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Jan
22

Simon Strauß – Zu zweit

Das Seine-Hochwasser in Paris von 1910
in einer zeitgenössischen Ansichtskarte





Simon Strauß: Zu zweit. Novelle
Tropen Verlag, 1. Auflage 2023, 160 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, 22 €.




Ich bin nie ehrgeizig gewesen, aber es war dennoch ein unerfreuliches Gefühl, nichts, aber auch gar nichts auf dem einzigen Gebiet vollbracht zu haben, das mich auf Dauer interessierte. Es gibt Zeiten, in denen man für Augenblicke vergißt, daß der Wert des Lebens das Leben selbst ist und jedes andere Ziel im Vergleich damit von sehr geringer Bedeutung.
Robinson Jeffers




Simon Strauß‘ bereits erschienene zwei Romane sind hochgelobt worden und wiesen den 1988 geborenen Autoren als belesen und geschichtsbewußt aus (Sieben Nächte, 2017, Römische Tage, 2019). Seine neue Novelle Zu zweit ist intensiv und bringt uns an unser Verhältnis zu den Dingen und Menschen.




Der Verkäufer. In der Novelle gibt es nur zwei Personen. Er ist Teppichverkäufer. Hat einen eigenen Laden, den er vom Vater übernommen hat. Er ist allein, ohne Frau, ohne Freunde. Er spricht nicht gerne. Mit Menschen. Das läßt ihn anderen gegenüber als merkwürdigen Kauz erscheinen. Seinem Geschäft ist das nicht gerade zuträglich. Obwohl: Er spricht schon, aber lieber mit Dingen als mit Menschen. Er nimmt alle Dinge intensiv wahr und versucht, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Innerlich spricht er mit seinen Teppichen, wenn er zärtlich mit der Hand über sie streicht.

Ihm ist, als trüge das Ding ein Geheimnis mit sich herum und leide daran, es niemandem erzählen zu können.




Die Flut. Sie bricht plötzlich und unvorhergesehen herein. Sie ist das Ereignis, das sein so felsenfest eingerichtetes und vorherbestimmtes Leben komplett aus den Angeln hebt und infrage stellt. Erst als er aus seiner kleinen Dachkammer geht, bemerkt er, daß die gesamte Stadt überflutet ist: Autos schwimmen auf ihren Dächern, der Strom ist ausgefallen – und keine Menschenseele ist mehr zu sehen.


Die Novelle von Simon Strauß erschien im Tropen Verlag





Die Vertreterin. Sie ist das genaue Gegenteil von ihm: Extrovertiert, ohne Unterlass am Reden, hat sie von ihrer Mutter gelernt, daß nur, wenn sie permanent zur Unterhaltung der anderen dient, das Leben sie beachtet. Als es eines Tages in Strömen regnet, betritt sie seinen Teppich-Laden. Eigentlich nur, um ins Trockene zu gelangen. Nachdem sie nach einer halben Stunde so plötzlich wieder verschwindet, wie sie gekommen war, kann er sie nicht mehr vergessen und tut alles, um sie wiederzusehen. Wie der Verkäufer bleibt auch die Vertreterin während der gesamten Erzählung namenlos.

Die Vertreterin lebte mit dem beruhigenden Gefühl, umgeben von lauter Möglichkeiten zu sein. Kinder kriegen, Häuser bauen, Bäume pflanzen … nichts davon interessierte sie. Während die anderen ihre Hochzeiten planten, während sie verreisten, Kleider kauften und Weine verkosteten, wartete sie gespannt darauf, was als Nächstes passierte.




Während die Flut auf dem Höhepunkt ist, treffen die beiden wieder aufeinander. Es entsteht eine skurril-apokalyptische Situation, in der die zwei so Grundverschiedenen versuchen, sich zusammenzutun, zu überleben. Dabei studieren sie sich gegenseitig…




Simon Strauß geht es um die Frage, ob die Dinge, die uns alltäglich umgeben, nicht tatsächlich uns etwas zu berichten haben. Die Häuser, Straßen, ja selbst ein Brückenpfeiler, an dem wir jeden Tag vorbeifahren, sie alle haben viel erlebt. Sind teils viel älter als wir. Sollten wir ihnen mehr zuhören?




Auf einer zweiten Ebene thematisiert die Novelle die Frage unseres Zusammenseins, -kommens. Ist es ein Zufall, der ein Paar sich verbinden läßt? Warum heiraten wir gerade diesen Menschen? Haben wir ihn uns bewußt gewählt? Hat das Leben ihn uns zugeführt? Simon Strauß‘ Novelle ist herausragend. Sie bringt uns an unsere Ur-Gründe, die wir so gern im Alltag beiseite schieben.

© Matthias Pierre Lubinsky 2023