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Okt
20

Norah Lange – Kindheitshefte

Norah Lange (23. Oktober 1905 – 4. August 1972) 



Norah Lange gilt als Muse des Ultraismo. Der Ultraismus war eine Literaturbewegung, die zuerst 1918 von spanischen Avantgardisten gegründet wurde, um dem vorherrschenden Modernismus eine neue Bewegung entgegenzustellen. Zu den Begründern gehörte Jorge Luis Borges, der damals in Madrid lebte. Die Anhänger des Ultraismo waren inspiriert von den italienischen und russischen Futuristen, dem Dadaismus und dem französischen Surrealismus. Das Ziel dieser revolutionären Strömung war ein ästhetischer Umbruch: Die Bürger sollten sie endlich der Realität der Moderne mit all ihren Umwälzungen stellen.
Kaum war Jorge Luis Borges zurück in Argentinien, gehörte Norah Lange zu seinem Kreis. Mit ihm zusammen machte sie vielfältige literarische Aktionen und brachte mit ihm Literaturzeitschriften heraus. Sie war eine Meisterin der Verkleidung und des Feierns. Als Erwachsene eroberte sich die argentinische Schriftstellerin das Spielen zurück. In den Avantgarde-Kreisen des Buenos Aires der 1920er und frühen 1930er Jahre hüpften und sprangen, sangen und tanzten die vom Dada verzauberten jungen Künstler wie kleine Kinder.
So war es kein Zufall, dass die 1905 geborene Norah Lange 1937 ihre Kindheitshefte (Cuadernos de infancia) veröffentlichte. Sie bestehen aus einer Reihe von kürzeren Anekdoten. Anekdoten, die man als Kind erlebt und die sich für immer unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Begebenheiten, die beim Erwachsenwerden helfen; sei es auch für das Kind in dem Moment noch so schmerzhaft oder verletzend. Norah Lange berichtet in einer Geschichte davon, wie sie von ihrem Vater auf den Tisch gestellt wird und ihr dann einen Hosenanzug angezogen wird. Als man ihr auch die Hosenträger hochgezogen hat, sagt die Mutter: »Jetzt sieht sie wirklich wie ein kleiner Junge aus!«
 
Der spezielle Reiz der Erzählungen von Norah Lange liegt in deren ehrlicher Kindheit. Das Wort naiv wäre unpassend. Die Autorin hat sich ihre Kindheit in einem Maße bewahrt, das sie in die Lage versetzt, zu schreiben, wie sie als kleines Mädchen fühlte, dachte. Wie sie die Situationen, in die uns die Erwachsenen oft ohne Nachzudenken, hineinzwangen. Der Leser hat das Gefühl: Das hat ein Mädchen aufgeschrieben. So beschreibt sie ihre Empfindungen, als sie vor der gesamten Familie mit dem dunkelblauen Hosenanzug auf dem Tisch steht:
»Meine Augen fingen an zu brennen, und plötzlich fühlte ich mich verlassen und lächerlich. Ich dachte, daß sie mich mit Absicht bloßstellen wollten, und langsam stieg der erste Schluchzer in mir auf, wütend und trotzig. Ich wollte nicht weinen. Es schien mir absurd, als Mann gekleidet zu weinen, und ich stieß einen Schrei aus.«
Als Norah fünf Jahre alt ist, zieht die Familie in die Provinz Mendoza. Mit der Bahnfahrt dorthin setzten die Erinnerungen ein. Die Familie ist wohlhabend. Norah hat sieben Geschwister. Sie beziehen ein großes Haus, haben eine ganze Reihe Bediensteter. Das Schicksal beginnt sich zu wenden, als 1915 der Vater stirbt. Jetzt muss die Familie von den knappen Erträgen der ungepflegten Weinstöcke leben. In einer der kurzen Episoden erzählt die in Argentinien vielfach ausgezeichnete Autorin, wie das Klavier, auf dem sie, alle Schwestern und die Mutter spielten, abgeholt wird. Die Mutter hatte es aus Geldnot verkaufen müssen.
Bereits mit 14 Jahren fing Norah Lange  an, Gedichte zu schreiben. Anfang der 1920er Jahre lernt sie Jorges Luis Borges kennen. 1921 und 1922 sind beide an Wandzeitungen beteiligt, die an die Mauern der Stadt geklebt werden. 1924 erscheint ihr erster Gedichtband – mit einem Vorwort von Borges. Später wurde sie und ihr Mann, der Dichter Oliverio Girondo, zum berühmten und glanzvollen Paar der argentinischen Avantgarde. Norah Lange starb 1972.
Die deutsche Erstveröffentlichung erscheint mit einer Einführung zur Autorin von der Übersetzerin Inka Marter und einem Nachwort der argentinischen, in Berlin lebenden Autorin María Cecilia Barbetta. Die Reihe »Lilienfeldiana« verbürgt bibliophile Gestaltung: Den Band schmückt ein Gemälde von Andrea Lehmann; schwarzes Halbleinen, Fadenheftung und Lesebändchen tun ihr übriges.



Norah Lange, Kindheitshefte. 240 Seiten, Halbleinen, Fadenheftung, Lesebändchen. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010, Euro 19,90.