Jan
18

Oh Yeah – Yello 40

Boris Blank und Dieter Meier 1985
Photo: Anton Corbijn
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Boris Blank, Dieter Meier: Oh Yeah – Yello 40
Hardcover, 450 Seiten, 723 Abbildungen, 29.7 × 21 cm
Edition Patrick Frey 2021





Die Schweizer Elektro-Pop-Band Yello feiert ihr 40-jähriges Bestehen und macht ihren Fans ein riesen Geschenk: Das Buch Oh Yeah/Yello 40 präsentiert ihre Geschichte in 450 meist farbigen Abbildungen. Ein bibliophiles Masterpiece nicht nur für Elektro-Pop-Jünger.



Das Leben kennt keine Zufälle, nur Fügungen. Ende der 1970er Jahre lernten sich Boris Blank und Carlos Perón in einem Testlabor für Auto-Entwicklung kennen, als beide unabhängig voneinander Motorensounds aufnehmen wollten. Kurz darauf begannen sie gemeinsam, Geräusche aufzunehmen, um diese in avantgardistische Musik zu verarbeiten. Paul Vajsabel, legendärer Inhaber eines Plattenladens in Zürich, empfahl den beiden dann Dieter Meier als Sänger. Yello war geboren.

Vor der Roten Fabrik, 1983
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





1979 veröffentlichte Yello ihre erste Maxi-Single. Ein Jahr später hatte sich der Ruf der Musiker bereits bis in die USA verbreitet. Hier war die Discowelle auf dem Höhepunkt. Eine intelligentere und anspruchsvollere Variante elektronischer Partymusik wurde gesucht. So konnte es nicht verwundern, dass Yello rasch mit dem Label Ralph Records einig wurde und einen Plattenvertrag in den Staaten an Land zog. 1983 verließ Carlos Perón die Band, die seitdem nur noch aus Dieter Maier und Boris Blank besteht.




Seitdem ging es nur noch aufwärts. Bereits die zweite Single Bostich wurde zum viel gespielten Clubhit. Die Story der Band ist bekannt oder kann nachgelesen werden. Viel interessanter an Yello ist, daß es sich nie nur um eine reine Musik-Gruppe handelte. Von Anfang an drehten die Musiker ihre Videos zu den Songs selbst und gestalteten die Werbung. Auch die Clips werden in dem opulenten Band präsentiert und machen Lust, sich neben den einzelnen Photos davon sich auch das gesamte Video im Netz anzuschauen.

Das Yello-Studio in der Roten Fabrik, Zürich 1980
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Viel zum Verständnis des Gesamt-Kunstwerks Yello trägt bei, wenn man sich das weitere künstlerische Schaffen von Dieter Maier ansieht. Im Jahr 2013 fand im Aargauer Kunsthaus Aargau die seinem bildnerischen Schaffen gewidmete Ausstellung In Conversation statt. Schon in seinen frühen Photos und Performances sind die Anklänge der Yello-Videos zu finden. So wird man Yello nicht gerecht, bezeichnet man die Band nur als Elektro-Pop. Yello ist ein Gesamtkunstwerk, das aus der perfekten Symbiose des Klangsammlers Boris Blank und dem dandyistischen Gesang von Dieter Maier den Dadaismus in die elektronische Musik gerettet hat.





Der fulminante Bildband ist ein inhaltlicher und gestalterischer Genuß: Die zahlreichen Photos von der gesamten, bisher 40 Jahre umfassenden Geschichte von Yello, werden ergänzt durch zahllose Dokumente wie Plattencover, Eintrittskarten, Manuskripte, Werbephotos &C. &C.




Eine bild-ästhetische Augenweide nicht nur für die Fans von Yello.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Dez
28

Joris-Karl Huysmans – Lourdes

Bibliophile Ausstattung: Gebunden in Halbleinen, Lesebändchen





Joris-Karl Huysmans:
Lourdes – Mystik und Massen
320 Seiten. Gebunden in Halbleinen mit Leseband.
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2020.





Joris-Karl Huysmans‘ letztes Buch erscheint erstmals auf Deutsch. Der Lilienfeld Verlag bringt Lourdes – Mystik und Massen in einer fulminanten Übersetzung von Hartmut Sommer in bibliophiler Ausstattung.




Der französische Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907) ist den Lesern des DANDY-CLUB ein Begriff: Immerhin ist er der Schöpfer der Bibel des Dandyismus, À rebours (Gegen den Strich). Huysmans schrieb den Roman 1884 quasi als Gegengift gegen den zu dieser Zeit in Frankreichs Literatur herrschenden Naturalismus, – vor allem repräsentiert durch Emile Zola. Der Protagonist Des Esseintes durchstreift verschiedene Wissensgebiete, wobei er sich vom Geschmack der Masse erwidert abwendet und jeweils eigene Ästhetik-Gesetze aufstellt.


Huysmans‘ 1891 erschienener Roman Tief unten (Là-bas) handelt von einem lebensmüden Schriftsteller, der auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens sich auf die Erforschung des Satanismus begibt. Beide Romane sind Stationen in Huysmans Suche nach einer geistigen Heimat. Beide Romane enden ähnlich und deuten an, dass letztlich die Rückkehr zu Gott die einzige Erlösung sein kann.


In anderen Büchern hat Huysmans, der in Paris geboren wurde und starb, sich explizit mit dem Katholizismus auseinandergesetzt. So kann es nicht verwundern, dass sein letztes Buch, das im Original zuerst 1906 erschien, nun sozusagen in das Zentrum der französischen Glaubens-Praktizierung blickt. In Lourdes beschreibt er ausführlich diesen Wallfahrtsort und seine Pilger.


Huysmans war zwar ein lebenslang Suchender. Religiöser Kitsch und fanatische Menschenmassen lehnte er jedoch ab. Deshalb musste er sich von Freunden drängen lassen, nach Lourdes, in den Ausläufern der Pyrenäen, zu reisen. Hierher kamen ungeheure Menschenmassen, seitdem 1858 der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous mehrfach die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Unter ihnen viele, die sich Heilung von schwerer Krankheit erhofften. Huysmans – intelligenter und empfindsamer Ästhet – war zunächst von den Menschenmassen, dem medizinischen Massenbetrieb und dem Religionskitsch abgestoßen. Nach einer Weile bemerkt er aber das zutiefst Menschliche in dem ganzen Treiben und beginnt, es mitzumachen.


Da Huysmans ein äußerst genauer Beobachter mit einer großen Sprachgabe gewesen ist, entsteht so ein anschaulicher Bericht über Lourdes und seine Pilger zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein beeindruckendes Zeitdokument, da der Autor ohne flache Wertungen viele – teils wahrlich skurrile – Geschehnisse schildert. Dank an den kleinen Lilienfeld Verlag, dass diese erstaunliche Reportage nun endlich das deutsche Publikum erreicht.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

Dez
19

Krachkultur 22 – Arbeit

Die Gestalung ist genauso gut wie der Inhalt: Krachkultur 22






#1 Vorrede. In diesen Diktatur-Zeiten ein Literatur-Magazin zum Thema Arbeit? Der Rezensent war skeptisch, was ihn da erwartet. Einerseits und andererseits. Andererseits wird sich auch die Arbeitswelt aufgrund der permanent sich ändernden Lockdowns und des Versagens der Politik radikal verändern.




#2 Kommen wir gleich zur Sache. Die von Martin Brinkmann und Alexander Behrmann herausgegebene 22. Nummer dieses kultig-niveauvollen Literatur-Magazins ist wieder Klasse! Wir wollen gar nicht einzelne Beiträge besonders loben, das wäre zu subjektiv. Subjektiv also hier einige Beispiele, für Texte, die uns sehr gefallen haben.

Etwas Älteren sollte Jörg Fauser (1944-1987) noch ein Begriff sein. Der Schriftsteller und Journalist hat sich sein Leben lang mit prekärer Arbeit durchschlagen müssen, da seine Texte ihn nicht ernährten. Die journalistischen und literarischen Arbeiten kreisten allesamt um das Thema der Arbeit. Seiner im Speziellen und abstrahiert auf gesellschaftlicher Ebene. Die neue Krachkultur veröffentlicht erstmals einige Briefe von Fauser. Hingewiesen sei auf die verdienstvolle Werkausgabe, die seit Frühjahr 2019 im Diogenes Verlag erscheint. Matthias Penzel und Stephan Porombka steuern einen sehr einfühlsamen Text über Fauser bei. Er verklärt den auf der Autobahn überfahrenen Autoren nicht, sondern sucht eine Analyse vom Verhältnis des Autoren mit und zu seiner Arbeit. Ausführlich dokumentiert wird, wie Fauser neben seiner Autorschaft über viele Jahre bemüht war, seine Texte verkauft zu bekommen, um nicht mehr am Flughafen Gepäck schleppen zu müssen.




Garielle Lutz steuert fünf Kurzgeschichten „der überlsten Sorte“ bei – wie die Überschrift lautet. Die in Pennsylvania lebende Bibliothekarin hat wahrlich ein krasses Schreib-Talent! Eigentlich sollte man denken, im Jahre 2021 sei die Sprache ein wenig ausgelutscht. Alles gesagt, formuliert &C. &C. Garielle Lutz beweist das Gegenteil. Und das hat uns erstaunt. Mit großer Bewunderung empfiehlt der DANDY-CLUB deshalb auch das für die nächste Zeit annoncierte Buch mit Übersetzungen, das bei Weissbooks erscheinen soll. Vom Übersetzer Christophe Fricker ist eine kurze Einführung zu der in Deutschland bislang gänzlich unbekannten Autorin den Kurzgeschichten vorangestellt.




#3 Kaufempfehlung. Genug der Beispiele. Wir sind begeistert von der neuen Ausgabe der Krachkultur. Chapeau an die Herausgeber, dass es Ihnen nun über 22 Nummern gelingt, ein derart hohes Niveau zu halten.  – Wer sich für Literatur interessiert – und nicht nur avantgardistische, wird unsere Begeisterung teilen.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

http://www.krachkultur.de

Okt
21

Gretha und Ernst Jünger – Einer der Spiegel des anderen. Briefwechsel 1922 – 1960

Der Briefwechsel erscheint bei Klett-Cotta
© Klett-Cotta 2021






Gretha und Ernst Jünger –
Einer der Spiegel des anderen. Briefwechsel 1922 – 1960.
Hrsg. von Detlev Schöttker und Anja Keith.
Klett-Cotta 2021, 720 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Mit Abbildungen. 42 Euro.






Dieser Briefwechsel ist eine DER literarischen Sensationen des Bücherherbstes 2021: Der Schriftsteller Ernst Jünger wechselte mit seiner ersten Frau Gretha fast vier Jahrzehnte Briefe und Karten. Der persönlich zurückgezogen lebende Solitär der deutschen Literatur zeigte sich nie zuvor so verletzlich.




Ende Februar 1943 ist die Ehekrise zwischen Gretha (geb. von Jeinsen, 1906-1960) und Ernst Jünger (1895-1998) auf dem Höhepunkt. Ernst Jünger, der zu dieser Zeit in Paris stationiert ist, antwortet seiner Frau auf ihren Brief einige Tage zuvor, der leider nicht mehr erhalten ist:

            „Liebe Gretha,

Soeben trifft Dein furchtbarer Brief vom 20. Februar hier ein, der mich vollkommen und wie noch kein Brief in meinem Leben zu Boden geschlagen hat. Ich kann ihn nicht beantworten, denn ich bin meiner Schuld bewußt, und Du bist der einzige Mensch, dem ich jemals ein solches Eingeständnis gemacht habe. Du kennst ja nun auch meine Dinge, wie ein Beichtvater sie kennen würde, denn Du hast sie gelesen, wie ich sie mir selbst erzählt habe. Du kennst mich jetzt also, wie selten Eheleute es tun. (…)




Bereits am 7. Dezember 1942 wollte sich Gretha von ihrem Mann trennen. Sie hatte ihm geschrieben: „ (…) Da 17 Jahre keine Aenderung brachten, so werden es auch die folgenden nicht mehr bringen; ich bin jedoch diesen unerhörten seelischen Belastungen nicht mehr gewachsen, und sehe die einzige Möglichkeit in der geistigen Art des Zusammenlebens, und der tiefen, menschlichen Bindung zueinander, die immer bestanden hat und bestehen wird. Denke darüber nach, und erfülle mir diesen Wunsch; es wird Dich wenig kosten, denke ich, besonders wenn Du bedenkst, dass mir die frühere Lösung unmöglich geworden ist. Hier bin ich zu sehr Frau, und kann Dir nicht verzeihen. (…)



Der Grund der Krise waren die Tagebuch-Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die er zur Sicherung zu seiner Frau nach Hause schickte und in denen er recht unverhohlen von den Beziehungen mit anderen Frauen in Paris berichtete.



Noch nie hat der Leser einen so intimen Einblick in die persönlichen Befindlichkeiten und Charakterzüge dieses Schriftstellers erhalten, der praktisch das gesamte 20. Jahrhundert literarisch-philosophisch begleitete. Dieser umfangreiche Briefwechsel, der nun bei Klett-Cotta erscheint, zeigt einen verpanzert lebenden, geistigen Dandy, der von starken narzistischen Zügen durchdrungen ist. Anders wäre wohl sein umfangreiches Werk, das über 100 Bücher und unzählige Aufsätze umfasst, nicht möglich gewesen.



Der Briefwechsel Gretha und Ernst Jünger – Einer der Spiegel des anderen umfasst den Zeitraum vom Kennenlernen 1922 bis zum Tod Grethas im Jahr 1960. Er besteht aus etwa 2.000 Korrespondenzen. Wie keine andere Quelle legt er Zeugnis ab von Ernst Jüngers Privatleben, das er aus seinen veröffentlichten Tagebüchern weitestgehend verbannte. Die Konflikte in der Partnerschaft mit Gretha sind sicher beflügelt worden durch die unterschiedlichen Lebenssituationen: Während Gretha in Kirchhorst bei Hannover das Haus hütete und während der 1943 beginnenden Bombenangriffe einer Vielzahl von Bekannten eine Heimstatt und Ernährung und Schutz bot, verkehrte Ernst Jünger im von den Deutschen besetzten Paris mit Offizieren, die wie er gegen das Nazi-Regime waren. Er suchte die Nähe zu französischen Schriftstellern und Künstler. Ein Bild davon erhält der Leser in den berühmten Tagebüchern, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Titel Strahlungen veröffentlicht wurden.



Gretha Jünger stand einerseits über beinahe vier Jahrzehnte loyal an der Seite ihres Mannes. Sie hielt ihm den Rücken in vielen privaten Angelegenheiten frei und führte das Haus. Andererseits war sie ihm wichtige Gesprächspartnerin, ohne die Jüngers Werk sicher ein anderes wäre.


Das opulente Buch enthält neben dem Briefwechsel auf über 700 Seiten ein einführendes Vorwort, ein Nachwort, in dem die Herausgeber die verschiedenen Phasen der Beziehung erläutern und so zum Verständnis beitragen. Namens- und Literaturverzeichnis runden den schweren Band ab.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

Nov
06

Peter Bialobrzeski – Give my Regards to Elizabeth

Epsom, Surrey, 1992





Peter Bialobrzeski – Give my Regards to Elizabeth
Mit einem Essay von Mick Brown auf Englisch und Deutsch.
Gebunden in Leinen mit eingelassenem Cover-Photo.
96 Seiten mit 48 ganzseitigen Abbildungen.
Hartmann Books 2020, 34 Euro.





Der deutsche Photograph und Hochschullehrer Peter Bialobrzeski lebte in den 1990er Jahren eine Weile in England. Als Abschlussarbeit seines Folkwang-Studiums konzipierte er ein Photo-Buch, das nun erstmals bei Hartmann Books erscheint.





Peter Bialobrzeski gilt als einer der weltweit einflussreichsten Photographen aus Deutschland. Der 1961 Geborene hat sich konzentriert auf Aufnahmen von urbanen Räumen und Stadtlandschaften. Sie zeugen von menschlichen Motiven wie Größenwahn und rücksichtsloser Umweltzerstörung. Seine Aufnahmen aus Asien und anderen Boom-Regionen versinnbildlichen aber darüber hinaus auch das rasante Wachstum und die Schnelligkeit der Entwicklung.



Epsom, Surrey, 1992





Nun erscheint bei Hartmann Books erstmals seine Abschluss-Arbeit am London College of Communication. 27 Jahre nach seiner Entstehung als Einzelstück hat nun die Allgemeinheit die Gelegenheit, Bialobrzeskis Blick auf ein zerrissenes England zum Ende des Jahrtausends zu betrachten. Jede einzelne soziale Schicht, verschiedenste Gruppierungen scheinen ihr jeweiliges Brauchtum konsequent zu pflegen.



Easington, 1992





Skurrilitäten sind bei den dokumentarisch wirkenden Aufnahmen nicht ausgeschlossen. So ein frisch geschmückter Grabstein auf einem ansonsten kargen Friedhof, bei dem der Photograph die Kamera zum danebenliegenden Sportplatz schweifen lässt. Die Aufnahmen des hochwertig produzierten Photo-Buches Give my Regards to Elizabeth zeigen uns vor allem den Spirit der 1990-er Jahre. – Und den Niedergang des British Empire, den die Engländer ja so gern verleugnen. Hier in den heruntergekommenen Vororten springt dem Betrachter die Hoffnungslosigkeit der 1990-er Jahre in Großbritannien entgegen. Die Bilder legen aber auch Zeugnis ab von der britischen Traditionspflege. Die verschiedenen Soziotope funktionieren nur hermetisch abgegrenzt, obwohl sie zugleich Teil der Gesellschaft sind. Andererseits brauchen sie aber genau diese Abgrenzung von den anderen zu ihrer Selbstbestätigung. So schizophren sind unsere modernen Gesellschaften.

© Matthias Pierre Lubinsky 2020


Aug
24

Yukio Mishima – Der Goldene Pavillon

Yukio Mishima (1925-1970)






Yukio Mishima: Der Goldene Pavillon
Roman.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Kein & Aber 2019, 22,- €.






Im Jahr 2020 jährt sich zum 50. Mal eine der konsequentesten Taten der Literaturgeschichte: Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima begeht 1970 einen rituellen Suizid. Der Schweizer Verlag Kein & Aber veröffentlicht seinen grandiosen Roman Der Goldene Pavillon in einer Neuübersetzung.




Es ist ein goldener Herbstvormittag um elf Uhr an diesem 25. November 1970, als Yukio Mishima mit vier Kampfgefährten seines paramilitärischen Schilderbundes das Hauptquartier der Selbstverteidigungsstreitkräfte betritt. Er ist mit dem befehlenden General verabredet. Der staunt nicht schlecht, als er unvermittelt von Mishimas Männern gefesselt wird. Mishima droht, General Mashita zu töten, wenn nicht sogleich die gesamten eintausend Mann der Selbstverteidigungsstreitkräfte antreten. Als dies nach einer Stunde geschehen ist, tritt der Samurai-Dichter auf den Balkon und hält eine flammende Rede, in der er dazu aufruft, die Souveränität des Kaiserreiches wiederherzustellen. Vor allem fordert er, den nach dem Zweiten Weltkrieg in die Verfassung geschriebenen Friedensartikel wieder zu streichen, wonach Japan Streitkräfte nur noch zur Selbstverteidigung besitzen darf.




Niemand kann Mishimas Rede verstehen. Viel zu groß ist der Lärm. Als er wieder ins Büro des Generals tritt, um sich nach alter Samurai-Tradition selbst zu erdolchen, mißlingt auch dies. Einer seiner Männer muß ihm den Kopf abschlagen, was auch erst beim vierten Anlauf gelingt.




Das also ist der Abgang eines der bedeutendsten Schriftsteller Japans des 20. Jahrhunderts. Daß er ein Patriot war, der sich für die Belange seiner japanischen Heimat einsetzte, hat seiner Perzeption in Deutschland nach dem Krieg geschadet. Aber auch in Japan selbst wollte man von ihm nichts mehr wissen. Zu groß war die Scham über den politisch konnotierten Freitod eines Homosexuellen.




Umso verdienstvoller ist die Neuübersetzung dieses grandiosen Romans Der Goldene Pavillon durch Ursula Gräfe. Beim Schweizer Verlag Kein & Aber erschien bereits im vergangenen Jahr Mishimas Debütroman Bekenntnisse einer Maske.




Der Goldene Pavillon ist der lebenslange Primär-Bezug des Protagonisten Mizoguchi, wichtiger als jeder andere Mensch oder sonst etwas. An ihm macht er seine Beziehung zum Leben aus, zur Geschichte, zu seiner Heimat. Der Roman hat verschiedene Ebenen. Mishima thematisiert Gegensätze wie Liebe und Haß, Treue oder Verrat, Tod und Leben oder das buddhistische Gegensatzpaar Erkenntnis und Tat. Letztlich problematisiert Mishima, der sich zutiefst in der Tradition der japanischen Kultur verwurzelt sah, die Impotenz seiner Nation nach dem verlorenen Krieg. Ein hoch aktuelles Buch in Zeiten des Erwachens ganzer Völker rund um den Erdball!

© Matthias Pierre Lubinsky 2020

Mai
25

Paul Almásy – Paris

Romy Schneider und Alain Delon, 1961
Photo © Paul Almasy / akg-images





Paul Almásy – Paris
Mit einer Einführung von Ralf Hanselle
144 Seiten mit 117 Schwarz-Weiß-Photographien.
Neuausgabe, teNeues Verlag 2020, 19,90 €.






Paul Almásy gehörte zu den großen Photo-Reportern, die die Stadt Paris in unzähligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen festhielten. teNeues veröffentlicht sein grandioses Buch über die europäische Kulturhauptstadt des 20. Jahrhunderts neu.






Paul Almásy (1906-2003) wurde in Budapest geboren und ging mit 17 Jahren zum Studium der Politischen Wissenschaften nach Deutschland und Österreich. Er wurde zunächst Journalist und schrieb Reportagen aus Rom. Um seine Artikel zu illustrieren, begann er 1935 bei einer Südamerika-Reise, Photographien anzufertigen. Dabei war der direkte Anlass dafür eher ein Zufall: Joachim Krack, Photograph der vor dem Zweiten Weltkrieg renommierten Berliner Illustrierten Zeitung, hatte dem talentierten Reporter eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, aus der einige Reportagen hervorgingen. Kurz vor einer geplanten gemeinsamen Reise nach Finnland mußte Krack wegen einer Krankheit absagen und schlug seinem schreibenden Kollegen vor, doch selbst die Bilder zu machen. So tat der das dann auch.



Avenue de l’Opéra, 1950s
Photo © Paul Almasy / akg-images




Während des Zweiten Weltkriegs produzierte Almásy  für Schweizer Zeitungen Reportagen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Nach dem Ende der deutschen Besatzung wählte er Paris als Wohnort. Von hier aus unternahm er ausgedehnte Reportage-Reisen in alle Teile der Welt. Beim Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren konnte Almásy von sich behaupten, in fast allen Ländern der Welt gewesen zu sein. In seiner Laufbahn hat der umtriebige Reporter insgesamt 1.560 Reportagen produziert.




Almásys Paris-Photos halten alltägliche Situationen fest. Es sind die Menschen, die den geschulten Reporter interessieren. Dabei gelingen ihm echte Schnappschüsse: So, wie sich ein Junge auf einer Treppe nach einer wartenden Prostituierten umdreht. Oder wie bei der Anlieferung von Käse in Les Halles ein Mitarbeiter auf den riesigen runden Stücken sitzt, als diese auf einem kleinen Wagen transportiert werden.



Nonnen des Ordens von St. Vincent, 1952
Photo © Paul Almasy / akg-images




Neben den berührenden Straßen- und Alltagsszenen sind auch die Portraits von Pariser Persönlichkeiten hervorzuheben. Die Aufnahmen von Alberto Giacometti, Man Ray, André Breton oder Jean Cocteau erinnern an das besondere Paris der 1950er Jahre, das längst untergegangen ist.




Es ist eine Reise zurück in die mystifizierte Vergangenheit der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als Paris wieder erwachte. Der Stil von Almásys Photos ist der eines Neugierigen, dabei nicht unfrei von Humor. Nicht zufällig ist man als Betrachter an die Werke von den großen Photographen Kertész und Robert Diosneau erinnert, die ebenfalls ihrem geliebten Paris ein Gros ihres Werkes widmeten.



Die Neuausgabe von Paul Almásys Pars-Buch ist erschienen bei teNeues

© Matthias Pierre Lubinsky 2020

Mrz
29

Ernst Jünger – 125. Geburtstag

Ernst Jüngers Werk hat die Elite Deutschlands geprägt
– teils in der Abgrenzung
Photo: DANDY-CLUB 2012. All rights reserved.



Am 29. März 2020 wäre der Schriftsteller und politische Philosoph Ernst Jünger 125 Jahre alt geworden.




Die deutschen Mainstream-Medien verschlafen dieses Jubiläum konsequent. Kein Wunder, wahrscheinlich sind alle PraktikantInnen gerade beurlaubt…



Hier eine empfehlenswerte Video-Reihe von einem kleinen, unabhängigen Kanal, Epoch Times Deutsch:



Mrz
26

Hölderlins Orte – Fotografien von Barbara Klemm

Photo: Barbara Klemm
All rights reserved.





Hölderlins Orte
Fotografien von Barbara Klemm
Begleitband zur Wanderausstellung im Hölderlin-Jubiläumsjahr 2020
128 Seiten mit 43 Duplex-Abbildungen, Kerber Verlag 2020, 24 €.





Deutschland begeht das 250. Geburtsjahr von Friedrich Hölderlin mit 600 Veranstaltungen. Ein Höhepunkt ist die hochkarätige Wanderausstellung mit Photographien von Barbara Klemm, die auch in einem wohlfeilen Buch dokumentiert werden.



Einer der bedeutendsten Nationaldichter Deutschlands, Friedrich Hölderlin (1770–1843), hat im Jahr 2020 ein rundes Jubiläum: Er wurde am 20. März vor 250 Jahren geboren. Das Programm Hölderlin 2020 umfasst etwa 600 Veranstaltungen. Ein besonderes Highlight ist die Ausstellung Hölderlins Orte mit Photographien von Barbara Klemm. Nach der ersten Station in Nürtingen sollte die Schau Anfang April 2020 im Hölderlinturm in Tübingen eröffnen, wurde jedoch wegen des Corona-Virus abgesagt




Der Hölderlinturm in Tübingen
Photo: Barbara Klemm. All rights reserved.





Umso wertvoller wird nun der die erst einmal ausfallende Wanderausstellung begleitende wohl gestaltete Bildband, der sämtliche Photos von Barbara Klemm Gedichten Hölderlins an die Seite stellt. Barbara Klemm, lange Jahre Photographien bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, suchte Orte aus des Dichters Biographie auf und suchte, sie mit der Kamera zu fassen. Dabei photographierte sie nicht die biographischen Orte, sondern ging einen indirekteren Weg. Statt des Wohnhauses von Hölderlin in Nürtingen hat sie den Neckar dokumentiert. Anstelle des Geburtshauses hat sie das Lauffener Hölderlin-Denkmal abgelichtet.




Hölderlins Leben teilt sich in zwei extreme Hälften. In den ersten 36 Jahren wohnte er an nicht weniger als dreizehn verschiedenen Orten. Er war unstetig und auf seinen vielen Reisen auf der Suche nach geistigen Anregungen und inspirierenden Orten. 1807 wurde er von der Familie Zimmer in deren Haus in Tübingen aufgenommen – dem heutigen Hölderlinturm. Hier lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1843. In zunehmender geistiger Umnachtung verfasste er hier Verse, die noch heute zum Größten in der deutschen Literatur zählen.




Das Hölderlin-Denkmal in Laffen
Photo: Barbara Klemm. All rights reserved.






Friedrich Hölderlin war einer der bedeutendsten Lyriker nicht nur seiner Zeit. Er übte mit seinen Oden, Elegien und Hymnen großen Einfluss auf andere Dichter wie Stefan George, Georg Trakl, Ingeborg Bachmann und Paul Celan aus. Seine Gedichte wurden in mehr als 80 Sprachen übersetzt. Das schön gestaltete Buch mit den kongenialen Photographien von Barbara Klemm bietet Gelegenheit, sich mit diesem großen Nationaldichter zu beschäftigen.

© Matthias Pierre Lubinsky 2020

Mrz
07

Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive

Karl Lagerfeld: Suite 3906, Fendi Herbst/Winter 2010/11, Foto © Karl Lagerfeld







Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) zeigt ab morgen unter dem Titel Karl Lagerfeld. Fotografie. Die Retrospektive die erste Werkschau von Karl Lagerfelds Photographie seit dessen Tod im vergangenen Jahr weltweit.





Präsentiert werden mehr als 300 Photographien, die noch zu Lebzeiten gemeinsam mit Karl Lagerfeld ausgewählt und eigens für die Präsentation im Landeskunstmuseum Sachsen-Anhalt produziert wurden. Kuratoren der außergewöhnlichen Schau sind Eric Pfrunder, Directeur de l’Image Chanel Fashion und Gerhard Steidl, der Lagerfelds Photobücher im Sinne des Künstlers produzierte.



Karl Lagerfeld: Selbstporträt, 2007,
Foto © Karl Lagerfeld





Deutlich werden in der Ausstellung die verschiedenen Schaffensgebiete Karl Lagerfelds, der nicht nur Modemacher, Designer, Verleger, Photograph, Lektor und arbiter elegentiarum gewesen ist: vor allem Architektur, Landschaft, Abstraktion, Porträt, Selbstporträt und Modephotographie. Einige der ausgestellten Werke sind erstmals überhaupt öffentlich zu sehen.



Karl Lagerfeld: Die Mädchen auf Gelmeroda oder der Dorfskandal – Hommage à Feininger, 1990,
Foto © Karl Lagerfeld





Gezeigt werden auch zwei besondere Werke: ein 18 Meter langes hinterleuchtetes LED-Paneel zu Homers Odyssee sowie Lagerfelds große Inszenierung der Geschichte von Daphnis und Chloë, der Erzählung des antiken Dichters Longus.



KARL LAGERFELD. FOTOGRAFIE
Die Retrospektive

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
08.03.2020 – 23.08.2020


Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle (Saale)

T: +49 345 21259-0






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