Ein französischer Roman

Frédéric Beigbeder
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Für Frankreichs Kritiker, für die Öffentlichkeit und die Neider war es ein gefundenes Fressen, als man Frédéric Beigbeder am 28. Januar 2008 dabei erwischte, wie er sich an der Spur Koks auf einer Motorhaube zu schaffen machte. 
Der schwarze Chrysler LeBaron stand in einer Seitenstraße von Paris. Beigbeder und sein Freund, den er in seinem autobiographischen Ein französischer Roman nur den Dichter nennt, brauchten ein wenig Stimulation bei einer Party, die war wie jede Party. »Ich zerbröselte die weißen Krümel sorgfältig mit meiner vergoldeten Plastikkarte, während mein Schriftstellerkollege sich über eine Geliebte beklagte, die noch eifersüchtiger war als seine Frau«.



Die anschließenden zwei Tage Untersuchungshaft verändern Frédéric Beigbeders Sicht auf die Welt, auf das Leben. In der engen, stickigen und verdreckten Zelle ist er gezwungen nachzudenken. Ablenkung geht nicht. Er versucht seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Sein Problem ist, dass er sich nicht erinnern kann, wie er in seinem neuen Roman, einer Mischung aus Autobiographie und Fiktion, schreibt: »Es ist nicht leicht, als Kind im Körper eines Erwachsenen ohne Gedächtnis gefangen zu sein.« Der kurze aber intensive Gefängnisaufenthalt dient nicht nur der Erinnerung, – sondern auch dem Erwachsenwerden des 43jährigen. 



Im Buch wechseln sich Kapitel über seine Kindheit und Jugend mit denen über die U-Haft ab. Von Stunde zu Stunde wächst dort seine Verzweiflung. Es ist eine existenzielle, eine abgrundtiefe Verzweiflung, die Beigbeder ungefiltert schildert. Überhaupt ist es diese grundtiefe Ehrlichkeit, die das Buch zu einem literarischen Ereignis werden lässt. Sie mag ermöglicht, respektive erleichtert worden sein, durch Beigbeders Erfolg. Er ist der meistübersetzte französische Autor der Gegenwart, hat ein halbes Dutzend erfolgreicher Bücher hingelegt und ist mittlerweile gar zum Fernseh-Star avanciert. Ein Autor und Literaturkritiker, wie ihn das 21. Jahrhundert fordert. Geld macht bekanntlich unabhängig. Dennoch ist es berührend zu lesen, wie einfühlsam und liebevoll Beigbeder über seine Eltern schreibt. Wie wenig er verurteilt, sondern lieber dankbar ist. Der französische Meiden-Star offenbart sich in diesem Buch rückhaltlos.



So ist es nur ein Teil der Geschichte, wenn Kritiker schreiben, Frédéric Beigbeder und sein Bruder Charles kämen »aus gutem Hause«. Das tun sie zweifelsohne. Das tun aber auch viele andere, die aus ihrem Leben nichts machen. Das Aufwachsen der Beiden war bestimmt durch eine aufopferungsvolle Mutter, der es nie gelang einen Mann an sich langfristig zu binden. Nach einiger Zeit endete jede ihrer Beziehungen. So konzentrierte sie sich auf ihre beiden Söhne, denen sie ihre ganze Aufmerksamkeit und – wie ihr Sohn es beschreibt – erdrückende Liebe schenkte. 



Das Buch ist ein Spiel, – so wie Beigbeder das Leben spielt. Der Autor kokettiert mit seinem angeblich nicht vorhandenen Gedächtnis: »In mir ist nichts von mir übrig.«   
Von Kapitel zu Kapitel kann sich Beigbeder dann doch an immer mehr erinnern. Dieses Stilmittel führt dazu, dass der Leser den sensiblen Leidenden förmlich in der winzigen Zelle schmoren sieht. Und geschickt versteht Beigbeder die Kunst des Selbstmitleids und der Reminiszenz an die Literaturgeschichte. Schließlich waren es ja nicht die schlechtesten Schriftsteller, die im Gefängnis landeten, für wie lange auch immer. So verweist er nicht ganz ohne Stolz auf seine Vorfahren Dostojewski, Oscar Wilde, Paul Verlaine, François Villon, Clément Marot, Cervantes, Voltaire, – um vom Marquis de Sade nicht zu schweigen. Doch ist Beigbeder weise genug, sich mit ihnen nicht zu messen.



Als  Frédéric Beigbeder in die Zelle verbracht wird, »einen zwei Quadratmeter großen Käfig mit Wänden voller Graffiti, getrocknetem Blut und Rotz« ahnt er noch nicht, dass er wenige Tage darauf bereits im Élysée-Palast sein wird:  Sein Bruder wird von Präsident Sarkozy  für seine Dienste zur Entwicklung der französischen Wirtschaft zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Charles hatte seine Firma gerade erst verkauft und war zum Milliardär geworden. 
Die Qualität des Buches liegt in dessen Wahrhaftigkeit. Es ist eine Art französischer Wahrhaftigkeit. Sie ist ebenso in Camus Der Fremde zu finden wie in den Texten von Roland Barthes. Nicht zufällig beruft sich Beigbeder auf den Semiologen Barthes: Das Schreiben vollendet eine Arbeit, deren Ursprung nicht erkennbar ist, zitiert er zu Beginn des Romans. 
Die zweite ungeheure Qualität des Romans liegt in dessen Sprache. Sie ist lakonisch, selbstironisch, voller Humor und Selbstzweifel. Es ist diese intelligente Leichtigkeit, die eine Geschichte, SEINE Geschichte transportiert, die so gar nicht leicht im Sinne von inhaltsleer ist. Den Titel wählte Frédéric Beigbeder so bescheiden, um nicht der Anmaßung bezichtigt zu werden, die gesamte Welt müsse sich für seine Familiensaga interessieren. Dahinter verbirgt sich vielleicht der französische Roman des Jahrzehnts.



Frédéric Beigbeder, Ein französischer Roman. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Piper Verlag. München, Zürich 2010. 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 19,95 Euro.

Frédéric Beigbeder ist gerade auf Lesereise durch Dutschland:

FRANKFURT
Donnerstag und Freitag, 7./8. Oktober 2010
Buchmesse

GÖTTINGER Literaturherbst
Samstag, 9. Oktober 2010, 21.00 Uhr
Altes Rathaus

BERLIN
Montag, 11. Oktober 2010, 20.30 Uhr
Lehmanns Fachbuchhandlung, Hardenbergstraße 5

HAMBURG
Dienstag, 12. Oktober 2010, 20.00 Uhr
Literaturhaus Hamburg


3 Kommentare

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        Autor

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