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Mai
23

Dandy an der Front

Portrait Harry Graf Kessler o. J. Klassik Stiftung Weimar. Goethe- und Schiller-Archiv

Tilman Krause gab in der Welt vom 7. Dezember 2007 seiner ausführlichen Würdigung der kleinen Ausstellung des Bröhan Museums den schönen Titel Dandy an der Front.

Hier ein Auszug:

„Das Berliner Bröhan-Museum huldigt dem Kunstmäzen Harry Graf Kessler

Jede Ausstellung zu Harry Graf Kessler (1868 bis 1937) steht vor einem riesigen Problem. Welches seiner zahlreichen Betätigungsfelder soll sie zeigen? Die Politik? Kessler leitete immerhin im Ersten Weltkrieg die deutsche Kulturpropaganda in der Schweiz, war nach dem Zusammenbruch der erste deutsche Botschafter in Polen und agitierte in der Weimarer Republik emsig für den Völkerbund.
Die Literatur? Kesslers Erinnerungsbuch „Gesichter und Zeiten“ zählt zu den schönsten Memoirenbänden des 20. Jahrhunderts. Seine Rathenau-Biographie besitzt noch heute Gültigkeit. Und sein Buch über Mexiko ging in die Geschichte der Reiseliteratur ein.
Die Kunst? Kessler förderte sie in so weitgespannter Weise, dass man nun wiederum nicht weiß, wofür er eigentlich stand…. Oder soll man sich gar, wie die große Schau 1988 im Deutschen Literaturarchiv Marbach tat, auf Kesslers Netzwerk kaprizieren? Auf jene „zehntausend Bekannten“, die, leicht abschätzig, Hugo von Hofmannsthal dem Freund attestierte und aus denen in Kesslers Hauptwerk, seinem Tagebuch, sage und schreibe 80 000 erwähnte Personen werden?
Wie auch immer man es anstellt: Die Gefahr der Unübersichtlichkeit ist bei diesem Tausendsassa immens. Daher sticht die kleine, aber hochfeine Ausstellung, die jetzt aus Anlass seines 70. Todestages das Bröhan-Museum in Berlin zusammengestellt hat, positiv von ähnlichen Unternehmungen der letzten Jahre ab.
Sie entscheidet sich nämlich für nur zwei Aspekte. Sie wagt dabei eine kühne, wiewohl durchaus überzeugende These. Sagt sie doch indirekt: Was auch immer Kessler alles anpackte, im Kern war er ein Mann mit dem lebensreformerischen Impuls, der für die Zeit um 1900 typisch ist. Sein Lebensprojekt: die Ästhetisierung des Alltags. Schmücke Dein Heim, schmücke Dich selbst. Mit Kunst, Kultur, mit allem, was schön ist. „