Jul
05

Turner – Das Meer und die Alpen

Joseph Mallord William Turner, The Blue Rigi, Sunrise, 1842
Aquarell auf Papier, 29.7 x 45 cm, © Tate, London, 2019





Turner – Das Meer und die Alpen ist eines der Ausstellungs-Highlights 2019. Das Kunstmuseum Luzern feiert mit dieser grandiosen Schau eines der angesehensten britischen Maler das 200-jährige Bestehen seines Kunstvereins. Begleitet wird die Ausstellung von drei bibliophilen Büchern aus dem Münchner Hirmer Verlag.



Turner – Das Meer und die Alpen

Ausstellung im Kunstmuseum Luzern 6. Juli – 13. Oktober 2019.

Katalog im Hirmer Verlag: 180 Seiten mit 100 Farbabbildungen auf Kunstdruckpapier, 34,90 €.

J. M. W. Turner: Luzerner Skizzenbuch. 64 Seiten mit 31 Farbabbildungen, gebunden in Leinen mit eingelassenem Frontbild, Hirmer Verlag 2019, 22 €.

J. M. W. Turner: Skizzenbuch Wolken. 152 Seiten mit 144 Farbabbildungen, gebunden in Leinen mit eingelassenem Frontbild, 29,90 €.





William Turner (1775-1851) gilt heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne in der Malerei. Das ist Fluch und Segen zugleich. Segen insoweit, als es nicht falsch ist. Fluch, weil es die Sicht auf die tatsächliche Genialität seiner Malerei verengt. Turner hatte das Glück, daß seine große Begabung bereits früh von seinem Vater gesehen und gefördert worden ist.




Der vorläufige Frieden auf dem Kontinent erlaubte es dem neugierigen und aufstrebenden Künstler, 1802 zum ersten Mal in die Schweiz zu reisen. Dem sollten bis 1844 fünf weitere Aufenthalte folgen. Für seine Ausflüge favorisiert er die Stadt Luzern, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts touristisch noch nicht erschlossen gewesen ist. Turner sucht dabei insbesondere die Lichtverhältnisse und Natureindrücke zwischen dem die Sonne spiegelnden Wasser und den bedrohlich wirkenden Bergen. Das Luzerner Skizzenbuch und das Skizzenbuch Wolken sind originalgetreue Reproduktionen der Skizzenbücher, die der englische Maler mit sich führte und die für eine Vielzahl späterer Werke die Vorlage und Inspirationsquelle werden sollten.




Die umfangreiche Ausstellung des Kunstmuseums Luzern präsentiert über 100 Werke. Sie wurde nur möglich durch die Kooperation mit der Tate London, die viele der Bilder zur Verfügung gestellt hat. Der Nachlaß Turners umfaßt 30.000 Werke auf Papier, 300 Ölgemälde und ganze 280 Skizzenbücher, die allesamt von der Tate Britain bewahrt werden. Unbedingt empfehlenswert sind alle drei Begleit-Bücher, die die Ausstellung durch ihre Beiträge vertiefen und an langen Winterabenden stilvoll rekapitulieren lassen. Der Katalog mit dem Titel der Ausstellung präsentiert sämtliche ausgestellten Werke großformatig auf Kunstdruckpapier. Neben anderen Textbeiträgen schwärmt der Schriftsteller Cees Nootebohm fulminant von Turner. Eine Biographie und Bibliographie ergänzen den wohlfeilen Kunstband. Die beiden bereits erwähnten Skizzenbücher sind ein Genuß für Freunde der Malerei; für Fans von Turner ein Muß; für Bücherliebhaber etwas Besonderes, sind doch in Format und Papier originalgetreue Reproduktionen der Skizzenbücher, die der schrullige Brite in der Schweiz füllte.




Ein großes Verdienst der außergewöhnlichen Ausstellung ist, Turner vom Sockel eines der ersten Künstler der Moderne insoweit zu entheben, als daß er im Kontext seiner Zeit präsentiert wird. Er selbst wußte wohl am besten, welche Rolle er schon zu Lebzeiten spielte. Als John Ruskin ihn im Frühjahr 1844 in seiner Turner Gallery besuchte und ihn auf die spezielle Atmosphäre seiner Bilder ansprach, soll Turner geantwortet haben: »Yes, atmosphere is my style.«


Jul
01

Karl Lagerfeld – Karlikaturen





Karl Lagerfeld – Karlikaturen
Herausgegeben von Alfons Kaiser.
160 Seiten mit 75 Farbabbildungen.
Gebunden, Steidl Verlag 2019, 34 €.




Karl Lagerfeld, der am 19. Februar 2019 gestorben ist, war nicht nur ein begnadeter Modemacher, Photograph, Designer und Verleger. In den letzten Jahren seines Lebens fügte er seinem kreativen Wirken eine weitere Facette hinzu, der des Karikaturisten. Karl Lagerfeld – Karlikaturen versammelt alle für die Frankfurter Allgemeine Zeitung angefertigten Karikaturen.




Karl Lagerfeld (1933-2019) schien sein Ruhm als bedeutendster Deutscher, als einflußreichster Modeschöpfer, gar als arbiter elegantiarum nicht genügt zu haben. Deshalb schickte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) im Jahr 2012 eine Karikatur und schrieb dazu, wenn die Zeitung Interesse hätte, könne sie diese gern drucken. Sie hatte. Und damit nicht genug. Die FAZ bot Lagerfeld an, wenn er denn möge, würde man gern regelmäßig seine Karikaturen drucken. So entstand eine Kooperation, die von 2012 bis kurz vor seinem Tod Anfang dieses Jahres dauerte.




Das nun erschienene Buch Karl Lagerfeld – Karlikaturen versammelt alle 75 für die FAZ und das FAZ-Magazin angefertigten Karlikaturen, wie Lagerfeld, um findige Wortspiele niemals verlegen, seine gezeichneten Kommentare zum politischen Geschehen nannte.




Karl Lagerfelds Karikaturen sind nicht nur zeichnerisch von hoher Qualität. Der große deutsche Dandy maßte sich auch den Luxus einer eigenen Meinung jenseits des deutschen Mainstreams an. So kritisierte er mehrmals vehement die Flüchtlingspolitik Merkels. Lagerfeld war einer der ersten, der deutlich äußerte, Deutschland werde sich durch die Aufnahme von einer Million Muslime (Stand 2015) deutlich verändern. Auch wies der Modezar auf den Zusammenhang der muslimischen Massenaufnahme mit der Explosion des Antisemitismus hin.




In vielen seiner Karlikaturen zeigt sich Lagerfeld als aufmerksamer und gebildeter Beobachter seiner Zeit. So manche seiner Karikaturen ist denen seiner Kollegen an visionärer Weitsicht überlegen.



Jun
27

Serge Ramelli – Paris (Farbe)

Photo © 2019 Serge Ramelli. All rights reserved.

 

 

 

 

Serge Ramelli: Paris (Farbe)
176 Seiten mit ca. 80 Farbphotographien
Texte in Deutsch, Englisch und Französisch.
teNeues Verlag 2019, 39,90 €.

 

 

Serge Ramelli ist wohl einer der erfolgreichsten Photographen der Welt. Bei seinen Photo-Kunstwerken setzt er Digitaltechnik ein und bearbeitet sie mit Photoshop. Nun erscheint sein großformatiges Buch mit Farbbildern von Paris.

 

 

 

Serge Ramelli setzt die aktuelle Technik exzessiv ein. Er photographiert digital und bearbeitet die Bilddateien anschließend. Bei manchen Aufnahmen, wie sie dann letztlich veröffentlicht werden, hat er eine mehrfache Zeit der Nachbearbeitung gewidmet im Verhältnis zur Dauer der Aufnahme.

 

 

 

 

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Jun
19

Simon Strauß – Römische Tage

Rom, Piazza del Popolo, Gemälde von Caspar van Wittel, 1718

 

 

 

 

Simon Strauß, Römische Tage
142 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 18 €,
Tropen Verlag
Erscheint am 22. Juni 2019.

 

 

 

Das neue Buch von Simon Strauß, Römische Tage, erzählt vom zweimonatigen Rom-Aufenthalt des Theaterkritikers im vergangenen Jahr. Es ist eine beschwingte Eloge der italienischen Hauptstadt. Die Buchvorstellung geriet aufgrund römischer Temperaturen am italienischsten Platz Berlins zu einer adäquaten Präsentation.

 

 

 

Die Schizophrenie eines Landes zeigt sich am Umgang mit seinen Intellektuellen. Simon Strauß‘ erster Roman Sieben Nächte, 2017 erschienen, war eine zeitgemäße Bibel des dandysme: Der vor dem Erwachsenenleben stehende Ich-Erzähler will der Langeweile des politisch und sozial überkorrekten Erwerbslebens entfliehen, indem er in sieben Nächten die sieben Todsünden absolviert. Eine Reihe von Kritikern warf dem 1988 geborenen Autoren vor, mit seinem Ästhetizismus und Gefahrenkult protofaschistisch zu sein. Kleiner ging’s wohl nicht.

 

 

 

Man war unweigerlich erinnert an die Kampagne, die die Zeitschrift Theater Heute 25 Jahre zuvor initiiert hatte: Nachdem der Vater, Botho Strauß, einer der bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands, in einem konservativen Buch seinen Essay Anschwellender Bocksgesang publiziert hatte, forderte die Fachzeitschrift allen Ernstes ein Spielverbot seiner Stücke. Dieser Zensur-Vorstoß ging damals gründlich nach hinten los. Viele Autoren und Regisseure solidarisierten sich mit Botho strauß

 

 

 

Römische Tage ist ein autobiographischer Reisebericht. Simon Strauß erkundet die italienische Metropole auf den Spuren seiner Literatur-Vorgänger von Goethe bis Ingeborg Bachmann. Zugleich ist das nur gute 100 Seiten schmale Buch eine Art Selbstsuche. Besonders interessierte Strauß, der Theaterkritiker bei der Frankfurter Allgemeinen ist, die Allgegenwärtigkeit des Gewesenen und der selbstverständliche Umgang der Römer damit. Rom repräsentiere für ihn, »das gelassene Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart«. Entstanden ist eine Melange aus Reportage, Essay und Empfindungsbericht, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war.

 

 

 

Die Buchvorstellung hätte an keinem passenderen Platz stattfinden können. Die Buchhandlung Geistesblüten, die die erste Vorstellung des Buches in Deutschland ausrichtete, liegt am Walter-Benjamin-Platz in unmittelbarer Nähe zum Kurfürstendamm. Es ist wohl der am stärksten italienisches Lebensgefühl vermittelnde Ort Berlins. Die Mischung aus Restaurants, Cafés, die zum Draußensitzen einladen und ein begehbarer Springbrunnen boten das passende Ambiente für die dandyeske Lesung bei authentisch römischem Wetter.

 

© Matthias Pierre Lubinsky 2019

Jun
11

Sheila Rock – The Floating World

© Sheila Rock, Yukihiro Takahashi Ymo, London 1981

 

 

 

Die Berliner Photogallerie Johanna Breede Photokunst präsentiert Sheila Rock in einer Einzelausstellung. Sheila Rock war eine der bedeutendsten Dokumentarfilmerinnen der britischen Punk-Ära der 1970er Jahre. Ihr internationaler Durchbruch geschah durch ihren Photo-Essay Tough and Tender über die englische Küste.

 

 

Sie arbeitete unter anderen für das Magazin The Face, Vogue, Elle, Glamour und Architectural  Digest. Auch  die Sunday Times, das Telegraph Magazine, Time Magazine und Rolling Stone publizierten ihre Photos.

 

 

Johanna Breede Photokunst schließt Deutschland mit dieser kleinen, hochkarätigen Ausstellung an internationales Weltniveau an, – an Schauen in London, Turin, New York und Asien von Sheila Rock.

 

 

 

Sheila Rock – The Floating World
noch bis 30. August 2019

Johanna Breede PHOTOKUNST

Fasanenstr. 69, 10719 Berlin
T +49 (0)30-889 13 590
www.johanna-breede.com
Di-Fr 11-18 Uhr + n.V.
Johanna Breede PHOTOKUNST

 

 

 

 

 

Mai
22

Gerard Hoffnung – Vögel, Bienen, Klapperstörche

Dank des L.S.D. Verlags ist das ironische Büchlein wieder erhältlich
© L.S.D. Verlag 2019

 

 

 

 

Gerard Hoffnung: Vögel, Bienen, Klapperstörche
64 Seiten mit 47 Illustrationen
L.S.D. Verlag 2019, gebunden, 14 €.

 

 

 

 

Gerard Hoffnung hatte viele Talente. Er war nicht nur Karikaturist und Journalist. Noch heute ist sein Name in England bekannt für das von ihm organisierte Musikfestival, das jährlich in der Londoner Royal Festival Hall stattfand. Sein kleines Cartoon-Büchlein über das heikle Thema Wie bringe ich als Vater meinem Sohne bei, woher die Kinder kommen? ist seit vielen Jahren in den Antiquariaten so gut wie verschollen. Nun hat es der L.S.D. Verlag wieder publiziert.

 

 

 

 

Das Problem kannte in der Vergangenheit wohl jeder Vater: Wie bringe ich meinen Kindern möglichst schonend und dabei gleichzeitig plausibel bei, wie die Menschenkinder entstehen? Gerard Hoffnung hat dem ein kleines Büchlein gewidmet mit 46 Cartoons. Sie erzählen in gezeichneten Schnappschüssen vom Versuch eines Vaters, seinem Sohn die Wahrheit über das Entstehen von Babys zu vermitteln. Das witzige Büchlein erschien im Original 1960 in Großbritannien. Die deutsche Ausgabe erschien zwei Jahre später. Sie ist heute antiquarisch praktisch nicht mehr zu bekommen.

 

 

 

Der Leser wird Zeuge, wie ein Vater souverän anfängt, seinem Sohn etwas Bedeutendes erzählen zu wollen. Auf jeder Seite des kleinen Büchleins ist ein Cartoon gedruckt. Doch so recht kommt er nicht zum Ziele…

 

 

 

Gerard Hoffnung (1925-1959) wurde in Berlin geboren und ein Jahr vor Kriegsausbruch mit einem Kindertransport nach London geschickt. Er arbeitete als Rundfunkredakteur für die BBC und schuf ab 1956 das Hoffnung Music Festival. Die meisten seiner Cartoons karikieren so nicht zufällig Orchester und Musiker.

 

 

 

Ein schönes, ironisches Geschenk für Eltern, deren Kinder in die Pubertät kommen; – trotz des Internet-Zeitalters.

 

 

Mai
16

William Turner – Luzerner Skizzenbuch

Das bibliophile Luzerner Skizzenbuch ist dem Original nachempfunden
© Hirmer Verlag 2019

 

 

 

 

William Turner: Luzerner Skizzenbuch
Mit einer Einführung von David Blaney Brown
64 Seiten, 31 Abbildungen in Farbe,
gebunden in Leinen mit eingesetztem Titelbild,
Hirmer Verlag 2019, 22 €.

 

 

 

Im kommenden Sommer wird in der Schweiz ein Kunst-Superlativ stattfinden: Das Kunstmuseum Luzern wird eine außergewöhnliche Ausstellung von William Turner zeigen – dem bekanntesten Maler der englischen Romantik. Zur Vorfreude erscheint nun – zwei Monate zuvor – im Münchner Hirmer Verlag Turners Luzerner Skizzenbuch.

 

 

 

 

William Turner (1775-1851) gilt heute als der bekannteste, vielleicht gar bedeutendste Maler der Romantik in England. Doch zu seinen Lebzeiten war der Revolutionär der Malerei alles andere als akzeptiert. Als er vor 200 Jahren seine Vorlesungen über Perspektive an der Londoner Royal Academy aufnahm, hatte er viele Feinde, die seinen bis dato unüblichen Stil nicht verstehen wollten. Selbst als Turner in den 1820er Jahren schon berühmt und finanziell abgesichert war, verstörte seine dann noch weitergehende Hinwendung zur Abstraktion das Publikum, das ihm gar unterstellte, bald zu erblinden. Turner war seiner Zeit weit voraus.

 

 

 

 

Das Kunstmuseum Luzern und die sie tragende Kunstgesellschaft feiern 2019 ihren 200. Geburtstag. Und dazu haben sie sich wahrlich etwas einfallen lassen. Es bot sich an, dies Ereignis mit einer Turner-Ausstellung zu feiern, hielt sich doch der exzentrische englische Maler just in der Schweiz auf, als die Luzerner ihre Kunstgesellschaft aus der Taufe hoben.

 

 

 

 

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Mai
11

Hilaire Bellocs Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt

Hilaire Bellocs süffisante Kinderreime in der Nachdichtung
von Hans Magnus Enzensberger
© Steidl Verlag 2019

 

 

 

 

Hilaire Bellocs Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt
Ausgewählt und nachgedichtet von Hans Magnus Enzensberger
64 Seiten, gebunden, Steidl Verlag 2019, 15 €.

 

 

 

 

Hilaire Belloc (1870-1953) schrieb makaber-böswillige und dabei leichtfüßige Kindergeschichten, die er ursprünglich für Erwachsene ersonnen hatte. Hans Magnus Enzensberger hat 15 der erbaulichen Geschichtchen ins Deutsche nachgesichtet.

 

 

 

Hilaire Belloc war eine derart vielbegabte Persönlichkeit, wie es sie heute in Zeiten des Fachidiotentums nicht mehr gibt. Der Schriftsteller publizierte etwa 150 Bücher zu den verschiedensten Themen. Noch heute genießt seine Wirtschafts-Studie Der Sklavenstaat (1912) hohes Ansehen. Hierin prophezeit der Autor, die Welt werde sich langfristig entscheiden müssen zwischen Sklaverei oder dem Schutz des Eigentums. Einen Mittelweg gebe es nicht.

 

 

 

Belloc war so intelligent wie skurril. (Typisch britisch eigentlich, könnte man sagen.) Er war strengster Katholik, vertrat dabei liberale Ansichten. Er war Nationalist und gleichzeitig glühender Europäer. Trotz seines Chauvinismus war er entschiedener Gegner des britischen Kolonialismus. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Hilaire Belloc war außerdem ein talentierter Redner, Mitglied des Parlaments und Journalist.

 

 

 

Seine bitterbösen Kindergeschichtchen beruhen auf seiner Verachtung der High Society so wie der viktorianischen Poesie, die er in wunderbar leicht-ironischer Weise verballhornt. Obwohl somit eigentlich gar nicht als Kinder-Geschichten konzipiert, wurden seine infantilistischen Reime schnell für Jahrzehnte zum Erziehungsmittel.

 

 

 

Als Clive mit Vaters Flinte spielte
und auf die kleine Schwester zielte
(er wollte ihr nur Saures geben) -,
da legt er an und schießt daneben.
Der Vater, wie’s der Zufall will,
hört Knall und Schwesterchens Gebrüll,
worauf er milde tadelnd spricht:
»Mein Sohn, im Zimmer schießt man nicht.«

 

 

 

Dies kleine, feine Büchlein ist ein wunderbares Mitbringsel nicht nur für gestresste Eltern.

 

 

 

Mai
02

Marc Lagrange – Chocolate

Heron
Photo © 2019 Marc Lagrange. All rights reserved.

 

 

 

 

 

Marc Lagrange: Chocolate
160 Seiten mit 136 Farbphotographien.
Gebunden in Leinen mit eingelassenem Front-Photo.
Texte in Deutsch, Englisch und Französisch,
teNeues 2019, € 50.

 

 

 

Der belgische Photograph Marc Lagrange verunglückte Weihnachten 2015 tödlich. Das Photo-Buch Chocolate bringt etwa 130 seiner Akt-Photos auf Polaroid Chocolate. Ein photo-ästhetisches Vermächtnis.

 

 

 

Als Marc Lagrange zu Weihnachten 2015 tödlich verunglückte, war das für die gesamte Photo-Welt ein Schock. Der damals 57-Jährige gehörte zu den besten Aktphotographen. Was wäre von ihm noch alles gekommen? Der 2013 erschienene Bildband Diamonds & Pearls hatte ihn auf dem internationalen Kunstmarkt binnen kürzester Zeit etabliert.

 

 

 

Der in Belgien beheimatete Potograph hatte sich einen eigenständigen Stil erarbeitet. Seine meist im Großformat reproduzierten Aufnahmen zeigen die Frauen in ihrer vollen Sinnlichkeit, ohne jemals ins Pornographische abzugleiten. Es sind einzelne Filmbilder, die doch einen ganzen Film erzählen. Lustszenarien früherer Zeiten, die bei allem Exhibitionismus mehr die Phantasie anregen als sie zu begrenzen. Der Betrachter denkt an Filme von Luis Buñuel oder die späteren von Federico Fellini. Marc Lagrange war ein Meister in der Verbindung von Gesehenem und Gedachtem. Er testete die Grenzen des Erotischen aus, ohne die Grenzen der Verführung verlassen zu müssen.

 

 

The Custodian
Photo © 2019 Marc Lagrange. All rights reserved.

 

 

 

 

Marc Lagrange – Chocolate präsentiert etwa 130 seiner Photos, die er mit dem legendären Polaroid Chocolate machte. Dieser Sofortbild-Film wurde nur in den Jahren 2008/ 2009 produziert und ist – ähnlich wie das vorliegende Buch – eine Art Vermächtnis geworden, musste Polaroid doch im Jahr 2009 die Produktion einstellen. Das traditionsreiche Unternehmen hatte die Digitalisierung vollkommen verschlafen und ging pleite.

 

 

 

Viele der Polaroids sind Vorstudien für die darauf folgenden Großformate. Marc Lagrange arbeitete äußerst intuitiv und damit spontan. So war es ihm oft daran gelegen, ein gelungenes Setting festzuhalten. Dennoch haben diese Polaroids einen ganz eigenen Charme: Die Farbgebung changiert nur in Brauntönen; das Licht sucht sich einen gedämpfteren, indirekten Weg.

 

 

Garden of Paintings
Photo © 2019 Marc Lagrange. All rights reserved.

 

 

 

 

Chocolate ist ein photo-ästhetischer Hochgenuss, vereint der Band Aufnahmen von eigener Schönheit, die neben den später entstandenen bekannten Motiven einen besonderen Wert haben. Die leichte Körnigkeit der Bilder in Kombination mit der zurückgenommenen Farbigkeit und dem melancholischen Licht lassen die schönen Frauen ihr Geheimnis der verführerischen Frivolität behalten.

 

 

 


Marc Lagrange – Chocolate erschien bei teNeues

 

 

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Apr
26

Szczepan Twardoch – Wale und Nachtfalter

Die melancholischen Lebens-Notate von Szczepan Twardoch
© Cover Rowohlt Berlin 2019

 

 

 

 

Szczepan Twardoch: Wale und Nachtfalter
Tagebuch vom Leben und Reisen
256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
Rowohlt Berlin, 24 €.

 

 

 

Szczepan Twardoch stieg innerhalb weniger Jahre zum Star der polnischen Literatur auf. Sein nun veröffentlichtes Wale und Nachtfalter – Tagebuch vom Leben und Reisen weist ihn endgültig als waschechten Dandy aus.

 

 

 

Der Boxer machte Szczepan Twardoch in Deutschland endgültig berühmt. Der Roman ist spannend wie ein Thriller. Dabei transportiert der Plot eine historische Wahrheit, die in Polen noch immer ein Tabu ist: Es waren nicht nur Deutsche, die polnische Juden verfolgt und verraten haben, sondern – wie in anderen Ländern Europas auch – an erster Front Landsleute, die in vorauseilendem Gehorsam nun endlich ihrem Antisemitismus ungehindert frönen konnten.

 

 

 

Der 1979 geborene Dandy macht in seinem jetzt veröffentlichten literarischen Arbeitstagebuch deutlich, wer seine geistigen Heroen sind. Er fährt einen Umweg von 300 Kilometern, um dem ehemaligen Wohnsitz von Ernst Jünger einen Besuch abzustatten. Dass die jetzt zum Museum umgestaltete Oberförsterei just geschlossen ist, kann ihm nichts anhaben. Jünger hätte gesagt: Im Innern ist’s getan. Mehrfach zitiert Twardoch Jüngers Parabel der désinvoltute, das 1977 erschienene Eumeswil. »Jünger sagt mit Davila, dass für einen Konservativen, der jegliche Hoffnung hat fahren lassen, Jahrtausende eine Kleinigkeit seien: Der Konservative ‚setzt auf die kosmischen Kreisläufe. Eines Tages wird der Paraklet erscheinen, der verzauberte Kaiser aus dem Berg hervortreten.‘«

 

 

 

 

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