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Jan
15

Fragments of Metropolis East

Das Haus zur Schwarzen Mutter Gottes, Prag, Tschechien
© Niels Lehmann. Photo aus dem Buch.

 

 

 

 

Niels Lehmann/ Christoph Rauhut:
Fragments of Metropolis East
Das expressionistische Erbe in Polen, Tschechien und der Slowakei.
Text: Deutsch/ Englisch,
300 Seiten, 170 Abbildungen in Farbe, 40 Planzeichnungen und Kartenmaterial, gebunden, Hirmer Verlag 2018, 29,95 €.

 

 

 

 

In ihrer so verdienst- wie historisch wertvollen Buchreihe Fragments of Metropolis präsentieren Niels Lehmann und Christoph Rauhut die noch erhaltenen Gebäude der Architektur des Expressionismus. Der dritte Band zeigt nun den Osten.

 

 

 

Nach den ersten beiden Bänden mit den expressionistischen Häusern in der Region Berlin und dem zweiten über das Rhein-Ruhr-Gebiet wird das Gesamtprojekt nun rund. Auch wenn noch weitere Bücher folgen sollten, ist erst durch die Einbeziehung der expressionistischen Architektur in den heutigen Staaten Polen, Tschechien und Slowakei eine Vollständigkeit erreicht. Dies ist wichtig, weil sich die jeweiligen Architekten aufeinander bezogen haben.

 

 

Otto Bartning, Peter Behrens, Max Berg, Josef Chochol, Pāvils Dreijmanis, Josef Gočár, Pavel Janák, Jan Kotěra, Emil Králíček, Otakar Novotný, Hans Poelzig, Jan Witkiewicz und andere schauten, was ihre Kollegen machten und orientierten sich auch daran. Die Jahre zwischen 1905 und 1930, als die hier gezeigten Gebäude entstanden, waren innerhalb der Architekturgeschichte auch deshalb ein Höhepunkt, weil die Architekten dieser Zeit den Anspruch hatten, Häuser zu entwerfen, die ästhetische Schönheit mit einer Aussage verbinden: Das gotische Rathaus in Löwenberg entlieh die tief herabgezogenen Ziegeldächer der dortigen Bautradition. Ein Geschäftshaus strahlte Modernität gepaart mit internationalistischem Flair aus. Schulgebäude ließen keinen Zweifel daran, dass hier von den Pennälern Leistung erwartet wurde.

 

 

 

Hotel Admirals Palast, Hindenburg O.S., Polen
© Niels Lehmann. Photo aus dem Buch.

 

 

 

 

Deswegen geht auch das Vorwort der SPD-Politikerin Gesine Schwan in die Irre, die gebetsmühlenartig vor einem neuen Nationalismus warnt. Dafür eignen sich die architektonisch hochwertigen Gebäude des Expressionismus gerade nicht. Einigen Architekten diente die zitierte Gotik als höchste Errungenschaft des ‚nordischen Menschen‘, wie Beate Störtkuhl in ihren instruktiven Text ausführt. Die Architekten verstanden sich selbst bewusst als Avantgarde, die einen neuen schöpferischen Willen mittels ihrer Formensprache festlegen wollten. Dabei muss man sich heute vergegenwärtigen, dass um 1900 Friedrich Nietzsche Goethe als nationalen geistigen Übervater abgelöst hatte.

 

 

Das überflüssige Vorwort ändert jedoch nichts an der Bedeutung des Projektes Metropolis, dessen drei nun vorliegende Bände auch Architektur-Laien neugierig machen, an den Gebäuden einer ästhetisch hoch entwickelten Epoche nicht achtlos vorbeizugehen.

 

 

© Matthias Pierre Lubinsky 2019