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Feb
12

Berlin, Fruchtstraße am 27. März 1952

Berlin, Fruchtstraße photographiert am 27. März 1952
© Arwed Messmer, photographiert von Fritz Tiedemann, rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer

 

 

Der DANDY-CLUB gratuliert dem Hatje Cantz Verlag, Herausgebern und Autoren zum Deutschen Fotobuchpreis in Silber:


Berlin, Fruchtstraße am 27.März 1952.
Historische Aufnahmen von Fritz Tiedemann.
Rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer (Bild) und Annett Gröschner (Text).
Gestaltung von Carsten Eisfeld. Hatje Cantz Verlag 2012, Deutsch/ Englisch, 142 Seiten, 67 Abbildungen 8 Klapptafeln, 38 Euro.

 

Am Vormittag des 27. März 1952 photographiert Fritz Tiedemann die Häuserfront der Fruchtstraße in Berlin-Friedrichshain. Er hatte den Auftrag dazu vom Magistrat von Ost-Berlin erhalten. Man wollte wohl die alte Bebauung noch einmal begutachten, bevor sie endgültig abgerissen wird und modernen Zweckbauten Platz macht. Die Stadt war schon getrennt. Die endgültige Teilung durch die Mauer kam erst zehn Jahre später. Den Osten verwaltete der Magistrat unter Aufsicht der Sowjets. In den drei westlichen Bezirken hatten die Stadtkommandanten von Amerikanern, Engländern und Franzosen das Sagen.

Fritz Tiedemann arbeitete technisch präzise. 31 Mal stellte er seine riesige Plattenkamera auf das Stativ, um die 22 Häuser der Straße, die heute Straße der Pariser Kommune heißt, zu dokumentieren. Auf der anderen Straßenseite, jeweils vor dem Haus, stand sein Assistent mit einer etwa vier Meter hohen Messlatte, die er an die Fassade zu halten hatte. Die Verwaltung wollte wohl ungefähr wissen, wie hoch die Häuser sind.

2006 entdeckt der Künstler Arwed Messmer bei Recherchen zu einem Buch zahlreiche Photos in der Architekturabteilung der Berlinischen Galerie. Schnell wurde ihm bewusst, dass es sich hierbei um eines der ganz wenigen noch erhaltenen Konvolute topographischer Architekturphotographie Berlins in der frühen Nachkriegszeit handelt. Zwei Jahre später ist der Name des Photographen bekannt. Arwed Messmer digitalisiert die Aufnahmen und macht aus ihnen ein großformatiges Panorama der Fruchtstraße. Dies wird in der Berlinischen Galerie mit großem Erfolg ausgestellt.

 

Die Fruchtstraße in Berlin-Friedrichshain 1952 – vor ihrem Abriss
© Arwed Messmer, photographiert von Fritz Tiedemann, rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer

 

 

Die Autorin Annett Gröschner machte mit Messmer nun ein Buch aus dem ungeheuren Material. Berlin, Fruchtstraße am 27. März 1952 zeigt ganzseitig die Aufnahmen Tiedemanns. Blätternd kann der Betrachter nun zu Hause die damalige Arbeiterstraße an einem hellen Vormittag abschreiten. Einzelne Passanten hetzen an den Fassaden vorbei. Die jüngeren sind arbeiten oder gehen anderen Geschäften nach, die meisten Kinder sind in der Schule. Einzelne stehen mit ihren Schulranzen vor Hauseingängen. Ist die Schule schon zuende? Die, die vorbei laufen, hetzen. Ihnen ist die Geschwindigkeit anzumerken, in der sie ihre Einkäufe und Erledigungen tun müssen. Flaniert wird hier und jetzt nicht. Der Assistent des Photographen ist mit seiner Messlatte auf jedem einzelnen Photo und löst so beim Betrachter unwillkürlich ein Schmunzeln aus. Nach einigen Hausnummern ist es ihm zu blöd: Er hält die Messlatte nicht mehr in der Hand; er hat sie an die Häuserwand gelehnt – und seine Hände tief in seine Taschen gebohrt. Es scheint also Ende März noch recht kalt gewesen zu sein, – auch dies lässt sich so rekonstruieren.

Nicht nur die einzelnen Bilder und die den Gesamteindruck der Straße vertiefenden Klapptafeln des sehr ästhetischen Buches geben ein Gefühl für diese uralte Arbeiterstraße. Nicht minder Qualitätsvoll sind die Texte – alle Texte – des Querformats. Die Beiträge ergänzen den Band in hervorragender Weise und lassen einen in die Zeit, ja beinahe in diese Umgebung, eintauchen. Hier waren Künstler und Autoren am Werk, die dies wirklich machen wollten, spürt der Leser. Florian Ebner gibt in seinem Beitrag Einblicke in »Arwed Messmers und Annett Gröschners Methode einer dokumentarischen Empathie«. Annett Gröschner geht mit dem Leser durch jedes Haus; manchmal sogar durch die Wohnungen. Sie erzählt Geschichte und Geschichten.  Spannend, faszinierend und mitnehmend.  Kostprobe:

»Herbert F., der mit seinen Eltern in der Großen Frankfurter Straße ausgebombt wurde, bekam mit Eltern und Schwester im Juni 1945 eine Zuweisung für eine geteilte Wohnung im Vorderhaus der Fruchstraße 61, dessen linke Hälfte nur noch eine Ruine war. Sieben Familien teilten sich die fünf noch intakten Wohnungen. Bis 1950 lebte Familie F. zu viert in einem Zimmer der unzerstörten Wohnung in der 3. Etage, in den anderen beiden Zimmern hauste eine fünfköpfige Familie. Zwar hatte jede Familie eine Küche, aber neun Personen mussten sich eine Toilette teilen. In der ruinösen Wohnung nebenan hielten die Familien Kaninchen und zeitweise auch Hühner. Das Grünfutter musste aufwendig aus den Außenbezirken geholt werden.«

Bereits kurz nach Erscheinen erhielt das gestalterisch und inhaltlich sehr ansprechende Buch den Deutschen Fotobuchpreis 2013 in Silber und den DAM Architectural Book Award 2012.

Chapeau!

 

 

Ein Einzel-Photo mit dem Gehilfen und seiner Messlatte
© Arwed Messmer, photographiert von Fritz Tiedemann, rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer