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Dez
03

Eliot Weinberger – Vogelgeister

Das schöne Buch von Eliot Weinberger erschien in Berliner Berenberg Verlag
© Berenberg Verlag 2017

 

 

 

 

Eliot Weinberger, Vogelgeister
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
144 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet,
Berenberg Verlag 2017, 22 €.

 

 

 

Die Welt scheint völlig enthemmt und immer weiter beschleunigt einem nihilistischen Materialismus entgegen zu rasen. Da kommt der US-Essayist Eliot Weinberger und erinnert uns an verschollen geglaubte Bücher und untergegangene Welten.

 

 

Eliot Weinbergers neuer Essay-Band Vogelgeister macht es dem Leser nicht ganz leicht. Einige Überschriften der einzelnen Stücke lauten Die Geschichte von Adam und Eva, Die Welt oder Die Toten.

 

 

Die Menschen im Norden sind dumm wie Tiere, leben aber lang.
Die Menschen im Süden reifen früh, sterben aber jung.
Die Menschen im Westen sind Tapfer, aber nicht gütig. Die Männer haben bedauernswerte Gesichter und unförmige Hälse, ihr Gang aber ist würdevoll.
Die Menschen im Osten sind groß und hochgewachsen. Sie erlangen ihr Wissen früh, leben aber nicht lang. Die Menschen in der Mitte sind gewitzt und gleichen Weisen.
(Die Welt – 2. Jahrhundert v. Chr.)

 

 

Der Wolkenbücherschrank – mit diesem schönen Wort betitelt Weinberger die Bibliographie seiner gehobenen Texte. Diese stammen aus vielen Jahrhunderten – wohl der gesamten Menschheitsgeschichte. Dieser Wolkenbücherschrank macht die kunstvollen vorherigen Texte, Stücke, Fragmente erst verständlich. Nun wird dem Leser klar, woher die umgeschriebene Geschichte von Adam und Eva stammt. Eliot Weinberger hat sie sich nicht ausgedacht.

 

 

Es heißt, im Traum wandern die Seelen der Menschen an einem langen, unsichtbaren Seil davon. Haben sie einen schlechten Traum, erzählen die Menschen allen davon. Haben sie einen schönen Traum, behalten sie ihn für sich. (Die Mara)

 

 

Eliot Weinbergers Essays sind selbst solche Traumstücke. Sie holen eine Welt aus den Tiefen des geistigen Ozeans, die uns bislang verschollen schien. Sie fordern uns auf, wieder zu träumen. Wieder Ehrfurcht zu erlangen und unseren Horizont zu öffnen.