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Apr
07

Marcel Duchamp in München 1912

Der exquisite Katalog zur hervorragenden Ausstellung
© Succession Marcel Duchamp, VG Bild-Kunst/courtesy Schirmer/Mosel

 

 

Marcel Duchamp in München 1912.
Ausstellung bis 15. Juli 2012.
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau.

Katalog im Schirmer/Mosel Verlag, München 2012, Deutsch/Englisch, 336 Seiten, 113 Farbabbildungen, Euro 39,80.

 

Marcel Duchamp (1887-1968) wusste zu provozieren. Nicht zufällig wurde er zum radikalen Erneuerer der modernen Kunst, zum Anreger Andy Warhols.

Bei jeder seiner Provokationen war die Re-Aktion der Adressaten Teil des Gesamtkunstwerks, und seine eigene Antwort auf die Intoleranz und das Unvermögen der anderen musste von ihm wohlberechnet mit einkalkuliert werden. Aber das war ein Lernprozess. 1912 stellte Marcel Duchamp dem Pariser Salon Indépendants sein Gemälde Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2 zur Verfügung. Die Ablehnung der Jury war barsch. Und mit ihr hatte der 24-jährige Maler nicht gerechnet: Er habe mit dem Akt die Prinzipien des Kubismus verletzt. Und heute glaubt man es kaum: Ein Akt habe darüber hinaus nicht eine Treppe herabzusteigen, sondern zu liegen, begründeten die Kubisten ihre Zurückweisung des revolutionären Bildes. Duchamp reagierte prompt und holte das Bild persönlich wieder ab.

Dieses Ereignis gilt als unmittelbarer Auslöser von Duchamps anschließender Reise nach München, wo er sich zwischen dem 21. Juni und der ersten Oktoberwoche 1912 aufhielt. Er selbst beschrieb am Ende seines Lebens die Motivation für die Reise – wie stets stilisiert – so:

»Damals wäre ich irgendwo hingegangen. Wenn ich ausgerechnet nach München ging, so deshalb, weil ich in Paris einem Kuhmaler begegnet war – ich meine einen Deutschen, der Kühe malte, die besten Kühe natürlich, einem Bewunderer von Lovis Corinth und all den Leuten -, und als dieser Kuhmaler sagte: ‚Geh‘ nach München‘, stand ich auf und ging dorthin und lebte dort während Monaten in einem kleinen möblierten Zimmer. Es gab zwei Cafés, wo die Künstler hinzugehen pflegten, Kandinskys Buch war in allen Läden und man konnte Gemälde von Picasso sehen in der Galerie am Odeonsplatz. Ich sprach nie mit einer Menschenseele, aber ich hatte eine großartige Zeit.«

 

 

Marcel Duchamp, Akt eine Treppe herabsteigend Nr. 2
1912, Öl auf Leinwand
© Succession Marcel Duchamp, VG Bild-Kunst/ courtesy Schirmer/Mosel

 

 

Diese knapp drei Monate beeinflussten Duchamp nachhaltig. Verschiedene heute berühmte Werke wurden von ihm in dieser Zeit an der Isar entwickelt oder vorbereitet, so das Große Glas. Aber was beeinflusste Duchamp tatsächlich? Und: Verkehrte er wirklich mit niemandem, wie er kokettiert? Eine aufwendig vorbereitete Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, begleitet von einem fulminant-gelungenen Katalog aus dem Schirmer/Mosel-Verlag widmet sich zum hundertjährigen Jubiläum von Duchamps München-Aufenthalt diesen Fragen.

Die hochkarätige Schau ist reich an Premieren: Es ist nicht nur die erste Duchamp-Einzelausstellung in München, sondern zugleich die erstmalige Präsentation des Gemäldes Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2 in Deutschland. Ausstellung und Begleitband stellen Bezüge her zu Personen, Vorläufern und Themenfeldern, die auf den jungen Künstler einwirkten, – die ihn anzogen. Im Jahre 1912 war München ein bedeutendes Zentrum für Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Bekannt ist, dass Duchamp immer wieder in die Alte Pinakothek ging. Unzählige Galerien, Museen und Kunstsammlungen mögen auf den neugierigen Franzosen gewirkt haben. Die Sezession zeigte ihre Internationale Kunstausstellung, wo Franz von Stucks Bildnis von Adam und Eva große Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

Die Visitenkarte Marcel Duchamps, 1910 (Vorder- und Rückseite)
© Succession Marcel Duchamp, VG Bild-Kunst/ courtesy Schirmer/Mosel

 


 

Die Beiträge im Katalog vermitteln nun ein weitergehendes Bild davon, dass auch das Deutsche Museum und die Bayerische Gewerbeschau die Sicht des jungen Künstlers nachhaltig prägten. Neueste wissenschaftliche Forschungsergebnisse standen in Duchamps Fokus. So beschäftigt er sich in seinen Bildern aus der Münchner Zeit mit weiblicher Sexualpsychologie, der Institution der Ehe und der Psychologie des Junggesellendaseins.

Der zweisprachige Katalog ist der stilechte Begleiter der herausragenden Duchamp-Ausstellung:  Neben der gelungenen graphischen Gestaltung sind die Text-Beiträge hervorzuheben, die die bisherige Forschung nicht nur rezitieren, sondern fortschreiben. Und sämtliche Autoren beweisen, dass wissenschaftliches Schreiben auch in einer spannenden Sprache geschehen kann. Aufgrund der zahlreichen Abbildungen und Querverweise liegt hier beinahe ein Marcel Duchamp-Handbuch vor.

Ausstellung und Katalogbuch sind Meilensteine in Sachen Marcel Duchamp.

DANDY-CLUB Empfehlung!

 

 

 

 

Städtische Galerie im Lenbachhaus

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