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Mai
03

Felix Philipp Ingold – Das russische Duell

Adrian Vokov, Duell zwischen Puschkin und d’Anthès, 1869

 

 

 

Felix Philipp Ingold, Das russische Duell.
Kultur- und Sozialgeschichte eines alten Rutuals.
Gebunden mit Schutzumschlag, 438 Seiten mit Abbildungen, Konstanz University Press 2016, 39,90 Euro.

 

 

Das Duell war über Jahrhunderte das standesgemäße Ritual für Adlige, seine Ehre wieder herzustellen. In Rußland hatte das Duell stets eine eigene Ausprägung. Felix Philipp Ingold untersucht in der ersten deutschen Monographie das Duell in Rußland.


Charles Baudelaire wußte um den Mythos des Duells, jenen Ehrenhandel, der für Adlige in Europa über die Jahrhunderte oft die einzige Möglichkeit schien, ihre Ehre zurückzugewinnen. In seiner bedeutenden Studie über das Dandytum schrieb der französische Schriftsteller, der Dandyismus sei eine »schwer bestimmbare Einrichtung, ebenso absonderlich wie das Duell«.

 

Das Wort stammt vom lateinischen duellum. Definiert wird es allgemein als freiwilliger Zweikampf zwischen grundsätzlich gleich starken Personen. Die Mittel sind gleiche Waffen, die potenziell tödlich sind. Sein Zweck ist die Wiedererlangung der Ehre.

 

In seiner umfangreichen Studie spannt Felix Philipp Ingold einen weiten Bogen über die russische Geschichte. In der Einleitung schreibt Ingold, der lange als Diplomat in Rußland war: »Rezeption und Entwicklung des Duellwesens in Russland werden nachfolgend erstmals in deutscher Sprache monographisch dargestellt«. Ähnelt dieser Ehrenhandel dem in anderen – europäischen – Staaten grundsätzlich, so sieht der Autor, emeritierter Professor für Kultur- und Sozialgeschichte Rußlands an der Universität St. Gallen, doch in dem Reich im Osten erhebliche Unterschiede. So ist der Titel des Buches mißverständlich: Besser wäre gewesen Das Duell in Rußland.

 

Ein wesentliches Charakteristikum des Duells in Rußland ist nach Auffassung Ingolds dessen Grausamkeit. In vielen der 37 Kapitel geht er wiederholt auf verschiedene Facetten dieser Grausamkeit ein, sei es im Umgang der Bürger untereinander, der Behandlung durch den herrschenden Adel, bei Bestrafungen oder im Militär. Ingold bringt viele Beispiele von besonderer Grausamkeit in der Geschichte und Schilderungen in der Literatur. Als einzige mögliche Erklärung  sieht er die »ohnehin hohe Gewaltbereitschaft« in Rußland. Im Gegensatz zu anderen europäischen Kulturen wurde in Rußland die Distanz beim Pistolenduell im 19. Jahrhundert extrem verkürzt: auf eine Mindestdistanz von drei Schritten, wobei meist acht bis zehn Schritte gewählt wurden. Außerdem wurden großkalibrige Pistolen zugelassen, sodaß ein tödlicher Ausgang für mindestens einen der beiden Duellanten sehr wahrscheinlich wurde.

 

Eine weitere Eigenheit in Rußland war, daß die Regularien bis etwa 1900 nicht schriftlich festgelegt, sondern lediglich mündlich überliefert worden waren. So fehlte in Rußland dieses Regulativ, um eine Ausartung des Duells in schlimmere Grausamkeit zu verhindern.

 

Eine Stärke der ausführlichen Monographie ist die Verwebung mit Zeitzeugenberichten und literarischen Schilderungen, was die Anschaulichkeit erhöht. Wiederholungen erschweren hingegen die Lesbarkeit, wie die bereits oben genannten Erläuterungen zur russischen Grausamkeit. Hier hätte ein tieferes Lektorat den Text straffen und klarer gliedern können.

 

Aleksandr Bestushew schildert in seinem Roman in sieben Briefen von 1823, wie sich innerhalb des Ehrenhandels eine Eigengesetzlichkeit entwickeln kann, die noch während des Ablaufs die Handelnden zweifeln läßt:

 

»Wir gingen im Abstand von zwanzig Schritten aufeinander zu, ich rückte entschieden vor, doch ohne irgendeinen Gedanken, ohne irgendeine Absicht: Die in der Tiefe meiner Seele verborgenen Gefühle verdunkelten meinen Verstand. Beim sechsten Schritt zog ich den fatalen Hahn, ich weiß nicht wozu, ich weiß nicht wie – und der Schuß erschallte in meinem Herzen! […] Ich sah, wie Erast zusammenzuckte […] Als der Rauch verflogen war, lag er bereits am Boden, und das aus der Wunde schießende Blut gefror leise zischend im Schnee.« Und zu spät kam die Erkenntnis: »Welches Recht konnte ich haben, um über Leben und Tod zu entscheiden?«


Ergänzt wird die verdienstvolle große Studie über das Duell in Rußland durch zwei Dutzend Quellen: Schilderungen von Duellszenen bei Puschkin, Turgenew, Tolstoj, Dostojewskij und anderen, Zeitzeugnisse und Regularien. Wahrlich ein Standardwerk.

© Matthias Pierre Lubinsky 2016