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Okt
04

Karl Friedrich Schinkel – Geschichte und Poesie

Karl Friedrich Schinkel, Die Kirche Santa Maria del Popolo in Cittaducale, 1803
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

 

 

 

Karl Friedrich Schinkel – Geswchichte und Poesie.
Ausstellung im Kupferstichkabinett Berlin noch bis 6. Januar 2013.
Katalogbuch herausgegeben von Hein-Th. Schulze Altcappenberg, Rolf H. Johannsen und Christiane Lange.
Hirmer Verlag, 2012. 360 Seiten, 300 Abbildungen, gebunden, Euro 39,90.

Wer war Karl Friedrich Schinkel? Die Frage mag merkwürdig erscheinen, kennen doch die meisten das Alte Museum, das Schauspielhaus, die Neue Wache, die Friedrichswerdersche Kirche und die Bauakademie. Zweifellos: Schinkel gilt heute zu Recht als einer der bedeutendsten Architekten des 19. Jahrhunderts. Doch war er viel mehr.

Im 21. Jahrhundert lösen sich die alten Ordnungen auf. Gewissheiten und wissenschaftliche Erkenntnisse verabschieden sich über Nacht. Was für die rationalen Bereiche Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gilt, gilt auch für die Kunst: Im Zentrum aktueller Debatten stehen Fragen wie: Was darf die Kunst? Was ist Original und was Fälschung? Wo liegen die Grenzen legitimer Zitierweisen? Da kommt die große und tiefgründig vorbereitete Ausstellung Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie gerade recht. Der große Baumeister Preußens war eben nicht nur Architekt, wie in der Schau eindrücklich zu erfahren ist. Ihm schwebte der große historische Wurf vor. Vom Mittelalter mit seiner kulturellen Offenheit zur Moderne am Anfang des 19. Jahrhunderts, wo es ihm ein Anliegen war, an abendländische Wurzeln zu erinnern.

Schinkel, der in Berlin durch seine Bauwerke allenthalben präsent ist, wird nun darüber hinaus präsentiert als Maler, Zeichner, Bühnenbildner und Visionär. Mit etwa 300 Exponaten auf 1.200 Quadratmetern zeigt die Ausstellung den preußischen Stararchitekten als Universalkünstler. Er fuhr an die Stätten des Mittelmeeres, um sich inspirieren zu lassen für seine Entwürfe von preußischen Auftragsbauten und Denkmalen. Er zeichnete zugleich für sich romantische Villen am Meer. Im Garten die gut gekleidete Dame des Hauses; die Kinder spielen ausgelassen. Der Besucher erhält durch die Auswahl der Exponate ein Gespür für die Arbeitsweise Schinkels. Architektur-Entwürfe wurden mit Dutzenden von Zeichnungen vorbereitet. Schinkel war ein Freund der Perspektive – und von Details. So kann der Betrachter vor mancher Skizze lange verweilen und wird immer wieder weitere Details erfassen. Gefördert wird das durch die dezente Beleuchtung im Kupferstichkabinett im Berliner Kulturforum.

 

 

Karl Friedrich Schinkel,
Entwurf zum Salon der Wohnung Friedrich Wilhelms IV. im Berliner Schloss, 1824/1825
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

 

 

Schinkel als Poet. Er verband in sich substanziell-ästhetisch Tradition und Moderne und konnte dies auf seine Bauwerke übertragen. Als Schinkel mit seinem Freund und Weggefährten Christian Peter Wilhelm Beuth 1826 nach England reist, ist er von der Industrie-Architektur entsetzt. Für ihn ist sie nur an Nützlichkeit ausgerichtet, ohne jedwedem ästhetischen Anspruch zu genügen, wie er in Briefen in die Heimat mitteilt. Dennoch orientiert er sich danach grundsätzlich an der englischen Funktionalität. Als er von 1832 bis 1836 die Bauakademie errichtet, setzt er jedoch darüber hinaus das komplexe städtebauliche Bedeutungssystems der Preußischen Hauptstadt ein: Es entsteht ein Kubus ohne eigentliche Hauptfassade. Stützenrasterbauweise und unverputzte Sichtziegeloptik waren revolutionär – und sorgten für barsche Kritik. Häufig übersehen wird die Poesie des Gebäudes: Die Geschosse sind differenziert, und durch die allegorische Bauplastik der Fensterbrüstungen wie der Hauptportale erhält das wichtige Haus seinen Bezug zum technischen, kulturellen und ethischen Stand der Architektur.

Unbedingt empfehlenswert ist das begleitende Katalogbuch aus dem Münchner Hirmer Verlag, in dem sämtliche Ausstellungsstücke reproduziert sind. Auf etwa 360 Seiten wird die Ausstellung vertieft. Der  Besucher erhält so die Möglichkeit, sich die Bilder und Zeichnungen zu Hause noch einmal in Ruhe anzuschauen. Denn durch Umfang und Intensität der Schau ist es kaum möglich, alles aufzunehmen und zu behalten. Zu einem Handbuch wird der Begleitband, weil alle Exponate durch einen kurzen Text erläutert werden.

Ausstellung und Katalog basieren auf dem umfassenden Forschungsvorhaben »Das Erbe Schinkels«, das zwischen 2009 und 2012 durchgeführt wurde. Wesentliche Ziele waren die konservatorische Sicherung der 5.500 Werke des Schinkel-Nachlasses, über die das Berliner Kupferstichkabinett verfügt. Dafür wurden neuartige Forschungsmethoden nötig, weil man nicht wusste, woher der strenge Geruch vieler Zeichnungen herrührte, die beim Öffnen der Archive zutage traten. Darüber hinaus wurde ein wissenschaftlicher Online-Katalog aller Werke erstellt. Für jeden an Architektur, Baugeschichte und Zitierweisen in der Kunst Interessierten sind Ausstellung und Begleitband ein großer Gewinn. Wer es in die gelungene Ausstellung am Berliner Potsdamer Platz nicht schafft, erhält mit dem umfangreichen Katalog einen echten Trost.

 

 

Franz Krüger, Bildnis Karl Friedrich Schinkel, 1836
© bpk/Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Jörg P. Anders

 

 

Karl Friedrich Schinkel – Geschichte und Poesie