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Feb
23

Jörg Magenau – Princeton 66

Ein dokumentarischer Bericht. So lebensnah, als wäre das Hüsteln im eigenen Wohnzimmer.
© Klett-Cotta 2015

 

 

Jörg Magenau, Princeton 66.
Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47.
223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Klett-Cotta 2015, 19,95 € (D).

 

 

Vor 50 Jahren verbrachten 80 westdeutsche Schriftsteller und Literaturkritiker ein langes Wochenende in Princeton. Die Universität an der US-Ostküste hatte die Gruppe 47 eingeladen, hier zu tagen. Jörg Magenau schildert die Tagung so, daß wir im nachhinein dabei sein können.

 


Nach einigem Hin und Her konnte Hans Werner Richter mit der Gruppe 47 am vorletzten Aprilwochenende 1966 mit 80 Schriftstellern und Kritikern an die Universität von Princeton reisen, um hier eine ihrer Tagungen abzuhalten. Das Geld für die Reise kam offiziell von der Ford-Foundation, – möglicherweise vom CIA. Viele hatten vorher Bedenken und stellten Bedingungen. Insbesondere dem politisch stark exponierten Peter Weiss war es wichtig, nicht von der US-Regierung oder der deutschen Politik vereinnahmt zu werden, wenn er mitreise.

 

Die Zusammenkunft selbst verlief – wie so häufig – eigentlich mehr oder weniger unspektakulär, wenn nicht ein Schriftsteller, der zu diesem Zeitpunkt gerade anfing, einer sein zu wollen, für einen Eklat sorgte – und damit schlagartig berühmt wurde.

 

Jörg Magenau nimmt uns als Leser so mit auf die Reise und die Tagung, daß wir das Gefühl haben, tatsächlich dabei zu sein. 2013 gab er Ernst Jüngers Letzte Worte heraus, ein Jahr zuvor war von ihm die fulminante Doppelbiographie Brüder unterm Sternenzelt über Friedrich Georg und Ernst Jünger erschienen. Nun nimmt er sich also die Gruppe 47 vor.

 

Sein Buch wird zu einem niedergeschriebenen Hörspiel, weil es der 1961 geborene Magenau versteht, die jeweilige Situation zu beschreiben, wie sie wohl gewesen sein wird, gewesen sein muß. Da wird das Quietschen der Tür beschrieben, die einsetzende Stille oder das Stühlerücken bei der ersten Lesung. Die Dramaturgie der Tagung war denkbar einfach: Jeder Autor sollte kurz aus einem eigenen Text lesen, ohne diesen eingangs zu erläutern. Anschließend hatten alle Anwesenden die Gelegenheit zur Kritik. Die Veranstaltung muß für die Beteiligten total langweilig gewesen sein, – bis zum Eklat. Zuerst las Walter Jens:

 

»Jens hatte zwar zu lesen begonnen, aber hörte überhaupt jemand zu? Hüsteln, Räuspern, Füßescharren, Stühlerücken. Seine Kuhglocke – Herrschaftszeichen und Disziplinierungswerkzeug gleichermaßen – wollte Richter noch nicht einsetzen. Er atmete hörbar aus. Offenbar missfiel einigen die akkurate Ausrichtung der Stuhlreihen, so dass sie nach vorne oder nach hinten auswichen, sich seitlich wegdrehten, um die Beine übereinanderzuschlagen und die militärische Ordnung des Auditoriums in eine gemütlichere Unübersichtlichkeit zu verwandeln oder, wie Enzensberger, der sich auf dem Fußboden neben dem Podium plazierte, die Stuhlreihen gleich ganz zu verweigern.«


Die Grundidee, sich in Princeton auf die eigene, die mitgebrachte Literatur zu konzentrieren, hatte allerdings den Nachteil, daß die Angereisten von Land und Leuten nicht allzuviel mitbekamen. Magenau schildert den im vergangenen Jahr verstorbenen Fritz J. Raddatz als einen der wenigen, die ihren Aufenthalt dazu nutzten, mit den Menschen, Künstlern oder dem aktuellen Geschehen in Kunstkreisen in Kontakt zu kommen. Und obwohl gleichzeitig an der Universität von Princeton eine Veranstaltung mit bedeutenden Pop-Literaten Amerikas stattfand, darunter Allen Ginsberg, bekamen die Gäste aus Westdeutschland davon wohl nichts mit.

 

Das muß aus der Rückschau umso mehr erstaunen, als nach Princeton mehr oder weniger die gesamte linke westdeutsche Literatur gereist war: Dabei waren Alfred Andersch, Jürgen Becker, Hans Christoph Buch, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Günter Grass, Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Hellmuth Karasek, Siegfried Lenz, Uwe Johnson, Siegfried Unseld, Klaus Wagenbach und andere.

 

Am letzten Tag, dem Sonntag, war eigentlich schon alles vorbei. Die Teilnehmer waren ermüdet ob der endlosen Debatten und kurzen Nächte. Da ereignete sich Handke, wie es Magenau nennt. Nach der Lesung von Hermann Peter Piwitt meldet sich der Schriftsteller-werden-Wollende zu Wort und stammelt den denkwürdigen Satz: »Ich bemerke, daß in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht.«


»Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt nur Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immernoch Einzelheiten beschreiben.« Der damals 23-jährige Handke ließ sich trotz mehrmaliger Unterbrechung von Richter nicht abhalten, fortzufahren. Er wiederholte sich häufig, stammelte. Da Übel der vorgetragenen Prosa bestehe darin, daß sie ebenso  gut aus einem Lexikon abgeschrieben sein könne.

 

Die schon ermatteten Journalisten schrieben fleißig mit und telegraphierten sogleich nach Hause, was geschehen war.

 

Die Gruppe 47 zerfiel in der Folge rasch. Das lag nicht an Handke, sondern war der Zeit geschuldet, die weiter gegangen war. Die Schriftsteller trennten sich in verschiedene Lager. Die Studentenrevolte stand am Horizont. Die westdeutschen Schriftsteller, die in den beiden Jahrzehnten nach dem Kriegsdesaster Einigkeit gesucht hatten, gingen nun meist ihrer eigenen Wege.