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Nov
08

Berlins vergessene Mitte

Karl Johannes: Neuer Mühlendamm, 1968
Eva Rothkirch, Berlin



Drr DANDY-CLUB weist auf eine Ausstellung hin, die versucht, der Verhässlichung der Welt entgegenzuwirken:

Berlins vergessene Mitte. Stadtkern 1840-2010.
Ephraim-Palais/ Stadtnuseum Berlin
Poststraße 16
10178 Berlin
Dienstags und donnerstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, mittwochs 12 bis 20 Uhr.
Noch bis 27. März 2011.
www.stadtmuseum.de

Der empfehlenswerte Katalog vertieft die ambitionierte Ausstellung mittels zahlreicher Essays, Photos und Karten:
Berlins vergessene Mitte. Stadtkern 1840-2010.
Herausgegeben von Franziska Nentwig und Dominik Bartmann, Drckverlag Kettler, Bönen 2010, 232 Seiten, Euro 29,90.

Berlin ist ohne historisches Gedächtnis. Die deutsche Hauptstadt hat in ihrer Architektur und Stadtgestaltung kaum eine Anbindung an vergangene Zeiten, an alte Plätze oder Alleen.

Daran schuld ist nicht nur das massive Bombardement im Zweiten Weltkrieg. Das hat die Stadt tatsächlich weitgehend eliminiert. Zerstörungswut aber hatte jede Epoche – auch wenn dies nicht allgemein bekannt ist. So wurde die Metropole über die Jahrhunderte von ihren jeweiligen Herrschern immer wieder radikalen Veränderungen unterworfen. Selbst nach 1945 wurde vieles abgerissen, was nicht unwiederherstellbar zerstört war. Das Stadtschloss ist da nur ein Beispiel. Das große Hohenzollern-Ensemble störte den sozialistischen Staat in seinem Herzen. Die Fasanenstraße, eine Querstraße zum Kurfürstendamm, ist seit Jahrzehnten vornehmste Galerie- und Wohnadresse. Wem ist bewusst, dass ihre alten Häuser in den 1960er Jahren für den Bau einer Tangente zur Stadtautobahn komplett geschleift werden sollten? Der Deutschen Bank ist ihr Erhalt zu verdanken: Sie bewilligte keinen Kredit für die blinde Zerstörung vorhandener Substanz.

Noch immer klaffen in dieser so geschundenen Stadt riesige Wunden: Die flächenmäßig größte ungeklärte Stelle ist der Platz vor dem Roten Rathaus, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters in Berlins Mitte. Jedoch ist dies nicht der einzige Platz, der einer Gestaltung harrt. Dies gilt auch für den Petriplatz, den Molkemarkt und das Klosterviertel.


Dieter Kühne: Blick vom Rathaus zur Karl-Liebknecht-Straße, 1969
Stadtmuseum Berlin




Das Stadtmuseum Berlin mischt sich nun in die Diskussionen ein. In Kooperation mit dem Landesarchiv Berlin präsentiert das Museum zum 4. Europäischen Monat der Fotografie Berlin Fotografien zur Geschichte des Stadtkerns zwischen 1840 und heute. Dieser ehemalige, alte Stadtkern ist als solcher heute nicht mehr auszumachen.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet, das Aspekte der Ausstellung vertieft und zugleich Fragen nach dem künftigen Umgang mit Berlins Mitte stellt. St. Marien- und Nikolaikirche sind die letzten noch erhaltenen Gebäude, die an das Gründungszentrum erinnern. Der Nihilismus ihrer Umgebung macht klar, warum in Berlin der Begriff ‚Altstadt‘ nicht existiert.

Ausstellung, Rahmenprogramm und das begleitende Katalogbuch verstehen sich durchaus als gewollter Anstoß, sich Gedanken an der zukünftigen Gestaltung dieses Platzes zu machen. Als Aufforderung, an Diskussionen teilzunehmen.  Franziska Nentwig, die Generaldirektorin des Stadtmuseums begründet die Ausstellung so: »Das jetzige Aussehen der inneren Mitte Berlins ist umstritten. Wem gehört sie und was gehört hier her? Sie ist ein prominenter städtischer Lebensraum, aber auch zentraler Ort der Bundeshauptstadt. Ihre Gestaltung visualisiert unseren Umgang mit Geschichte. Kluge Entscheidungen zur Zukunft dieses so bedeutsamen Areals erfordern die Kenntnis seiner Vergangenheit.«

Ein wichtiger Teil des Projektes »Berlins vergessene Mitte. Stadtkern 1840-2010« ist das Katalogbuch zur Ausstellung. Es dokumentiert neben den Photos der Schau auch zahlreiche Stadtpläne, Karten und historische Ansichten, die unabdingbar sind, will man sich eine Meinung bilden. Die Direktorin des Stadtmuseum macht deutlich, dass heute ein anderer Zeitgeist herrscht, als vor 30 oder 40 Jahren, wo die Stadtplaner eher versuchten, Vergangenheit – so weit überhaupt noch vorhanden – zu tilgen: Bevor planerisch agiert werde, müsse man sich der Vergangenheit stellen. Denn es gehe an diesem zentralen Ort nicht nur um Städtebau, »sondern auch um Verhandlung von Geschichtsbildern, um Interpretationen der Vergangenheit und deren Verankerung in der Zukunft«.


Hermann Rückwardt: Bau der Kaiser-Wilhelm-Brücke und der Kopfbauten an der Burgstraße, 22.6.1887
Stadtmuseum Berlin




Hat man die Ausstellung besucht, so eignet sich das großformatige Buch zum Immer-wieder-Nachlesen von Zahlen, Daten, Fakten, die wichtig sind, will man wirklich zu einer eigenen Meinung gelangen. So erfährt der Interessierte, dass von den um 1840 vorhandenen etwa 1.500 Häusern des Stadtkerns in den darauffolgenden 130 Jahren 1.488 abgerissen wurden. Die insgesamt drei Dutzend Textbeiträge des Bandes sind auch für Laien verständlich und geben ein facettenreiches Gesamtbild ab. Sie sind durchgehend bebildert, was dem Buch nicht nur optisch zu Gute kommt, sondern die Aufsätze verständlicher macht.

In seinem erstaunlichen Beitrag schreibt Klaus Hartung über »Geschichtsverlust und ästhetische Degradation«, gelöschte Erinnerungen hätten ihre Folgen: Die vergessene Mitte Berlins sei nicht zum Anschauen, sondern buchstäblich zum Vergessen. »Die gotische St. Marienkirche, stolzes Relikt der ehemaligen Hansestadt, ist verurteilt, als Fremdkörper am eigenen Ort zu erscheinen. Sie versinkt förmlich im Boden, im Schatten von dreizehnstöckigen Plattenbauwänden. Der riesige Platz mit seinen überdimensionierten Wohn- und Geschäftsbauten am Rande wirkt wie ein ödes Trabantenstadtzentrum, ein diffuser Raum, tendenziell verwahrlost, ohne Kraft, die historischen relikte und Großbauten zu versöhnen.« Diese Leere »einer von der Phantasie verlassenen Steinbaukastenstadt« (Robert Musil) sei das Ergebnis einer »Ausschabung« der Altstadt.

Nun rächt sich, den Deutschen – in West wie in Ost – historisches Bewusstsein verwehrt zu haben. Dieses Katalogbuch, die gesamte Ausstellung und das umfangreiche Rahmenprogramm zeugen vielleicht von neuem Geist. Sie sollten zahlreich wahrgenommen werden.


Arwed Messmer: Großer Jüdenhof, 22.11.2009
Stadtmuseum Berlin