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Jun
07

Fragments of Metropolis Berlin

Buchdruckerei des Ullstein-Verlags, Eugen Schmohl, 1924-26
Photo aus dem Buch. © Niels Lehmann

 

 

 

Fragments of Metropolis Berlin.
Berlins expressionistisches Erbe.
Hrsg. von Niels Lehmann und Christoph Rauhut, 256 Seiten mit ca. 140 Farb-Abbildungen, gebunden, Hirmer Verlag 2015, 24,90 Euro (D).

 

 

Berlin ist Hauptstadt – in expressionistischer Architektur. Ein Photo-Band im handlichen Groß-Oktav präsentiert sage und schreibe über 150 Gebäude und Monumente aus der Zwischenkriegszeit.

 


Niels Lehmann und Christoph Rauhut widmen sich einem bedeutenden Thema: Seit einigen Jahren reisen sie unermüdlich durch Europa, um den vorhandenen Bestand der sogenannten expressionistischen Architektur zu dokumentieren. Crowdfunding und einigen Sponsoren ist das nun erschienene Buch zu verdanken. Es ist quasi ein Handbuch der expressionistischen Bauwerke Berlins, verzeichnet es doch alle noch erhaltenen Büro,- Industrie-Gebäude, Verkehrs und Öffentliche Bauten sowie Wohngebäude in Berlin und der näheren Umgebung.

 

 

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war nicht nur in der Literatur, Malerei, Bildhauerei, in der Plakatgestaltung und cineastisch ungeheuer kreativ. Diese genannten Bereiche überschnitten sich, ja sie beeinflussten sich gegenseitig und befruchteten sich zu immer weiteren ästhetischen Höchstleistungen, – bis die Nationalsozialisten in Deutschland dem ein brutales Ende bereiteten.

 

 

Bahnhof Friedrichstraße
Photo aus dem Buch. © Niels Lehmann

 

 

 

Glücklicherweise sind noch so viele der noch heute anregenden Bauwerke in expressionistischem Stil erhalten. Berlin wurde zu einem Zentrum dieser Architektur-Bewegung, auch weil es hier einige Protagonisten gab, die gleich ein Dutzend oder mehr Gebäude in Auftrag geben konnten. Exemplarisch zu nennen sich die Berliner Städtischen Elektrizitätswerke und die Berliner Reichsbahndirektion, die zuständig war für die später als S-Bahn bezeichnete Stadt-Schnellbahn.

 

 

Noch heute lassen sich die eigenwilligen, meist in rotem Backstein errichteten Industriebauten besichtigen. Ihre Formensprache sollte ganz bewusst die Euphorie der neuen Elektrifizierung symbolisieren – ohne dabei Höhepunkte der Architektur voriger Jahrhunderte zu verleugnen.

 

 

Rathaus und Wasserturm Neuenhagen, Wilhelm Wagner 1926
Photo aus dem Buch. © Niels Lehmann

 

 

 

Den beiden Herausgebern kann nicht genug gedankt werden für ihr Engagement. In ihrer Summe zusammengestellt, zeigen diese wohl proportionierten und durchdacht gestalteten Gebäude, dass Architektur zugleich für den Menschen da sein kann und dabei von praktischem Nutzen. Im chinesischen Feng Shui weiß man seit vielen Jahrhunderten von der Harmonie vom Menschen mit seiner Lebenswelt. Aktuelle Bausünden wie der Potsdamer Platz sollten für die Architekten Warnung und Ansporn genug sein, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Dazu regt Fragments of Metropolis Berlin an.

 

 

Das Kulturforum, einen Steinwurf vom Potsdamer Platz entfernt, überfordert nun schon seit vielen Jahren Politiker und Stadtplaner mit einer Re-Humanisierung. Ist erst einmal ein derart misslungenes Beton-Monstrum in die Stadt gesetzt, wird es später schwierig, noch Korrekturen vorzunehmen.

 

 

 

Färberei und Spinnerei der Hutfabrik FRiedrich Steinberg Hermann & Co,
Erich Mendelsohn 1922-23
Photo aus dem Buch. © Niels Lehmann