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Jun
19

Mr Radley Drives To Vienna

Radley mit seinem Rolls-Royce vor Brown’s Hotel 1913

 

 

 

John Kennedy, Mr Radley Drivers To Vienna.
A Rolls-Royce Silver Ghost crossing the Alps – 1913 & 2013.
152 Seiten mit 108 Abbildungen, Hirmer Verlag 2015, 29,90 Euro (D).

 

 

Dieses Projekt ist wirklich dandyesk: Ein Automobil-Enthusiast absolviert mit einem Rolls-Royce eine Berg-Rallye, die derselbe Wagen exakt 80 Jahre zuvor gefahren ist. Doch damit nicht genug: Mithilfe recherchierter Original-Photos von 1913 konnten dieselben Motive an denselben Orten nachgestellt werden.


Eine Geschichte nach dem Geschmack des DANDY-CLUBs, die wir nun  der Reihe nach erzählen wollen.

 

John Kennedy ist Automobil-Enthusiast und liebt es, mit alten Autos an Rennen teilzunehmen. Im September 1985 fährt er mit Fred Watson, einem Gleichgesinnten, eine eintägige Nordspanientour. Watson war seit 1951 Besitzer des legendären Rolls Royce Silver Ghost, der 1913 erfolgreich an der Österreichischen Alpentour teilgenommen hatte. Beiläufig sagte Kennedy seinem Beifahrer, dass – falls er den Silver Ghost einmal veräußern wolle – sich bei ihm melde solle. John Kennedy gab dem keine Hoffnung, da Automobile mit solcher Vergangenheit üblicherweise vererbt werden und damit in der Familie bleiben.

 

 

Dasselbe Auto am selben Ort: 80 Jahre später
© John Kennedy 2013

 

 

Die Österreichische Alpenfahrt fand erstmals 1907 statt. Einzelne sehr betuchte Automobil-Besitzer wagten mit ihren Fahrzeugen die Teilnahme an der »Erste[n] internationalen Prüfungsfahrt für Kleinwagen«, wie der Kaiserlich Königliche Österreichische Automobil Club diese Material- und Mutprobe damals nannte. Die Technik des Autos war noch neu und keineswegs annähernd ausgereift, sodass anfänglich die meisten der Teilnehmer das Ziel gar nicht erreichten.

 

Da die technische Entwicklung rasant voran schritt, nahmen die zu absolvierende Entfernung und auch die Anzahl der Teilnehmer rasch zu. 1912 waren über sieben Tage 2400 Kilometer zu absolvieren. Einer der Teilnehmer war der Privatfahrer James Radley. Doch der hatte sich ungenügend vorbereitet. Am ersten Fahrtag von Wien aus kam er bei einer langen Steigung zum unfreiwilligen Halt. Das war für Radley allerdings Ansporn, im folgenden Jahr mit verbesserter Getriebeübersetzung erneut teilzunehmen und die Schmach vom Vorjahr auszumerzen. Für die Marke Rolls Royce wurde die Rallye 1913 zu einem triumphalen Erfolg: Radley gewann nicht nur das Gesamt-Rennen. Er hatte an jedem einzelnen Tag geführt. Außerdem kamen alle Rolls Royce unbeschadet ans Ziel.

 

Doch zurück zu John Kennedy. Einige Zeit nach der gemeinsamen Spanienfahrt erhält Kennedy den Anruf, ob er noch immer am Kauf des Siegerfahrzeuges von 1913 interessiert sei. Er sagte sofort begeistert zu. Doch war der Wagen zu diesem Zeitpunkt komplett zerlegt, weil eine begonnene Restaurierung gezeigt hatte, dass das Fahrgestell verbogen war. So erwarb Kennedy das Auto in Teilen, was ihm ermöglichte, die Restaurierung perfekt durchzuführen. – So perfekt, dass er mit diesem Silver Ghost die legendäre Berg-Rallye wiederholen konnte.

 

Nicht nur restaurierte John Kennedy den Radley Alpine Rolls Royce in den ursprünglichen Zustand, der zum Zeitpunkt seines Kaufes noch unbekannt war. Darüber hinaus recherchierte er über Monate im Zeitungsleseraum der British Library  und in der Österreichischen Nationalbibliothek die Berichterstattung über die Alpinfahrt von 1913. So konnten er und seine Mitstreiter die exakte Route ermitteln, die die Waghalsigen Automobilisten der frühen Stunde 1913 absolvierten.

 

Es wurde möglich, die legendäre Alpenfahrt von 1913 im Jahr 1993, exakt 80 Jahre später, mit demselben Fahrzeug zu wiederholen.

 

Der Photo-Band präsentiert nun neben kurzen Erläuterungstexten eine Auswahl von besonderen Aufnahmen. Der besondere Reiz liegt in der Vergleichbarkeit: Denn John Kennedy versuchte in seinem britischen Humor, möglichst das Auto an denselben Stellen photographieren zu lassen wie anno 1913.

 

Das hat Stil.