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Jan
23

Stefan Koppelkamm – Palermo

© Stefan Koppelkamm, Palermo Altstadt

 

 

 

 

Stefan Koppelkamm: Palermo. Lavori in corso.
Text, Photos und Gestaltung von Stefan Koppelkamm.
Deutsch, Englisch, Italienisch
160 Seiten mit 75 Farbabbildungen,
Hatje Cantz Verlag 2017, gebunden, 30 €.

 

 

 

 

Stefan Koppelkamms Buch über Palermo ist wesentlich mehr als ein Portrait der sizilianischen Hauptstadt. Es ist der Prototyp eines Schulbuches, das uns lehrt, fremde Orte nicht als Tourist aufzusuchen. Eine Hymne auf ein grandioses Buch.

 

 

 

Hans Magnus Enzensberger hat Wesen und Wirkung des Touristen treffend charakterisiert: Der Tourist zerstöre das, was er suche, dadurch, dass er es fände. Stefan Koppelkamm ist dem interessierten Publikum bekannt geworden durch sein 2006 publiziertes Buch Ortszeit Local Time. Koppelkamm war 1990 in die zusammengebrochene DDR gereist, um Straßen und Häuser zu photographieren in der Annahme, dass diese bald ganz anders aussehen würden. So entstand damals ein bedeutendes  Buch, in dem der in Saarbrücken Geborene den Zustand vor und nach der Vereinigung dokumentierte. Es lässt uns heute – ein Vierteljahrhundert später – nicht mehr den Mund zukriegen ob des Ausmaßes der Veränderungen.

 

 

© Stefan Koppelkamm, Via Collegio di Santa Maria in Richtung Meer

 

 

 

 

In seinem neuesten Buch portraitiert Koppelkamm die sizilianische Hauptstadt Palermo. Doch wer nun die bekannten ikonographischen Motive aus bekannten Blickwinkeln erwartet, wird eines besseren belehrt. Schon der Titel ist eine Warnung an den Oberflächlichen. Lavori in corso bedeutet Baustelle. Der Subtil-Reisende Autor nähert sich der Stadt anders als ein gewöhnlicher Tourist: Seine kurzen Texte beschreiben die Lebenswirklichkeit der Palermitaner ohne Klischee, ohne Verklärung. Kongenial dazu die Photos: Sie zeigen den fortgeschrittenen Verfall vieler alter Häuser. Die Fenster sind zugemauert, häufig wohnt nur noch im Erdgeschoss jemand.

 

 

 

Koppelkamm bricht die gewohnte  oberflächliche Annäherung, die eher dem Billigfliegenkönnen als einem echten Interesse geschuldet ist. Hier ist der Gegenentwurf zum Wochenendtripp für 199,- Euro. Stefan Koppelkamm sucht sich eine Wohnung. So kommt er in Kontakt zu den Menschen, lernt das Leben der Palermitaner kennen.

 

 

 

In seinen kurzen Texten schildert Koppelkamm die tagtägliche Anarchie so, dass uns als deutschem Leser weder Angst und Bange wird, noch dass wir sagen, wir wollten so leben. Die begleitenden Photos hat man so noch nicht gesehen. Zugeparkte Gassen, zugrundegehende Gemäuer, zugemüllte Höfe. Dabei verfällt der Betrachter in keine Ver- oder überhaupt Beurteilung.

 

 

 

Es bleibt ein Gefühl der Neugier und ein tiefer Respekt vor dem Anderssein. All dies ist Europa.

 

© Matthias Pierre Lubinsky 2018