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Jun
18

Claire Waldoff – Erinnerungen

Claire Waldoffs Erinnerungen sind wieder erschienen im L.S.D. Verlag
© L.S.D. Verlag/ Karl Lagerfeld 2013

 

 

Claire Waldoff, Weeste noch…! Aus meinen Erinnerungen.
L.S.D. Verlag, Göttingen 2013, 192 Seiten, gebunden in Leinen mit einer Titelvignette von Karl Lagerfeld, 18 Euro.

 

»Als ich geboren wurde – ein rothaariger Schreihals – fühlte sich der Vater so stark und stolz, daß er in feuchtfröhlicher Laune einen Ringkampf mit einem Nachbarn wagte«, erzählt die berühmte Kabarettistin Claire Waldoff in ihren Erinnerungen. Woraufhin »der neugebackene Vater mit einem gebrochenen Bein auf einem Tisch zur Mutter ans Bett gebracht« wurde.

Diese launischen Erinnerungen von Claire Waldoff (1884 – 1957) waren lange Jahre nicht mehr lieferbar. 1953 zum ersten Mal erschienen, war das Buch ein gesuchtes Liebhaberobjekt. Dem feinen L.S.D. Verlag und wohl der profunden Bildung von Karl Lagerfeld ist es nun zu verdanken, dass es in wohlfeiler Ausstattung wieder vorliegt.

»Wer binnen zehn Jahren in Berlin nichts wird, hat den Funken nicht. Wer sich gleich am ersten Abend durchsetzt, ist genial«, schreibt Peter Sachse in seiner Einleitung. Er trifft damit wohl den Nagel auf den Kopf, liebten sie doch die Berliner von Ost bis West, vor allem: von arm bis reich. So fuhren die schweren schwarzen Limousinen selbst am Wedding vor. Sonst wagten sich die Vermögenden nicht in den berüchtigten Arbeiterbezirk. Um Claire Waldoff zu sehen, war ihnen selbst dieser Weg nicht zu verrucht.

Die kleine Frau mit dem losen Mundwerk stammte aus Gelsenkirchen. Ein Leben lang blieb sie mit dem Ruhrpott und seinen fleißigen und armen Bergkumpeln verbunden. Sie war das elfte von sechzehn Kindern. Die Eltern erkannten ihre Talente und schickten sie auf das damals erste Mädchen-Gymnasium nach Hannover. Eine der vielen süffisanten Begebenheiten in ihrem nicht gerade langweiligen Leben schildert sie so:

»Der Zufall wollte es, daß meine Hannoverschen Pflegeeltern, bei denen mich Vater einmietete, ausgerechnet die Eltern von Theo Lingen waren, der damals gerade im Begriff war, das Licht der Welt zu erblicken.« Jahrzehnte später sollte Claire Waldoff mit ihm in der Skala-Parodie »Romeo und Julia« zusammen auf der Berliner Bühne stehen. Im Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger gehörte Claire Waldoff bald zum Inventar, zu den ganz Großen, deren Namen und Kunst in ganz Deutschland mit den ausschweifenden Berliner Nächten verbunden wurden.

Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde Claire Waldoff sobald auf den Index gesetzt. Sie erinnert sich: »Mein arischer Nachweis wurde bis zum Urgroßvater in Ordnung befunden.« Dennoch war sie natürlich unerwünscht: Politisch links, das System und die Mächtigen auf der Bühne verspottend – und dafür auch noch viel Beifall zu ernten, das war zu viel. Außerdem war Claire Waldoff bekanntermaßen lesbisch. So berichtet sie in dem Buch, wie eines Abends die Hitlerjugend in den Theatersaal marschierte und im Sprechchor das Publikum fragte: »Deutsche Männer und Frauen, wollt ihr das hören?« Schlagfertig wie sie war, antwortete die Protagonistin der Schau: »Natürlich wollen sie das hören, deswegen sind sie ja hergekommen.«

Nach dem Krieg ist es um Claire Waldoff dann ruhiger geworden. Sie erkrankte 1948 schwer und musste mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen. Sie zog in die bayerische Provinz. Das Buch endet mit dem letzten Besuch ihrer so geliebten Stadt Berlin, die in Trümmern lag.

Angereichert ist der bibliophile Band durch Schwarz-Weiß-Photos aus der Karriere der Waldoff. Ein Anhang bringt – wie die Originalausgabe ­– interessante Besprechungen ihrer grandiosen Bühnenerfolge aus den Zeitungen.

Getrüffelt ist auch dieser L.S.D.-Band mit einer Titelvignette von Karl Lagerfeld.