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Aug
04

Cora Pongracz – Das fotografische Werk

© Cora Pongracz, Thoedor W. Adorno, um 1966

 

 

Cora Pongracz, Das fotografische Werk.
Herausgegeben von der Fotosammlung OstLicht, 200 Seiten mit 348 Abbildungen, broschiert, Schlebrügge Editor, Wien 2016, 32 Euro (A.).

 

 

Die Photographin Cora Pongracz suchte während ihrer gesamten Schaffenszeit, die Grenzen der Photographie auszuloten. Die Sicherung und Aufarbeitung ihres Nachlasses durch die Fotosammlung OstLicht in Wien ermöglichte nun das Buch Cora Pongracz – Das fotografische Werk, in dem erstmals sämtliche Abschnitte ihres Wirkens dargestellt werden.

 


Cora Pongracz (1943-2003) traute dem Medium Photographie nicht: Die österreichische Künstlerin sah stets die Gefahr, dass das eine Photo, das eine Portrait für die einzige Wahrheit über diesen Menschen gehalten werden könnte. »Fotografie ist für mich weder Kunst noch Kunstgewerbe«, formulierte sie ihren eigenen Anspruch. »Fotografie ist eine Angelegenheit der Branche, die Auffassung einer Tätigkeit, ihr Ergebnis. Gute oder schlechte Fotografie – beides kann als Kompliment aufgefasst werden. Es anzunehmen, bleibt mir überlassen.«

 


Um dem Anspruch des Ikonographischen – der heute bei fast jeder Photo-Ausstellung formuliert wird – zu entgehen, ging sie an ihre Aufnahmen von vornherein mit einem größeren Blickwinkel als andere Photographen heran. So erweiterte sie den gewohnten Anspruch an ein Portrait als photographische und mithin scheinbar objektiv-dokumentarische Repräsentation durch die Einbeziehung soziokultureller Bedingungen. Die Arbeiten von Cora Pongracz beziehen die Umstände ihrer Entstehung willentlich mit ein.

 

 

Im Jahre 2015, zwölf Jahre nach dem Tod der Photographin, konnte die Wiener Photosammlung OstLicht ihren Nachlass erwerben. Er umfasst etwa 42.000 Negative und 1.100 Abzüge. Dadurch wurde zum ersten Mal ein detaillierterer Überblick über das Gesamtwerk möglich und damit eine Gliederung in verschiedene Schaffensperioden. Im Herbst 2015 fand als erstes großes Resultat der Nachlass-Aufarbeitung die Ausstellung statt Cora Pongracz. Österreichische Avantgarde der 1970er.

 

 

© Cora Pongracz, Martha Jungwirth, tanzend mit Pelzstola
aus der Werkgruppe: Martha Jungwirth [MJ2b]
Österreich, Wien, Wohnung Jungwirth, um 1971

 

 

Cora Pongracz wurde 1943 in Buenos Aires geboren. Ihre Eltern waren aus Wien emigriert, unter anderem weil die Mutter in der Kommunistischen Partei war. Nach dem Krieg kehrte die Familie zurück nach Österreich. Ende der 1950er Jahre lassen die Eltern sich scheiden. Als Jugendliche erfährt Corina, dass der neue Partner der Mutter, der Banker Gustav Glück, ihr leiblicher Vater ist. 1963 geht sie nach München, wo sie ihre Photo-Ausbildung fortsetzt. 1965 erhält sie den Deutschen Jugendfotopreis. Zwischen 1966 und 1968 lebt sie in London. 1974 heiratet Cora Pongracz Reinhard Priessnitz, der bereits 1985 40jährig an Krebs stirbt. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich in den 80ern; psychotische Schübe treten häufiger auf. Ab diesem Jahr bleibt Cora Pongracz in einem Sozialpsychologischen Zentrum und photographiert nur noch sporadisch. Cora Pongracz starb 2003.

 

 

Cora Pongracz‘ Werk ist beispielhaft für die Wiener Avantgarde, die in mancher Hinsicht radikaler gewesen ist als deutsche Künstler. In formal-ästhetischer Hinsicht vermied sie jedweden Anspruch an ihre Bilder. Noch in ihrer späten Serie Besondere Portraits, die sie bei Zusammenkünften der Demokratischen Psychiatrie Wien machte, weigerte sie sich, die Aufnahmen mit den Namen der portraitierten zu betiteln, – so wie sie es vorher auch immer gehalten hatte. Sie wollte den Eindruck vermeiden, der Portraitierte sei wichtiger als der Photograph.

 

 

Das besondere Photo-Werk-Buch aus dem Wiener Verlag Schlebrügge Editor erlaubt nun erstmalig einen umfassenden Blick auf das Gesamtwerk der außergewöhnlichen Frau. Kurze Texte führen ein in die Werkzyklen und deren Zeitumstände. Ein Photobuch, das Cora Pongracz gerecht wird, vermeidet es doch jedweden Versuch einer simplifizierenden Erklärung.

© Matthias Pierre Lubinsky 2016