – damals vor dem Zusammenbruch des sogenannten Ostblocks. Mut und Souveränität gehörte sicher dazu, als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Breslau sich an Ernst Jünger zu wenden, um sich über dessen Werk habilitieren zu können.

 

Immerhin galt der damals 90jährige dem herrschenden links-liberalen Milieu Westdeutschlands zu dieser Zeit noch als Inbegriff eines unverbesserlichen Nationalisten und Kriegsverherrlicher. Das änderte sich erst einige Jahre später zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers. Umso mehr muß es Jünger erstaunt haben, daß sich gerade ein polnischer Nachwuchs-Germanist mit seinem umfangreichen Werk auseinandersetzte und damit auch noch seine wissenschaftliche Weihe erlangen wollte. So antwortete ihm Jünger: »Hegen Sie denn die Hoffnung, sich mit dieser Arbeit habilitieren zu können, wenn Sie politisch gerecht zu urteilen gedenken? Jedenfalls steht zu befürchten, daß Sie die Übersetzung der Marmorklippen [an der Kunicki gerade arbeitete] nur für sich selbst unternommen haben und sie so bald keinem größeren Publikum unterbreiten können. Doch auch hier gilt ja: ‚Doch im Innern ist’s getan.‘«


Wojciech Kunickis Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, daß ab Ende der 1980er Jahre in Polen eine Reihe von Büchern Jüngers erscheinen konnten. Zuerst hatte er Auf den Marmorklippen ins Polnische übertragen, anschließend Das abenteuerliche Herz, Zweite Fassung. Zu einer Verzögerung der Veröffentlichungen kam es, weil der polnische Verlag beim deutschen Hausverlag Jüngers, Klett-Cotta, nicht um die Rechte bat.

 

Wir Slawen sind Genies des Leidens nimmt seinen Titel von einer Äußerung Kunickis gegenüber Jünger. Das Buch bringt die gesamte Korrespondenz aller Beteiligten. Dazu gehört auch das anfängliche Empfehlungsschreiben von Karl Konrad Polheim, damals Germanistik-Professor an der Universität Bonn, mit dem dieser den ersten Brief Kunickis an Jünger sandte. Anders als der Untertitel verspricht, enthält das Buch daneben jedoch keine ‚Tagebücher‘.  Viele der Postkarten und Briefe – gerade Jüngers – sind im Original reproduziert.

 

Die Korrespondenz dreht sich dabei fast ausschließlich um die geplanten Übersetzungen und Veröffentlichungen in Polen. In kurzen Andeutungen versucht Kunicki, Jünger zu Äußerungen über Stellen in seinen Büchern zu bewegen. Der hält sich jedoch zurück, was den Briefwechsel eher für den harten Kern der Jüngerianer interessant macht.

 

Dennoch ist die Dokumentation ein Zeugnis für die Courage eines jungen Wissenschaftlers hinter dem Eisernen Vorhang, der sich um die Verbreitung des Jüngerschen Werkes in Polen sehr verdient gemacht hat.

 


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