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Okt
02

Chien-Chi Chang – Jet Lag

© Chien-Chi Chang, Austria, Vienna, 2010, Austria International Airport

 

 

 

Chien-Chi Chang, Jet Lag.
120 Seiten mit 131 Abbildungen. Querformat, gebunden, Englisch, Hatje Cantz 2015, 39,80 Euro.

 

 

Der taiwanesische Künstler Chien-Chi Chang hat viele tausend Meilen unter dem Flügel, wie man das im Englischen so schön ausdrückt. Er hat in seinem Leben viele Stunden im Flugzeug und auf Flughäfen verbracht. Das inspirierte ihn zu seinem selbst-ironischen Photobuch Jet Lag.

 


Geschäftsleute, die viel mit dem Flugzeug reisen müssen, kennen das: Man muss morgens in New York sein, am nächsten Nachmittag ein Termin in Tokyo. Oder vielleicht Paris. Zu den langen Stunden im Flieger kommt die unsägliche Wartezeit auf dem Flughafen. Und nicht nur die. Gerade vor den sogenannten Luftkreuzen, also den Großflughäfen in den Metropolen der Welt, herrscht häufig Stau. Also muss man sich ewig vor dem eigentlichen Abflug auf den Weg machen, will man sein Flugzeug nicht verpassen. Hinzu kommt, dass – anders als beim Reisen mit der wesentlich langsameren Bahn – der Flugpassagier lange vor dem letztlichen Besteigen des Flugzeugs – englisch als Boarding bezeichnet – am Flughafen sein muss. Unsinnige Sicherheitskontrollen, die Sicherheit nur vortäuschen sollen, erfordern ihren Tribut – nämlich Zeit. So heißt es für den Flugreisenden summa summarum: Warten, warten, warten.

 

 

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Effekt sorgt dafür, dass Vielflieger irgendwann in einer surrealen Scheinwelt leben: der Jet Lag. Durch die Zeitverschiebung, die mit der Entfernung größer wird, verschwimmen Tageszeit, gewohnter Rhythmus und mit ihnen vieles andere.

 

 

© Chien-Chi Chang, France, Paris 2011, Charles de Gaulle Airport

 


Chien-Chi Chang war in seinem bisherigen Leben viel mit dem Flugzeug unterwegs. Als Magnum-Photograph und –Filmemacher, als Künstler und Kunst-Makler reiste er viele Jahre zwischen Taiwan und New York City und zu vielen anderen Zielen auf der Welt. Er nahm teil an verschiedenen Biennalen (unter anderen in Venedig und Sao Paulo), wo er auch Preise gewann.

 

 

Mit Jet Lag lässt er uns nun teilhaben an seinem Blick auf die Wartebereiche, die Flugzeuge, die erschöpften Stewardessinnen, die zerwühlten Hotelbetten, die Reiseaccessoires und so manches mehr, was in den Blick des wachen Flugreisenden gerät. Doch im Gegensatz zu den wohl meisten Vielfliegenden bleibt Changs Blick wach – auch wenn er vielleicht noch so müde sein mag. Und sein Blick ist ein herrlich selbst-ironischer.

 

 

Die Melancholie wird verstärkt dadurch, dass das Buch im Querformat lediglich Schwarz-Weiß-Aufnahmen enthält. Sie machen die Surrealität einer solchen humanen Existenz deutlich.

 

 

Eine der letzten Aufnahmen in dem gelungenen Buch ist jedoch ein Farbphoto: Chien-Chi Chang legte alle seine Pässe und Journalisten-Ausweise zusammen. Welches ist die wahre Existenz?

 

 

© Chien-Chi Chang, Selbstportrait, Taiwan, Sanchi, Taipei County, 2010