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Mai
18

Wiener Kaffeehäuser

Wien um 1900. Historische Ansichtskarte.

 




Die Stadt Wien teilt mit anderen europäischen Hauptstädten eine Tradition, deren Geschichte eine Art Seismograph sämtlicher sozialer, ökonomischer und politischer Entwicklungen ist: die Kaffeehaus-Kultur.

Seit nunmehr über 300 Jahren gehören die Kaffeehäuser zum Stadtbild. Und stärker als in Berlin und vielleicht sogar London und Paris prägen diese Treffpunkte Wiens Charakter. Berthold Brecht hat gesagt, Wien ist eine Stadt, die um Kaffeehäuser gebaut wurde. Olaf Link hat sich in einem kleinen Büchlein bedeutenden Beispielen gewidmet. In dem Band »Geschichte(n) Wiener Kaffeehäuser« portraitiert er 16 Cafés in Wien. Er beschreibt in kurzen Texten deren Tradition, bekannteste Gäste und vergisst dabei nicht, auf Stärken und Schwächen der Speise- und natürlich Getränkekarte einzugehen.

Historisch lassen sich die Anfänge in Europa klar zurückverfolgen: Das erste coffee-house gab es in London 1652. In Frankreich gab es sie erst 20 Jahre später; das erste deutsche Café eröffnete 1679 in Hamburg. Das Entstehen der englischen coffee-houses geht auf die Forderung der Allgemeinheit zurück, Kaffee über einen kleinen Kreis von Privatverbrauchern hinaus zugänglich zu machen. Vermögende Geschäftsleute hatten sich Kaffee und die dazugehörigen coffee boys importieren lassen. Der Kaffee war aus dem Orient über Konstantinopel nach Italien gelangt, wo venezianische Kaufleute und aus dem Exil Zurückgekehrte wie Charles II. die Briten mit dem Kaffeegenuss bekannt machten. Das erste Londoner coffee-house wurde dann auch von einem ursprünglich versklavten griechischen coffee boy gegründet und schnell berühmt.

Die Wiener Kaffeehäuser waren über die Jahrhunderte soziale Treffpunkte. Man konnte – und tut dies bis heute – einfach nur Plaudern, oder soziale Kontakte pflegen. Mit dem Aufkommen von Radio und insbesondere dem Fernsehen hat die Funktion als Informations- und Nachrichtenstätte an Bedeutung verloren. Olaf Link erzählt, wie sich das Kaffeehaus auch zu einer Art von Ritus-Wohnzimmer eignet. Wer wäre geeigneter, dafür als Exempel angeführt zu werden, als der cholerische Schriftsteller Thomas Bernhard? Seine öffentliche gute Stube war das Café Bräunerhof in der Stallburggasse. Hier pflegte er regelmäßig hinzukommen, um die spanische Zeitung »El Pais« zu lesen. Dazu aß er seinen Topfenstrudel und regte sich über die Neuigkeiten auf.

Olaf Link beschreibt außerdem das Café Bellaria, das Café Central, das Café Diglas, das Café Dommayer und andere. Geeignet ist das Büchlein für den, dem an der Wiener Kafeehaus-Kultur liegt, der die Atmosphäre in diesen ganz spezifisch wienerischen Orten liebt oder wem einfach im Reiseführer nicht genug darüber steht.

Olaf Link, Geschichte(n) Wiener Kaffeehäuser, 112 Seiten Paperback, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2011, Euro 9,80.