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Jul
14

Marcel Proust oder wie der mikroskopische Blick ins Schweifen gerät

Die Wiener Presse bringt ein ausführliches und wunderbares Stück von Rüdiger Görner über die Proust-Biographie von Jean-Yves Tadié. Episch wie das Werk von Proust und damit kongenial. Kostprobe:

„(…) Proust oder wie der mikroskopische Blick ins Schweifen gerät, mit diesen Worten könnten zahllose Kapitel der ‚Recherche‘ überschrieben sein. Was ereignet sich in einem Schriftsteller, der das Erzählen zum Großprojekt am Rande der Unabschließbarkeit werden und doch deutliche kompositorische Strukturen erkennen lässt, die ja bei Proust durchaus ausgeprägt waren? (…) Hat man schon einmal eine Rezension in Fortsetzungen geschrieben? Jean-Yves Tadiés meisterliche Biografie „Marcel Proust“ wäre dafür ein zwingender Anlass, um sicherzustellen, dass diese immense Leistung (einschließlich jener des Übersetzers Max Looser) über einen längeren Zeitraum hinweg präsent bleibt.
Worauf kam es Tadié an? In erster Linie bemühte er sich darum, nicht jenen me-thodischen Fehler zu wiederholen, dem George D. Painter in seiner in zwei Bänden vorgelegten Lebensbeschreibung Prousts (deutsch: 1962 und 1968) erlegen war und der seither vielfach wiederholt wurde, nämlich – in Tadiés Worten – ‚den Roman auszuschlachten, um das Leben zu erklären oder zu verstehen‘. Stattdessen versuchte Tadié, die Quellen von Prousts Schaffen in seinem Leben zu fassen, dieses Leben ‚wie eine Partitur‘ zu lesen, die Spuren von Prousts ‚manischen Freundschaften‘ freizulegen und seine exzessive Mutterbindung in ihrer Bedeutung für das Werk zu bedenken, ohne sich dazu hinreißen zu lassen, voreilige Schlüsse zu ziehen. (Man sollte Proust nicht vorwerfen, dass er Freud nicht gekannt hat!)
Stil bestehe aus Opfern, meint Tadié, und man ahnt, was er damit meint, wenn man sich gelegentlich an einer seiner eigenen stilistischen Eigenarten stößt. Unzählige Male findet sich die Wendung: Proust (oder einer seiner Freunde) sollte (oder wird) dieses oder jenes dann später so und so tun. Der Biograf suggeriert damit grammatikalisch eine Zielgerichtetheit in den verschiedenen Lebensabschnitten und in der Auswertung bestimmter Erfahrungen, die es mit solcher Folgerichtigkeit nicht geben kann. (Wie meinte doch Proust bei Gelegenheit imGespräch mit der Witwe von Georges Bizet: „Es gibt keine Gewissheiten, nicht einmal grammatikalische.“) Überdies unterminiert Tadié diesen Ansatz selbst, indem er (weitaus stärker, als Painter dies je getan hat) seine Biografie in ihren Proust’schen, also kolossalen Ausmaßen eher fragmentarisch strukturiert: Die meisten Unterkapitel sind (gelegentlich irritierend) kurz (…)
Proust faszinierten Dreiecksbeziehungen, zumal solche, in denen bisexuelle Verhältnisse herrschten; kam dazu auch noch Blaublütiges, reizte ihn dies umso mehr, was nicht bedeutet, dass eine bloße Concièrge (oder ihr Sohn) ihn kaltgelassen hätte. Man denke etwa an die Ménagerie im Salon der Princesse Soutzo, die einer Märchenfigur aus Tausendundeiner Nacht glich, oder an die notorische Anna Comtesse de Noailles, die in spätromantischem Stil dichtete, aber ein avantgardistisches Intimleben führte (…)
Und dann gab es noch Robert Comte de Montesquiou-Fezensac, der Proust „sehen“ lehrte, die Gemälde Whistlers und El Grecos und vor allem Watteaus. Er nannte sich einen professeur de beauté, verstand sich als ein doppeltes Wesen; ein Dandy war er, aber auch Kunstkritiker und (mittelmäßiger) Dichter, ein Sammler (auch von Gefühlen) von großer Ausstrahlung. Sie alle wirkten auf Proust und durch ihn auf sein Werk.
Seit seinem neunten Lebensjahr litt Proust an Asthma; der Frühling wurde zu seinem Feind wegen des Pollenflugs; man kannte ihn nur kränkelnd. Er war bekannt für seine Angst vor Zugluft und dafür, dass er nur zu bestimmten Saloneinladungen kam, wenn man ihm versicherte, dass der dort gereichte Tee in einer bestimmten Weise zubereitet war. Und doch war er weder Narziss noch Snob. Was danach aussah, glaubte er seinem Werk schuldig zu sein. Er lebte nach 1905, nachdem er mit seiner Mutter John Ruskin ins Französische übersetzt hatte, für sein Werk, aber das lange ohne Erfolg nach außen. Erklärbar ist nicht oder nur unzureichend, was diesen Willen zum Werk letztlich ausgelöst hat; mutierte Proust doch von einem planlosen Hedonisten, einem „Drifter“ eben, zu einem arbeitsbesessenen Schriftsteller. Zu seinem Laboratorium erklärte er nicht nur die Salons, die Nobelhotels an der Atlantikküste und das Pariser Ritz, sondern auch seine Wohnung, vor allem sein Schlafzimmer, das er mit Korkplatten gegen Geräusche abdichten ließ (…)

Leseempfehlung!
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