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Feb
22

Trude Fleischmann

Trude Fleischmann, Sibylle Binder, Schauspielerin
Wien um 1935 © Albertina, Wien




Die Wiener Photographin Trude Fleischmann (1895-1990) wird wiederentdeckt. Zwar ist sie eine der bedeutendsten österreichischen Lichtbildkünstlerinnen der 1920-er und 1930-er Jahre. Dennoch war sie bis vor kurzem dem allgemeinen Publikum praktisch unbekannt.

Dass sich dies nun ändert, liegt an einer Ausstellung des Wien Museums (noch bis zum 29. Mai 2011), das die erste umfassende Ausstellung zur Künstlerin präsentiert. Einige ihrer Werke sind optisch bekannt, – auch wenn man nicht weiß, dass sie von Trude Fleischmann sind. Dazu gehört das berühmte Portrait von Karl Kraus, das seit Jahren die Werkausgabe des Schriftstellers ziert. Aber auch unbekanntere Photos sind nun zu sehen.

Die Photokünstlerin fertigte in ihrem Atelier Portraits vieler Größen ihrer Zeit: Der dandyistische Architekt Adolf Loos gehörte dazu wie Franz Blei, Wilhelm Furtwängler und eine ganze Reihe von österreichischen Schauspielern. Die Darstellung von nackten Tänzerinnen erhob sie zur Kunstgattung. Nackt und eingeölt posiert Claire Bauroff  vor einer mit schwarzem Stoff bespannten Wand. Das verstärkt die Wirkung: Sie mutet dionysisch an; weiblich-erotisch-grazil und zugleich schmal und zerbrechlich. Androgyn.


Trude Fleischmann, Aktstudie, Wien 1925
© Wien Museum




Die Biographie von Trude Fleischmann ist ach so typisch und emblematisch für diese Zeit: In eine vermögende jüdische Familie geboren, hatte sie alle Chancen der künstlerischen Entfaltung. Ihr Vater verdiente als Kaufmann gutes Geld. Die Mutter pflegte das liberal-musische Air des Hauses. Zur Photographie zog es Gertrude von Kind an. Sie lernte in den angesehensten Wiener Ateliers das Handwerk. 1919 eröffnete sie dann ihr eigenes Atelier. Es war eine Zeit radikalen Umbruchs, war doch gerade erst die Habsburgermonarchie zusammengebrochen. Wien war nun nur noch die Kapitale eines republikanisch-demokratischen Kleinstaates.

Trude Fleischmann war mit den von Ihr Portraitierten meist gut bekannt. Über ihr umfangreiches Beziehungsgeflecht, erfahren wir im Katalog, weiß man heute kaum noch etwas. Auf jeden Fall gab sie selbst Feste, auf denen sie auch photographierte. In der Ausstellung ist ein frivoles Selbstportrait in ungarischer Tracht zu sehen. Sie gehörte zur künstlerisch-avantgardistischen Szene Wiens.

Mit dem so genannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland war dies abrupt vorbei. Trude Fleischmann war gezwungen zu fliehen. Dabei vernichtete sie den Großteil ihrer Negative. Über London ging sie in die USA. In New York konnte sie aufgrund einiger sehr guter Freunde schnell an den alten Erfolg anknüpfen: Im März 1939 hatte sie Wien verlassen. Bereits 1940 konnte sie ein Studio eröffnen. Es lag in Midtown Manhattan in der 56. Straße.  Der etwa 40 Quadratmeter umfassende Raum war unweit des Broadways. Es war gleichzeitig ihre Wohnung.

Mit 75 Jahren zog Trude Fleischmann 1970 in das eher beschauliche Lugano in die Schweiz. In ihre geliebte Heimatstadt sollte sie nur noch als Reisende kommen. In einem Interview sagte sie 1986: »Ich finde, die Wiener haben sich schlecht benommen, sodass ich Wien eigentlich nicht mehr vermisst habe.« Aber sie fügte sogleich hinzu: »Jetzt hat sich der Groll gelegt, und ich habe Wien wieder wunderschön gefunden.«

Ausstellung und begleitendes Katalogbuch geben einen umfassenden Einblick in das bedeutende Werk Trude Fleischmanns. Sie modernisierte die junge Photokunst. Dabei sah sie selbst sich niemals als ‚Künstlerin‘, sondern nur als solide Handwerkerin. Der bibliophile Katalog ist die erste umfassende Buchdarstellung zu Trude Fleischmann überhaupt. Ein kongenialer Begleitband 20 Jahre nach dem Tod der Künstlerin.


Trude Fleischmann im Atelier, Wien 1929
Annie Schulz © Courtesy Fritsch Antiquariat, Wien



Trude Fleischmann, Albert Einstein, Physiker,
New Jersey 1954,  © ÖNB/Wien



Trude Fleischmann – Der selbstbewusste Blick
27. Januar 2011 bis 29. Mai 2011

1040 Wien, Karlsplatz
Telephon: +43-1-505 87 47-0.
E-Mail: office@wienmuseum.at.
Dienstags bis sonntags & feiertags, 10 bis 18 Uhr
Geschlossen: 1.1., 1.5. und 25.12.2011.

Der Katalog erschien im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011.
200 Seiten mit 139 Duplx-Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag, 39,80 Euro
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