Dez
01

Nicholas Pollack – Meadow

Nicholas Pollack, Dominoes (night), Secaucus, New Jersey, 2019
©2022 Nicholas Pollack






Secaucus ist ein gottverlassener Ort im US-Bundesstaat New Jersey. Im Jahr 1900 von Einwanderern gegründet, scheint dies unwirkliche Fleckchen Erde im Nordosten der USA, obwohl gar nicht so weit von der Metropole New York City entfernt, nun von der Zivilisation und ihren Versprechungen von immerwährendem Wachstum im Stich gelassen.



Der US-amerikanische Photograph Nicholas Pollack hat zwischen 2015 und 2020 die Landschaft zwischen dem Hakensack-River und dem Mill Creek photographiert. Neben der Landschaft liegt der Fokus seiner dokumentarisch anmutenden Aufnahmen auf Truckern. Sie machen am Rande der Straße auf einem schlammigen Parkplatz Pause. Sie kochen, quatschen – und versuchen offensichtlich, der armseligen Situation Leben abzutrotzen.



Nicholas Pollacks Farbphotos in seinem im Hirmer Verlag, München, erschienenen Buch Meadow stehen in der Tradition der klassischen Dokumentar-Photographie. Zugleich sind sie lyrische Hymnen an das Leben, an die Kameradschaft. Und an die Rückseite der bunten Wohlstandswelt.



Der wohl gestaltete Photoband wird ergänzt durch instruktive, kurze Texte auf Englisch. Der Literaturprofessor William Shullenberger informiert in seiner lesenswerten Einführung über die dokumentierte Wiesen- und Marschlandschaft, wo sich Süß- und Salzwasser mischen. Bei seinem ersten Aufenthalt als Kind Ende der 1970-er Jahre hätte er buchstäblich gedacht, nun sei er am Ende der Welt. John G. Stilgoe von der Harvard University analysiert im Schluss-Text des Buches das Wort ‚meadow‘ mit seiner Abstammung und seinen Bezügen.



Nicholas Pollack dokumentiert in seinen etwa 50 Photos das Überleben von Menschlichkeit in einer Zwischenwelt, auf die kein Glitzer fällt.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022




Nicholas Pollack – Meadow
Mit Texten von William Shullenberger, John Stilgoe, Yi-Fu Tuan
Text: Englisch
120 Seiten, 51 Abbildungen in Farbe
Format: 21 x 25,5 cm, Leineneinband mit eingefügter Fotografie

Hirmer Verlag, München, 2022
ISBN: 978-3-7774-3994-5
35,00 €

Nov
22

Zehn Gründe, Proust zu lesen

Marcel Proust (1871-1922). Schöpfer der Recherche






Aus Anlass des 100. Todestages von Marcel Proust hier zehn Gründe, warum jeder halbwegs intelligente Mensch Prousts Hauptwerk, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (À la recherche du temps perdu) gelesen haben sollte.




  1. Die Recherche, wie der Roman von seinen Liebhabern genannt wird, verändert Ihr Leben. Tatsächlich. Am Anfang merkt man das noch nicht. Hat man aber einige hundert Seiten absolviert oder vielleicht sogar die ersten der insgesamt sieben Teile gelesen, so wird einem allmählich gewahr, dass man die Reflexionen des Autors einerseits schätzt und andererseits mit eigenen Wahrnehmungen beginnt abzugleichen. Dann sagt man sich als Leser: Verdammt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Nur hätte ich es nicht so formulieren können.


  2. Aus diesem und vielen vielen anderen Gründen empfehlen wir, tatsächlich zu versuchen, den GESAMTEN Roman zu lesen. Um auf den Geschmack zu kommen, kann man sich durchaus zuvor ein wenig Lust holen, indem man in einem beliebigen Band blättert und einfach ersteinmal drauf los liest. Der Gewinn der Gesamtlektüre liegt aber gerade darin, dass Proust ein zeitlich-philosophisches Epos entwirft. Über hunderte von Seiten wird der Leser in ihren Bann gezogen und sinkt in die Welt Prousts ein…Es ist wie ein poetischer Traum.



    Ein Leben ohne Proust ist ein Leben des Mangels. (Jean Améry)



  3. Umso weiter Sie als Leser im Text kommen, desto stärker werden Sie alsbald feststellen, dass Sie beginnen, Ihren Alltag, Begegnungen, Gespräche, aber auch Ihre Vergangenheit anders zu reflektieren. Wir versprechen: Diese Lektüre erhöht Ihre Aufmerksamkeit und lenkt Ihre Gedanken auf Wesentlicheres.


  4. Haben Sie erst einmal mit der Lektüre dieses bedeutenden Werkes begonnen, so werden Sie sobald nicht mehr aufhören können. – Siehe 2. Sie werden das Buch möglichst überall hin mitnehmen. Sie wollen die Lektüre nicht unterbrechen. Irgendwann erwischen Sie sich, dass Sie sich für einige Tage krank melden, um die Recherche weiterlesen zu können.


  5. Proust infiziert. Bald werden Sie Ihren Freunden, Bekannten oder Kollegen mit groß aufgerissenen begeisterten Augen von Ihrer Leseerfahrung berichten – nein vorschwärmen. Und das ist auch gut so. So werden die Proust-Leser immer mehr.



    Manche Menschen verbringen ihr Leben mit nichts anderem, als Proust zu lesen. Das ist kein schlechtes Leben.
    (Michelle Houellebecq)




  6. Das Lesen von ungeheuren Bandwurmsätzen ist anfänglich wirklich anstrengend. Aber: Übung macht den Meister. Nach einiger Zeit merken Sie, dass Sie ein wenig müde sein können oder dass Ihre Kinder Lärm machen. Nur das stört Sie irgendwann nicht mehr. So schult die Recherche Konzentration und Sprachbewusstsein.


  7. Proust gibt uns die Gelegenheit, unser oberflächliches Leben im Mäuserad hinter uns zu lassen. Verlassen Sie die Spaßgesellschaft und widmen Sie sich einer Lektüre, die hilft zu sich zu kommen. Proust lesen heißt, bewusster zu werden.


  8. Liest man die Recherche konzentriert, so wird man zum Ergebnis kommen, dass es hier nicht um eine wie auch immer geartete Trauer wegen der Vergänglichkeit geht. Proust erschafft nicht eine dichterische Verdichtung von Wirklichkeit – sondern deren Auflösung!


  9. Nicht zu vernachlässigen ist, welcher Übersetzung man sich widmet. Es werden besonders günstige E-Books angeboten, deren Crux ist, dass deren Übersetzer nur wenige Bände ins Deutsche transferiert haben. Man sollte unbedingt zu einer Übersetzung greifen, die KOMPLETT vorliegt. Wir empfehlen diejenige von Eva Rechel-Mertens. Noch besser in der Revision von Luzius Keller (Frankfurter Ausgabe).


  10. So. Nun los!

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Nov
18

Marcel Proust – 100. Todestag


Marcel Proust (1871-1922)





Heute, am 18. November 2022 jährt sich der Tod von Maecel Proust zum 100. Mal. Proust gilt mit seinem etwa 4.200 Seiten umfassenden Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (À la recherche du temps perdu) nicht nur als einer der bedeutendsten Romanciers des 20. Jahrhunderts. Die – von Bewunderern liebevoll als Recherche bezeichnete – Folge von sieben Büchern ist ein dichtes Sittengemälde von Leben und Personen von Adel und Bourgoisie Frankreichs zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dieser grandiose Roman, ein nicht enden wollendes Universum einer vergangenen Zeit, die der Ich-Erzähler Marcel aus der Erinnerung schildert, scheint heute aktueller denn je. Kein Wunder, herrscht doch gerade weitestgehende Orientierungslosigkeit im Privaten wie Gesellschaftlichen.

Mehr über Mercel Proust beim DANSY-CLUB:
https://www.dandy-club.com/category/marcel-proust

Es erscheinen teils hoch interessante Bücher, die Marcel Proust in einer jeweils neuen, bislang ungewürdigten Facette würdigen. Hier nur zwei der wichtigsten Neuerscheinungen:



Proust von Roland Barthes




Besonders ans Herz möchten wir legen Proust von Roland Barthes. Ein Zeugnis einer lebenslangen Auseinandersetzung und kritischen Analyse von Prousts Werk und Leben durch den Pariser Semiologen Roland Barthes. In den bislang schon bei Suhrkamp erschienenn Büchern, wie den hoch interessanten Vorlesungen, taucht Proust immer wieder auf. Hier nun sind (endlich) zentrale Texte vom Post-Strukturalisten über Proust versammelt: Zeitschriftenbeiträge, Vorlesungen und Vorlesungsnotizen und eine Auswahl aus Barthes’ fast 3000 hinterlassenen Karteikarten zu Proust.

Ein Ereignis nicht nur für Proustianer!

Mehr Infos bei Suhrkamp:
https://www.suhrkamp.de/buch/roland-barthes-proust-t-9783518430743


Roland Barthes: Proust.
Aufsätze und Notizen.
Herausgegeben von Bernard Comment. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Bernd Schwibs.
Suhrkamp Verlag, 28,- Euro. Erscheinungstermin: 21.11.2022.







Isenschmids Essay erschien bei Hanser




Der Literaturkritiker Andreas Insenschmidt beleuchtet in seinem gerade eben erschienen Essay das Jüdische bei Proust.

Der in Berlin lebende Isenschmid sieht die Recherche als jüdisch „von der ersten Zeile der Entwürfe bis zum letzten Zettelchen aus der Todesnacht“. Die Dreyfus-Affaire nimmt in dem Roman breiten Raum ein, – vielmehr die Debatten darüber in den Salons und die Kämpfe von Dreyfus-Gegnern und -Befürwortern. Wir sind sehr gespannt und werden auf das Buch noch eingehen.

Hier gehts zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-elefant-im-raum/978-3-446-27271-2/


Andreas Isenschmid: Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische.
Hanser Literaturverlage 2022, 26,- Euro,


Matthias Pierre Lubinsky










Okt
13

Puschkin in Quarantäne

Das wohl gestaltete Bändchen der Friedenauer Presse






Alexander Puschkin (Puškin), Rosemarie Tietze (Hg.):
Puschkin in Quarantäne
113 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag.
Friedenauer Presse 2022, 22 Euro.




Das Jahr 1830 war für Alexander Puschkin ein außergewöhnliches: Seine Angebetete gibt ihm endlich das Jawort, die Cholera zwingt ihn zu langer Isolation auf dem Lande. Und aus all dem entspringt die produktivste Phase des Schriftstellers. Rosemarie Tietze hat ein Büchlein zusammengestellt, das uns Heutigen diese Periode anschaulich macht.



Alexander Puschkin befand sich im Jahr 1830 in einer besonders bewegten Phase seines sowieso nicht gerade langweiligen Lebens. Im Jahr zuvor hatte der Dichter, der nun schon Berühmtheit erlangt hatte, seiner Auserwählten einen Heiratsantrag gemacht. Natalja Nikolajewna Gontscharowa soll eine gefeierte Moskauer Schönheit gewesen sein. Sie war zwar erst 16 Jahre alt. Aber das galt damals nicht unbedingt als unschicklich. Viel schwieriger war für Puschkin von Anfang an das Verhältnis zu seiner (künftigen) Schwiegermutter. Sie hielt den Salonlöwen und Dandy für nicht ganz ehrenwert und ihre Tochter für zu jung. Aber letztlich lockte die Aussicht auf eine bessere finanzielle Stellung für die gesamte Familie. Denn die Puschkins besaßen Land und gehörten immerhin zum Adel.


Das Jahr 1830, in dem Puschkin seiner Verehrten näherkommen wollte, hielt aber für den Werbenden, aufstrebenden Dichter, eine große Schwierigkeit parat. In Russland wütete die Cholera. Rosemarie Tietze gibt dem Leser in dem von ihr zusammengestellten Büchlein der Friedenauer Presse ein Bild von der Summe der immer wieder aufs Neue entstehenden Probleme und Unwägbarkeiten, denen sich der tatendurstige Puschkin ausgesetzt sah.


Meine teure, meine liebe Natalja Nikolajewna – ich liege vor Ihnen auf den Knien, um Ihnen zu danken und Sie um Verzeihung zu bitten für die Unruhe, in die ich Sie versetz habe.
Ihr Brief ist reizend und hat mich vollkommen beruhigt. Mein Aufenthalt hier könnte sich eines ganz unvorhergesehenen Umstands wegen hinziehen: Ich dachte, das Land, das mein Vater mir gegeben hat, sei ein separates Gut, aber es ist Teil eines Dorfes mit 500 Seelen, da muss noch eine Teilung vollzogen werden […].

Brief vom 9. September 1830


Im Spätsommer 1830 reist Puschkin nach Boldino, zu dem Land, das sein Vater ihm übereignet hatte. Die beschwerliche Kutschfahrt dauert drei Tage. Zu diesem Zeitpunkt konnte der Dichter noch nicht ahnen, dass sich die Cholera der Gegend nähert – und dort letztlich für geschlagene drei Monate festhalten sollte. Es sollte die schriftstellerisch produktivste Zeit Puschkins überhaupt werden.


Rosemarie Tietze verknüpft Briefe Puschkins an seine Verlobte und Freunde in chronologischer Folge mit kurzen erläuternden, biographischen Texten. Sie tragen zum Verständnis der Korrespondenz wesentlich bei. Abgerundet wird das in Wollfs Broschur gestaltete wohlfeile Bändchen durch Puschkins fröhlich-anarchistischen Einakter Das Festmahl zur Zeit der Pest.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Sep
16

Stanley Greenberg – Olmsted Trees

Stanley Greenberg, Quercus alba, White Oak, Washington Park, Milwaukee, Wisconsin, 2021, © Stanley Greenberg






Stanley Greenberg (Photos): Olmsted Trees
160 Seiten mit 100 zumeist großformatigen Photos in Schwarz-Weiß.
Hirmer Verlag 2022, gebunden, 34,90 Euro.





Frederick Law Olmsted war Pionier der Landschaftsarchitektur in den USA. Seine grandios-kompromisslosen Park-Gestaltungen geben noch heute Städten wie New York oder Boston ihr grünes Gesicht. Stanley Greenberg hat besonders beeindruckende Bäume aus diesen Parks in Schwarz-Weiß photographiert.





Frederick Law Olmsted (1822 – 1903) gilt heute als Begründer der Landschaftsarchitektur in den USA. Er kann in einer Reihe gesehen werden mit den großen europäischen Landschaftsarchitekten Lenné und Fürst Pückler. Olmsteds Ansatz unterschied sich zu seiner Wirkungszeit von dem seiner Konkurrenten: Er wollte zusammen mit seinem engsten Mitarbeiter Calvert Vaux den Menschen Parks zur Verfügung stellen, die den Spaziergang und Aufenthalt in der Landschaft zu einem Erlebnis machen.




So wollte er den Central Park in New York City gestalten »als ein tatsächlich öffentlich zugängliches Gelände [als] eine Notwendigkeit für zivilisiertes städtisches Leben«. Olmsted und Vaux gewannen 1857 mit ihrem Greensward Plan die Ausschreibung, weil dieser durch die Vielfalt verschiedener Landschaftselemente überzeugte. Eine sorgfältig geplante Modellierung des kargen Geländes, die Anpflanzung von Baumgruppen und vielerlei durchdachte Details sollten eine urbane Grünfläche entstehen lassen, die durch die Vielzahl ihrer atmosphärischen Orte und Verweilmöglichkeiten die Großstadtbewohner einladen sollte.



Stanley Greenberg, Fagus sylvatica „Aplenifolia“, European Beech, Arnold Arboretum, Boston, © Stanley Greenberg




Olmsted schuf mit seinen Mitarbeitern in den USA gut zwei Dutzend Parks, die noch heute urbane, grüne Lebensqualität spenden. Konzentriert sind seine Parks im Westen der USA, vor allem im Staat New York, in Rochester und Boston. Das Photo-Buch Olmsted Trees präsentiert eine Auswahl besonders beeindruckender Bäume aus diesen Parks, ästhetisch in Schwarz-Weiß photographiert von Stanley Greenberg. Sie sind nun sämtlich deutlich über 100 Jahre alt – und so, wie sie sich Olmsted sicher vorgestellt hatte. Gedruckt auf 170 Gramm Magno Volume-Papier entstand ein bibliophiles Photo-Buch nicht nur für Baum-Liebhaber. Ergänzt wird der gebundene Band durch eine Liste sämtlicher Olmsted-Parks mit Ort und Entstehungsjahr und kurze, prononcierte Texte zu Olmsteds Wirken.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Aug
05

Aleksandr Puškin – Ibrahim und Zar Peter der Große

Pyotr Sokolov: Aleksandr Puškin





Aleksandr Puškin – Ibrahim und Zar Peter der Große
Vormals: Der Mohr Peters des Großen
Friedenauer Presse, Wolffs Broschur, 95 S., 2021, 18 Euro.





Aleksandr Puškin (1799-1837), posthum zum russischen Nationaldichter ernannter Autor von Weltrang, hatte einen afrikanischen Urgroßvater. Hannibal wurde als Achtjähriger verschleppt und nach Konstantinopel gebracht. Puškin widmete ihm einen Roman – der allerdings ein Fragment blieb.



Dass sich Puškin für seinen Urgroßvater interessierte, kann nicht verwundern. Schließlich war sein eigenes recht kurzes Leben ebenfalls reich an Abenteuern und heute skurril wirkenden Verwicklungen. Und über Hannibals Schutzpatron Peter I. verfasste er mehrere ausführliche Versdichtungen und eine historisch genaue Chronologie, die jedoch nie in Deutsch erschien.


Abram Petrovic Hannibal wurde mit acht Jahren aus Afrika verschleppt und nach Konstantinopel verbracht. Dort wurde er vom russischen Gesandten freigekauft und Zar Peter I. als Geschenk geschickt. Peter der Große nahm ihn als Patensohn an und ließ ihn taufen. Als Hannibal 18 Jahre alt ist, schickt ihn der Zar nach Frankreich, um dort eine militärische Ausbildung zu absolvieren. Dort geht Hannibal eine Beziehung zu einer Gräfin ein, aus der ein Kind entsteht. Um keine Probleme zu bekommen, lässt die Adlige das Baby gegen ein weißes austauschen. Im Rang eines Leutnants der französischen Armee kehrt er an den Zarenhof zurück.


Hannibal verlässt Paris und seine Geliebte, ohne sich von ihr zu verabschieden. Er sieht in dieser Beziehung keine Zukunft und gibt dem Drängen des Zaren nach, der ihn bei sich wünscht. Wieder zurück in St. Petersburg will ihn Peter der Große mit der Tochter eines Bojaren vermählen. Die junge Frau weigert sich und lässt verkünden, sie würde lieber sterben, als mit einem „Mohr“ vermählt zu werden.


In Puškins Romanfragment wird aus Hannibal Ibrahim. Ansonsten hält sich der Nachfahre wohl weitgehend an die historischen Gegebenheiten. Einem Freund gegenüber äußerte Puškin, die Hauptperson des Romans solle sein Urgroßvater Hannibal sein. Die wesentliche Handlung sollte die Intrige um die Verleugnung seines Kindes durch die Mutter darstellen.


Die Friedenauer Presse wiederveröffentlicht Ibrahim und Zar Peter der Große, das vormals im Deutschen nach dem Original-Manuskript betitelt wurde als Der Mohr Peters des Großen in der erstmals 1999 erschienenen Übersetzung von Peter Urban in bibliophiler Wolffs Broschur. Hilfreich sind die Anmerkungen des Übersetzers nebst einer kurzen Historie der Veröffentlichungs-Geschichte.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Jun
17

Herbert List – Das magische Auge



Ausstellung: Bucerius Kunst Forum, Hamburg
noch bis 11. September 2022
Katalog: Hirmer Verlag, München
288 Seiten mit 318 Abbildungen in Schwarz-Weiß. 45 Euro.



Herbert List, Unter dem Poseidontempel, um 1936,
Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus






Das Bucerius Kunst Forum, Hamburg präsentiert die erste Retrospektive zu Herbert List (1903 – 1975) seit über zwei Jahrzehnten. Mit rund 240 Vintage-Prints, Erstausgaben von Publikationen und bislang selten ausgestellten Photographien vermittelt die hochkarätige Schau einen fulminanten Einblick in das photographische Schaffen des gebürtigen Hamburgers.




Herbert List, 1903 als ältester Sohn eines Kaffeehändlers in Hamburg geboren, tritt mit 20 Jahren in die elterliche Firma ein. Monatelange Reisen zu Kaffeeplantagen in Brasilien und Mittelamerika motivieren ihn zu einem mobilen und an fremden Kulturen interessierten Lebensstil mit der Kamera. Im Jahr 1936 entscheidet sich List, die Photographie zum Beruf zu machen. Im selben Jahr sieht er sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Er geht zuerst nach Paris, um nur kurze Zeit später für mehrere Monate zu Griechenland zu reisen. Hierher wird er sein Leben lang immer wieder zurückkehren, um Aufnahmen im Geiste des seit 1900 wirkenden Jünglingskultes zu machen. Da Griechenland im April 1941 von Deutschland besetzt wird, muss er wiederum fliehen. Er geht nach München, wo er den Rest seines Lebens sesshaft sein wird.



Die Ausstellung beginnt mit Hamburg als dem Ausgangspunkt von Lists Photo-Laufbahn. Angeregt durch seinen Freund Andreas Feininger, der ihn von dem Erwerb einer Rolleiflex-Kamera überzeugt, intensiviert er 1930 seine Photographie. Geschult am Blick berühmter Vorbilder wie Brassai widmet er sich nächtlicher Stadt-Szenen.


Herbert List, Geist des Lykkabettos, 1937, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv List, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus





In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg experimentiert List mit Stillleben, die an der Neuen Sachlichkeit orientiert sind. Durch das gesamte Werk von Herbert List ziehen sich Aufnahmen von jungen, athletischen Männern. Sie gelangen in der Sonne Hellas besonders gut und sind zugleich als Bekenntnis zu seiner Homosexualität zu verstehen. Nach dem Krieg geht Herbert List auf ausgedehnte Reisen. Neben Griechenland zieht es ihn nach Italien. In Rom und Neapel entstehen eindrückliche Moment-Aufnahmen eines sensiblen Flaneurs. Später erweitert er sein Schaffen um das Portraitieren von berühmten Künstlern. Es entstehen eindrucksvolle Portraits unter anderen von Picasso, Pasolini und Ingeborg Bachmann.


Ende der 1960er Jahre schwindet Lists Interesse an der Photographie, und er widmet sich hauptsächlich seiner Sammlung italienischer Meisterzeichnungen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. List stirbt am 7. Oktober 1973 in der Toscana.


Herbert List, Der Gehörnte, 1953, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv List, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus




Zur Ausstellung erscheint ein empfehlenswerter Katalog im Münchener Hirmer Verlag. Auf über 300 Seiten dokumentiert das gebundene Buch 318 (fast ausschließlich) Schwarz-Weiß-Photographien. Lesenswerte Texte veranschaulichen Leben und Werk von Herbert List, ohne sich in wissenschaftlichen Ausschweifungen zu verlieren. Die Reproduktion der Photos ist hochwertig, sodass der wohlfeile Band jede Photobuch-Sammlung bereichert.


© Matthias Pierre Lubinsky 2022





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Feb
15

Szczepan Twardoch – Demut

Ein bildmächtiger Roman über die Zeit des Ersten Weltkrieges



Szczepan Twardoch – Demut
Übersetzt von Olaf Kühl
464 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Verlag Rowohlt Berlin, 25 €.
Erscheint am 15. Februar 2022





Alois Pokora dient für Polen im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg gerät er zwischen alle politischen Fronten – obwohl er sich eigentlich nie für eine Seite klar entschieden hat. Szczepan Twardochs neuer Roman Demut ist ein Opus der polnisch-deutschen Geschichte. Herausragend geschrieben und fulminant übersetzt.




Alois Pokora dient vier Jahre für Polen im Ersten Weltkrieg. Neben ihm sterben seine Kameraden im Granatenhagel. Er sieht bestialisches Morden – obwohl er vom Leben kaum noch etwas weiß. Der junge Mann stammt aus einfachsten Verhältnissen, einer Bergarbeiterfamilie. Sein Vater macht seiner Mutter soviele Kinder, dass sie die kaum durchbringen können. Ein Pfarrer sorgt dafür, dass Alois einen anderen Weg gehen kann als sein Vater, Großvater, die Onkel. Er soll nicht in die Grube, um sich die Gesundheit zu ruinieren und von der extrem harten Arbeit kaum leben zu können. Er macht das Abitur, um schließlich in Breslau zu studieren.




Nach einem Angriff der Franzosen erwacht Alois im Krankenhaus und kann sich zunächst nicht erinnern. Das Bethanien liegt mitten in Berlin. Aus dem Fenster seines Zimmers sieht er nun unvermittelt den Bürgerkrieg. Der Kaiser hat sich nach Holland abgesetzt und hinterlässt ein Machtvakuum. Die Gruppen und Grüppchen, die gegeneinander kämpfen, um die Macht im zerfallenden Reich zu erringen, scheinen unüberschaubar. Kaisertreue gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Bürgertum und dazwischen die zurückkehrenden Soldaten, die von mehr oder weniger radikalen Verbänden umworben werden.




Szczepan Twardoch baut die Erzählung wie ein Tagebuch. Der Protagonist Alois Pokora ist mitten im Geschehen. Er fällt in seinen Gedanken immer wieder in Erinnerungen, vor allem in die seiner kurzen unbeschwerten Zeit während des Studiums in Breslau. Über allem steht allerdings seine Liebe zu Agnes. Einer Frau, der er tatsächlich nie wirklich nahe war, aber umso mehr vergöttert.




Der 463 Seiten starke Roman Demut ist ein Meisterwerk, in dem es dem schlesischen Autor gelingt, die polnisch-deutsche Geschichte des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive eines jungen polnischen Mannes zu erzählen, der in seinem Leben nie weiß, wo er wirklich hingehört. Für welche Seite zu engagieren es sich lohnt. Immer wieder gerät Alois Pokora dennoch mitten ins Geschehen, ob er will oder nicht. Er kämpft für so manche Seite, ohne es eigentlich zu wollen. Twardoch versteht es meisterhaft, das Schicksal eines Menschen zu schildern, der wahrhaft nach dem Wahren und Richtigen auf der Suche ist – es aber offensichtlich nicht zu finden vermag.




Der Leser wird Zeuge der historischen Ereignisse während und nach dem Ersten Weltkrieg. Wir erleben die Straßenschlachten in der Mitte Berlins, die beschauliche Ruhe im gar nicht so weit entfernten Schlesien. Der Leser hört Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor ihren roten Kämpfern ihre pathetischen Reden schwingen. Kurze Zeit später gerät Alois Pokora auf ein Rittergut und wird ungewollt in einen Kreis von jungen Adligen aufgenommen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Kommunistenführer zu töten…




Szczepan Twardochs neuer Roman Demut ist ein grandioses Opus Magnum über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Historisch hält sich Twardoch eng an die Tatsachen, dabei liest sich das Buch wie ein Krimi. Aber noch mehr ist es eine Reflexion über den Wert von Ideologien, über den Sinn des Lebens und die Kraft der Liebe. Herausragend geschrieben und grandios von Olaf Kühl übersetzt.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022



Szczepan Twardoch – Wale und Nachtfalter

Szczepan Twardoch – Der Boxer


Jan
18

Oh Yeah – Yello 40

Boris Blank und Dieter Meier 1985
Photo: Anton Corbijn
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Boris Blank, Dieter Meier: Oh Yeah – Yello 40
Hardcover, 450 Seiten, 723 Abbildungen, 29.7 × 21 cm
Edition Patrick Frey 2021





Die Schweizer Elektro-Pop-Band Yello feiert ihr 40-jähriges Bestehen und macht ihren Fans ein riesen Geschenk: Das Buch Oh Yeah/Yello 40 präsentiert ihre Geschichte in 450 meist farbigen Abbildungen. Ein bibliophiles Masterpiece nicht nur für Elektro-Pop-Jünger.



Das Leben kennt keine Zufälle, nur Fügungen. Ende der 1970er Jahre lernten sich Boris Blank und Carlos Perón in einem Testlabor für Auto-Entwicklung kennen, als beide unabhängig voneinander Motorensounds aufnehmen wollten. Kurz darauf begannen sie gemeinsam, Geräusche aufzunehmen, um diese in avantgardistische Musik zu verarbeiten. Paul Vajsabel, legendärer Inhaber eines Plattenladens in Zürich, empfahl den beiden dann Dieter Meier als Sänger. Yello war geboren.

Vor der Roten Fabrik, 1983
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





1979 veröffentlichte Yello ihre erste Maxi-Single. Ein Jahr später hatte sich der Ruf der Musiker bereits bis in die USA verbreitet. Hier war die Discowelle auf dem Höhepunkt. Eine intelligentere und anspruchsvollere Variante elektronischer Partymusik wurde gesucht. So konnte es nicht verwundern, dass Yello rasch mit dem Label Ralph Records einig wurde und einen Plattenvertrag in den Staaten an Land zog. 1983 verließ Carlos Perón die Band, die seitdem nur noch aus Dieter Maier und Boris Blank besteht.




Seitdem ging es nur noch aufwärts. Bereits die zweite Single Bostich wurde zum viel gespielten Clubhit. Die Story der Band ist bekannt oder kann nachgelesen werden. Viel interessanter an Yello ist, daß es sich nie nur um eine reine Musik-Gruppe handelte. Von Anfang an drehten die Musiker ihre Videos zu den Songs selbst und gestalteten die Werbung. Auch die Clips werden in dem opulenten Band präsentiert und machen Lust, sich neben den einzelnen Photos davon sich auch das gesamte Video im Netz anzuschauen.

Das Yello-Studio in der Roten Fabrik, Zürich 1980
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Viel zum Verständnis des Gesamt-Kunstwerks Yello trägt bei, wenn man sich das weitere künstlerische Schaffen von Dieter Maier ansieht. Im Jahr 2013 fand im Aargauer Kunsthaus Aargau die seinem bildnerischen Schaffen gewidmete Ausstellung In Conversation statt. Schon in seinen frühen Photos und Performances sind die Anklänge der Yello-Videos zu finden. So wird man Yello nicht gerecht, bezeichnet man die Band nur als Elektro-Pop. Yello ist ein Gesamtkunstwerk, das aus der perfekten Symbiose des Klangsammlers Boris Blank und dem dandyistischen Gesang von Dieter Maier den Dadaismus in die elektronische Musik gerettet hat.





Der fulminante Bildband ist ein inhaltlicher und gestalterischer Genuß: Die zahlreichen Photos von der gesamten, bisher 40 Jahre umfassenden Geschichte von Yello, werden ergänzt durch zahllose Dokumente wie Plattencover, Eintrittskarten, Manuskripte, Werbephotos &C. &C.




Eine bild-ästhetische Augenweide nicht nur für die Fans von Yello.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Dez
28

Joris-Karl Huysmans – Lourdes

Bibliophile Ausstattung: Gebunden in Halbleinen, Lesebändchen





Joris-Karl Huysmans:
Lourdes – Mystik und Massen
320 Seiten. Gebunden in Halbleinen mit Leseband.
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2020.





Joris-Karl Huysmans‘ letztes Buch erscheint erstmals auf Deutsch. Der Lilienfeld Verlag bringt Lourdes – Mystik und Massen in einer fulminanten Übersetzung von Hartmut Sommer in bibliophiler Ausstattung.




Der französische Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907) ist den Lesern des DANDY-CLUB ein Begriff: Immerhin ist er der Schöpfer der Bibel des Dandyismus, À rebours (Gegen den Strich). Huysmans schrieb den Roman 1884 quasi als Gegengift gegen den zu dieser Zeit in Frankreichs Literatur herrschenden Naturalismus, – vor allem repräsentiert durch Emile Zola. Der Protagonist Des Esseintes durchstreift verschiedene Wissensgebiete, wobei er sich vom Geschmack der Masse erwidert abwendet und jeweils eigene Ästhetik-Gesetze aufstellt.


Huysmans‘ 1891 erschienener Roman Tief unten (Là-bas) handelt von einem lebensmüden Schriftsteller, der auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens sich auf die Erforschung des Satanismus begibt. Beide Romane sind Stationen in Huysmans Suche nach einer geistigen Heimat. Beide Romane enden ähnlich und deuten an, dass letztlich die Rückkehr zu Gott die einzige Erlösung sein kann.


In anderen Büchern hat Huysmans, der in Paris geboren wurde und starb, sich explizit mit dem Katholizismus auseinandergesetzt. So kann es nicht verwundern, dass sein letztes Buch, das im Original zuerst 1906 erschien, nun sozusagen in das Zentrum der französischen Glaubens-Praktizierung blickt. In Lourdes beschreibt er ausführlich diesen Wallfahrtsort und seine Pilger.


Huysmans war zwar ein lebenslang Suchender. Religiöser Kitsch und fanatische Menschenmassen lehnte er jedoch ab. Deshalb musste er sich von Freunden drängen lassen, nach Lourdes, in den Ausläufern der Pyrenäen, zu reisen. Hierher kamen ungeheure Menschenmassen, seitdem 1858 der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous mehrfach die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Unter ihnen viele, die sich Heilung von schwerer Krankheit erhofften. Huysmans – intelligenter und empfindsamer Ästhet – war zunächst von den Menschenmassen, dem medizinischen Massenbetrieb und dem Religionskitsch abgestoßen. Nach einer Weile bemerkt er aber das zutiefst Menschliche in dem ganzen Treiben und beginnt, es mitzumachen.


Da Huysmans ein äußerst genauer Beobachter mit einer großen Sprachgabe gewesen ist, entsteht so ein anschaulicher Bericht über Lourdes und seine Pilger zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein beeindruckendes Zeitdokument, da der Autor ohne flache Wertungen viele – teils wahrlich skurrile – Geschehnisse schildert. Dank an den kleinen Lilienfeld Verlag, dass diese erstaunliche Reportage nun endlich das deutsche Publikum erreicht.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

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