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Dez
05

André Müller – Ernst Jünger – Gespräche

Diese Interviews haben Sprengkraft: André Müller spricht mit Ernst Jünger
© Böhlau Verlag 2015

 

 

 

Ernst Jünger – André Müller
Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung
Herausgegeben von Christophe Fricker, 234 Seiten, gebunden, mit Abbildungen, Böhlau Verlag 2015,
24.90 Euro [D], 25.60 Euro [A].

 

 

André Müller war einer der herausragenden Interviewer Deutschlands. Drei Mal interviewte er Ernst Jünger. Ein Buch dokumentiert nun die Original-Gespräche und den Verlauf der tiefen Freundschaft. Ernst Jünger, André Müller – Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung ist dabei mehr als ein Abdruck dieser Gespräche. Entstanden ist nicht weniger als ein Subtext zum Verständnis von Person und Werk des Jahrhundert-Schriftstellers.


André Müller (1946-2011) war ein österreichischer Interviewer, der berühmt geworden ist durch seine Gespräche, die vor allem in der Wochenzeitung Die Zeit abgedruckt worden sind. Seine Interviews sind Legende: Das mit der Feministin Alice Schwarzer gipfelte in gegenseitigen Beschimpfungen. Aber typisch für Müllers extreme Fragekultur war auch, daß der Faden zwischen beiden trotz heftigster Provokation durch den Fragenden nicht abriß. Als Alice Schwarzer feststellte, daß es Müller nur um seine Thesen gehe, schlägt sie dem Interviewer vermittelnd vor, doch umgekehrt einmal ihn für ihre Zeitschrift Emma zu befragen.

 

1988 interviewt Müller für die Zeit den damaligen Burgtheater-Intendanten Claus Peymann. Der erzählt, daß ihn der österreichische Bundeskanzler Kurt Waldheim auf die Wange geküßt habe. Peymann plauderte noch so manch andere Intimität aus der Wiener Gesellschaft aus, was in Österreich dann beinahe zur Staatskrise führte.

 

André Müller sagte selbst über seine Art, Interviews zu führen, ihm ginge es überhaupt nicht um das, was der Befragte sagen würde. Seine Grundannahmen waren, die Interviewten könnten »mit meiner Interessantheit nicht Schritt halten«. Ihn »interessiert niemand«, was er selbst in einem Interview sagte – aber sicher so nicht stimmte, wie seine langen Gespräche mit Ernst Jünger belegen.

 

So verwundert es nicht, daß er Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek als Seelenverwandte ansah. Den Regisseur Rainer Werner Fassbinder durfte er gleich dreimal interviewen. Dazu paßt der Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger (1895-1998). Auch der hatte viel zu sagen, wurde aber vom bundesdeutschen Establishment geschnitten und scheute selbst die Öffentlichkeit.

 

Das Buch dokumentiert drei ausführliche Gespräche zwischen André Müller und dem Autoren der Stahlgewitter: vom 8. November 1989, 3. Juli 1990 und 17. Februar 1993. Obwohl Jünger anfangs darauf bestanden hatte, daß Müller kein Tonband laufen läßt, tat er es beim ersten Gespräch doch und schob als Grund vor, die technische Aufzeichnung diene ihm zur Gedächtnisstütze. Der scheue Jünger vergaß das Aufnahmegerät rasch und beschwerte sich beim zweiten Interview nicht mehr.

 

So sind 17 Jahre nach dem Tod von Jünger und vier Jahre nach dem von Müller die geführten Gespräche überliefert und mit dieser Publikation allen zugänglich. Das Buch transkribiert die Gespräche mit Wortlaut. Jüngers Äußerungen sind deshalb so interessant, weil er wohl davon ausging, Müller würde diese nicht wortgetreu und als Interview zu publizieren. Vielmehr sollte der Mitarbeiter der Wochenzeitung Die Zeit daraus Artikel über die Gespräche verfassen. Dadurch schien Jünger sich in seinen Äußerungen recht unbefangen und frei zu fühlen. Müller hielt sich allerdings beim ersten Interview nicht an sein Versprechen. Es erschien als Interview 1989 in der Zeit. Zwei Jahre später folgte ein längerer Essay über Jünger.

 

Das letzte Gespräch, das 1993 in der Münchner Wohnung von Jüngers Neffen stattfand, fiel in die Zeit eines Skandals der alten Bundesrepublik um Jünger: Die von der Ost-Berliner Akademie der Künste herausgegebene Zeitschrift Sinn und Form publizierte Auszüge aus Jüngers Tagebuch der jüngsten Vergangenheit. Dies führte zum Eklat mit Walter Jens, der als Präsident der West-Berliner Akademie verantwortlich die Fusionierung der beiden Akademien steuerte. Jens, der Jünger als Anti-Demokraten sah, griff die Ost-Akademie scharf an und stellte gar die geplante Zusammenführung in Frage. Jünger äußerte sich damals in der Öffentlichkeit zu dem Disput nicht. Von Müller gefragt, ob er Walter Jens für »nicht satisfaktionsfähig« halte, antwortete der: »Das wäre ein ganz guter Ausdruck.«

 

Herausgeber Christophe Fricker führt in die einzelnen Interviews mit instruktiven Beschreibungen ein, in denen er die Jünger und Müller bewegenden Ereignisse dieser Zeiträume schildert. Angenehm zurückhaltend nähert er sich den beiden, die sich im Laufe ihrer Gespräche freundschaftlich annäherten. Der Band enthält außerdem die gesamte erhaltene Korrespondenz zwischen Müller und Jünger.

 

Die nicht redigierten langen Gespräche sind ein aufschlußreiches Zeugnis von Jüngers Denkweise und menschlicher Grandezza. Der von den Menschen angewiderte André Müller hatte sich in Ernst Jünger verliebt und diesem das auch offen eingestanden. Der Jahrhundertautor konnte auch damit umgehen.

 

© Matthias Pierre Lubinsky

 

 

 

André Müller: Vorm dunklen Tor. Besuche bei Ernst Jünger. Die Zeit online vom 6. September 1991.