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Feb
03

Enzensbergers dandyeske Freiheitsrede


Das Cover des aktuellen Buches von Hans Magnus Enzensberger



Hans Magnus Enzensberger ist am gestrigen Dienstagabend in Kopenhagen mit der bedeutendsten dänischen Kultur-Auszeichnung geerhrt worden: dem Sonning-Preis. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung dokumentiert Enzensbergers Dankesrede in einer leicht gekürzten Fassung:

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~ECC789B864DC04CDAAD5D4010430CC316~ATpl~Ecommon~Scontent.html



Der bedeutende deutsche Schriftsteller und Geistesdandy nahm die Preisverleihung zum Anlass für eine vernichtende Stellungnahme zur EU.

Enzensberger nennt das Demokratiedefizit der EU „eine chronische und offenbar schwer zu behandelnde Mangelkrankheit“. Als habe es die Verfassungskämpfe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts nie gegeben, wurde sich „von Anfang an auf eine Kabinettspolitik verständigt, die alles Wesentliche im Hinterzimmer aushandelt“

.

Enzensbergers Bücher sind Seismographen und zugleich subversiver Widerstand



Enzensbergers Kritik kommt einer Abrechnung über ein Gebilde gleich, dass niemand mehr versteht, verstehen soll: „Die Kommission hat praktisch ein Monopol für die Gesetzesinitiative. Sie verhandelt und entwirft ihre Richtlinien hinter geschlossenen Türen.“ „Die über fünfzehntausend Lobbyisten, die in Brüssel tätig sind, haben mehr Einfluss auf die Entscheidungen der Kommission als alle Abgeordneten (…)



Was aber die Bewohner unseres Erdteils am meisten nervt, ist der Regelungswahn der Brüsseler Behörden. Ihre Kompetenzgier ist nicht schwer zu erklären. Wie Robert Conquest einmal bemerkt hat, verhält jede Großorganisation sich so, als würde sie von den Geheimagenten ihrer Gegner geleitet. Diese Form der Selbstsabotage ist kein Zufall; denn jede Ausdehnung ihrer Befugnisse verspricht der Organisation mehr Macht, mehr Geld und mehr Planstellen. Hannah Arendt hat vor fünfundvierzig Jahren dazu das Nötige gesagt. Sie sprach damals in Kopenhagen vom ‚Druck einer sich abzeichnenden Veränderung aller Staatsformen, die sich zu Bürokratien entwickeln, das heißt, zu einer Herrschaft weder von Gesetzen noch von Menschen, sondern von anonymen Büros oder Computern, deren völlig entpersönlichte Übermacht für die Freiheit und für jenes Minimum an Zivilität, ohne das ein gemeinschaftliches Leben nicht vorstellbar ist, bedrohlicher sein mag als die empörendste Willkür von Tyranneien in der Vergangenheit‘.

Am Ende seiner essayistischen Hinrichtung zitiert Enzensberger den deutschen Philosophen Odo Marquard: „Es kommt nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern sie zu verschonen.“

Eine Internet-Debatte über Enzensbergers EU-Bashing beginnt hier:
http://gunnarsohn.wordpress.com/2010/02/03/wehrt-euch-gegen-die-eurokraten-kauft-gluhbirnen-in-bosnien/