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Jul
19

Thomas Bernhard – Persiflage und Subversion

Der Sammelband enthält die Beiträge des Ersten Internationalen Thomas Bernhard-Kolloquiums in Belgien 2011
© Königshausen & Neumann 2013

 

 

Thomas Bernhard – Persiflage und Subversion. Hrsg. von Mireille Tabah und Manfred Mittermayer, Verlag Königshausen & Neumann 2013, 229 Seiten, Ppb., 36 Euro.

 

»Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?« Lautet der Titel einer Erzählung von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1967. Die Antwort liefert der Autor am Schluss: »Und heute abend […] wird in dem Theater da drüben […] eine Komödie gespielt. Tatsächlich eine Komödie.«

Der österreichische Schriftsteller war ein Provokateur par excellence. Er verachtete zutiefst sein Heimatland, das er für verlogen, korrupt und widerwärtig hielt. In einem Gespräch mit seinem Verleger Siegfried Unseld war für ihn Österreich der »gemeingefährlichste aller europäischen Staaten«, wo »die Schweinerei oberstes Gebot ist«. Der Direktor der Nationalbibliothek, ein »schauerliche[r] Idiot« und der Bundespräsident »ein Lügner«.

Trotz dieser offenen Verachtung spielte Bernhard in seinen Texten und Theaterstücken mit Doppeldeutigkeit, Ironie und Persiflage. Im November 2011 beschäftigte sich ein Internationales Kolloquium an der Freien Universität Brüssel zum 80. Geburtstag des Autors mit der subversiven Dimension von Bernhards Texten. Viele seiner literarischen Verfahren könnten unter dem Begriff der Persiflage subsumiert werden, schreiben Mireille Tabah und Manfred Mittermayer in dem von ihnen herausgegebenen Tagungsband Thomas Bernhard  – Persiflage und Subversion: »Die Persiflage wird gemeinhin als nachahmende Verspottung einer bestimmten Geisteshaltung definiert und kann demnach eingesetzt werden, um spezifische ideologische Diskurse in Frage zu stellen«, erläutern die Herausgeber in schönstem Wissenschaftsdeutsch. Diese Persiflage kennzeichne praktisch jedes Theaterstück und jede Erzählung von Bernhard, sei es durch »Spott, Übertreibung, Verzerrung« oder Maskerade.

Clara Ervedosa kommt in ihrem Beitrag zu dem Ergebnis, das Ferment des Komischen bei Bernhard liege »in einer theatralischen Wirkung bzw. in einer Poetik des Schocks«. Ein auf Ungereimtheiten basierendes Schreiben, das nicht den Erwartungen des Lesers entspreche, sei die Hauptquelle des Komischen. Vor allem in den 1970-er und 1980-er Jahren verwende Bernhard Farce und Ironie als Stilmittel. Aufgrund ihrer Progressivität und Unendlichkeit lasse sich die Ironie immer wieder aktivieren und in Szene setzen. Letztlich filtere die Ironie die Rezipienten, da diejenigen, die davon angesprochen würden, sich auch selbst auf die Schippe nehmen lassen würden.

Martin Huber schildert in seinem Beitrag die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Thomas Bernhards letztem Theaterstück Heldenplatz. Man versteht, wie der Schriftsteller die Reaktionen von Öffentlichkeit, Medien und Publikum in seine Texte zum Gesamtkunstwerk eingewoben hat. Als nach diversen Andeutungen gegenüber Journalisten und sogar unautorisierten Vorveröffentlichungen immer noch keine scharfen Reaktionen erfolgen, erklärt Bernhard, er habe den Text nochmals »verschärft«. Durch die unglaublich ablaufende Premiere wird das Stück seinem Namen dann jedoch doch noch gerecht. Der damalige Direktor des Burgtheaters, Claus Peymann, berichtet später von der unter Polizeischutz und der Anwesenheit eines halben Dutzend TV-Teams stattfindenden Heldenplatz-Premiere: »Wir haben ‚Heldenplatz‘ gegen alle Widrigkeiten, gegen eine aufgehetzte, aufgepeitschte Öffentlichkeit zur Premiere gebracht. […] Für den schon vom Tod gezeichneten Dichter Thomas Bernhard  war der Premierentriumph ein letztes großes, beglückendes Geschenk. […] Ich erinnere mich nur noch an diesen Applaus nach der Premiere, der Gott sei Dank lang genug war, durch die anhaltenden Pfui-Konzerte und Gegenchöre. Für den kurzen Weg von meinem Büro hinunter auf die Bühne […] haben wir fast sechs Minuten gebraucht.«

Der Tagungsband vertieft in wissenschaftlichen Einzelstudien Funktionen und Wirkungen der Persiflage bei Thomas Bernhard. Er selbst charakterisierte wohl sein Werk am treffendsten:

»Alles, was ich schreibe, alles, was ich tue, ist Störung und Irritierung.«