Jun
17

Herbert List – Das magische Auge



Ausstellung: Bucerius Kunst Forum, Hamburg
noch bis 11. September 2022
Katalog: Hirmer Verlag, München
288 Seiten mit 318 Abbildungen in Schwarz-Weiß. 45 Euro.



Herbert List, Unter dem Poseidontempel, um 1936,
Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus






Das Bucerius Kunst Forum, Hamburg präsentiert die erste Retrospektive zu Herbert List (1903 – 1975) seit über zwei Jahrzehnten. Mit rund 240 Vintage-Prints, Erstausgaben von Publikationen und bislang selten ausgestellten Photographien vermittelt die hochkarätige Schau einen fulminanten Einblick in das photographische Schaffen des gebürtigen Hamburgers.




Herbert List, 1903 als ältester Sohn eines Kaffeehändlers in Hamburg geboren, tritt mit 20 Jahren in die elterliche Firma ein. Monatelange Reisen zu Kaffeeplantagen in Brasilien und Mittelamerika motivieren ihn zu einem mobilen und an fremden Kulturen interessierten Lebensstil mit der Kamera. Im Jahr 1936 entscheidet sich List, die Photographie zum Beruf zu machen. Im selben Jahr sieht er sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Er geht zuerst nach Paris, um nur kurze Zeit später für mehrere Monate zu Griechenland zu reisen. Hierher wird er sein Leben lang immer wieder zurückkehren, um Aufnahmen im Geiste des seit 1900 wirkenden Jünglingskultes zu machen. Da Griechenland im April 1941 von Deutschland besetzt wird, muss er wiederum fliehen. Er geht nach München, wo er den Rest seines Lebens sesshaft sein wird.



Die Ausstellung beginnt mit Hamburg als dem Ausgangspunkt von Lists Photo-Laufbahn. Angeregt durch seinen Freund Andreas Feininger, der ihn von dem Erwerb einer Rolleiflex-Kamera überzeugt, intensiviert er 1930 seine Photographie. Geschult am Blick berühmter Vorbilder wie Brassai widmet er sich nächtlicher Stadt-Szenen.


Herbert List, Geist des Lykkabettos, 1937, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv List, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus





In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg experimentiert List mit Stillleben, die an der Neuen Sachlichkeit orientiert sind. Durch das gesamte Werk von Herbert List ziehen sich Aufnahmen von jungen, athletischen Männern. Sie gelangen in der Sonne Hellas besonders gut und sind zugleich als Bekenntnis zu seiner Homosexualität zu verstehen. Nach dem Krieg geht Herbert List auf ausgedehnte Reisen. Neben Griechenland zieht es ihn nach Italien. In Rom und Neapel entstehen eindrückliche Moment-Aufnahmen eines sensiblen Flaneurs. Später erweitert er sein Schaffen um das Portraitieren von berühmten Künstlern. Es entstehen eindrucksvolle Portraits unter anderen von Picasso, Pasolini und Ingeborg Bachmann.


Ende der 1960er Jahre schwindet Lists Interesse an der Photographie, und er widmet sich hauptsächlich seiner Sammlung italienischer Meisterzeichnungen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. List stirbt am 7. Oktober 1973 in der Toscana.


Herbert List, Der Gehörnte, 1953, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv List, © Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus




Zur Ausstellung erscheint ein empfehlenswerter Katalog im Münchener Hirmer Verlag. Auf über 300 Seiten dokumentiert das gebundene Buch 318 (fast ausschließlich) Schwarz-Weiß-Photographien. Lesenswerte Texte veranschaulichen Leben und Werk von Herbert List, ohne sich in wissenschaftlichen Ausschweifungen zu verlieren. Die Reproduktion der Photos ist hochwertig, sodass der wohlfeile Band jede Photobuch-Sammlung bereichert.


© Matthias Pierre Lubinsky 2022





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Feb
15

Szczepan Twardoch – Demut

Ein bildmächtiger Roman über die Zeit des Ersten Weltkrieges



Szczepan Twardoch – Demut
Übersetzt von Olaf Kühl
464 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Verlag Rowohlt Berlin, 25 €.
Erscheint am 15. Februar 2022





Alois Pokora dient für Polen im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg gerät er zwischen alle politischen Fronten – obwohl er sich eigentlich nie für eine Seite klar entschieden hat. Szczepan Twardochs neuer Roman Demut ist ein Opus der polnisch-deutschen Geschichte. Herausragend geschrieben und fulminant übersetzt.




Alois Pokora dient vier Jahre für Polen im Ersten Weltkrieg. Neben ihm sterben seine Kameraden im Granatenhagel. Er sieht bestialisches Morden – obwohl er vom Leben kaum noch etwas weiß. Der junge Mann stammt aus einfachsten Verhältnissen, einer Bergarbeiterfamilie. Sein Vater macht seiner Mutter soviele Kinder, dass sie die kaum durchbringen können. Ein Pfarrer sorgt dafür, dass Alois einen anderen Weg gehen kann als sein Vater, Großvater, die Onkel. Er soll nicht in die Grube, um sich die Gesundheit zu ruinieren und von der extrem harten Arbeit kaum leben zu können. Er macht das Abitur, um schließlich in Breslau zu studieren.




Nach einem Angriff der Franzosen erwacht Alois im Krankenhaus und kann sich zunächst nicht erinnern. Das Bethanien liegt mitten in Berlin. Aus dem Fenster seines Zimmers sieht er nun unvermittelt den Bürgerkrieg. Der Kaiser hat sich nach Holland abgesetzt und hinterlässt ein Machtvakuum. Die Gruppen und Grüppchen, die gegeneinander kämpfen, um die Macht im zerfallenden Reich zu erringen, scheinen unüberschaubar. Kaisertreue gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Bürgertum und dazwischen die zurückkehrenden Soldaten, die von mehr oder weniger radikalen Verbänden umworben werden.




Szczepan Twardoch baut die Erzählung wie ein Tagebuch. Der Protagonist Alois Pokora ist mitten im Geschehen. Er fällt in seinen Gedanken immer wieder in Erinnerungen, vor allem in die seiner kurzen unbeschwerten Zeit während des Studiums in Breslau. Über allem steht allerdings seine Liebe zu Agnes. Einer Frau, der er tatsächlich nie wirklich nahe war, aber umso mehr vergöttert.




Der 463 Seiten starke Roman Demut ist ein Meisterwerk, in dem es dem schlesischen Autor gelingt, die polnisch-deutsche Geschichte des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive eines jungen polnischen Mannes zu erzählen, der in seinem Leben nie weiß, wo er wirklich hingehört. Für welche Seite zu engagieren es sich lohnt. Immer wieder gerät Alois Pokora dennoch mitten ins Geschehen, ob er will oder nicht. Er kämpft für so manche Seite, ohne es eigentlich zu wollen. Twardoch versteht es meisterhaft, das Schicksal eines Menschen zu schildern, der wahrhaft nach dem Wahren und Richtigen auf der Suche ist – es aber offensichtlich nicht zu finden vermag.




Der Leser wird Zeuge der historischen Ereignisse während und nach dem Ersten Weltkrieg. Wir erleben die Straßenschlachten in der Mitte Berlins, die beschauliche Ruhe im gar nicht so weit entfernten Schlesien. Der Leser hört Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor ihren roten Kämpfern ihre pathetischen Reden schwingen. Kurze Zeit später gerät Alois Pokora auf ein Rittergut und wird ungewollt in einen Kreis von jungen Adligen aufgenommen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Kommunistenführer zu töten…




Szczepan Twardochs neuer Roman Demut ist ein grandioses Opus Magnum über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Historisch hält sich Twardoch eng an die Tatsachen, dabei liest sich das Buch wie ein Krimi. Aber noch mehr ist es eine Reflexion über den Wert von Ideologien, über den Sinn des Lebens und die Kraft der Liebe. Herausragend geschrieben und grandios von Olaf Kühl übersetzt.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022



Szczepan Twardoch – Wale und Nachtfalter

Szczepan Twardoch – Der Boxer


Jan
18

Oh Yeah – Yello 40

Boris Blank und Dieter Meier 1985
Photo: Anton Corbijn
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Boris Blank, Dieter Meier: Oh Yeah – Yello 40
Hardcover, 450 Seiten, 723 Abbildungen, 29.7 × 21 cm
Edition Patrick Frey 2021





Die Schweizer Elektro-Pop-Band Yello feiert ihr 40-jähriges Bestehen und macht ihren Fans ein riesen Geschenk: Das Buch Oh Yeah/Yello 40 präsentiert ihre Geschichte in 450 meist farbigen Abbildungen. Ein bibliophiles Masterpiece nicht nur für Elektro-Pop-Jünger.



Das Leben kennt keine Zufälle, nur Fügungen. Ende der 1970er Jahre lernten sich Boris Blank und Carlos Perón in einem Testlabor für Auto-Entwicklung kennen, als beide unabhängig voneinander Motorensounds aufnehmen wollten. Kurz darauf begannen sie gemeinsam, Geräusche aufzunehmen, um diese in avantgardistische Musik zu verarbeiten. Paul Vajsabel, legendärer Inhaber eines Plattenladens in Zürich, empfahl den beiden dann Dieter Meier als Sänger. Yello war geboren.

Vor der Roten Fabrik, 1983
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





1979 veröffentlichte Yello ihre erste Maxi-Single. Ein Jahr später hatte sich der Ruf der Musiker bereits bis in die USA verbreitet. Hier war die Discowelle auf dem Höhepunkt. Eine intelligentere und anspruchsvollere Variante elektronischer Partymusik wurde gesucht. So konnte es nicht verwundern, dass Yello rasch mit dem Label Ralph Records einig wurde und einen Plattenvertrag in den Staaten an Land zog. 1983 verließ Carlos Perón die Band, die seitdem nur noch aus Dieter Maier und Boris Blank besteht.




Seitdem ging es nur noch aufwärts. Bereits die zweite Single Bostich wurde zum viel gespielten Clubhit. Die Story der Band ist bekannt oder kann nachgelesen werden. Viel interessanter an Yello ist, daß es sich nie nur um eine reine Musik-Gruppe handelte. Von Anfang an drehten die Musiker ihre Videos zu den Songs selbst und gestalteten die Werbung. Auch die Clips werden in dem opulenten Band präsentiert und machen Lust, sich neben den einzelnen Photos davon sich auch das gesamte Video im Netz anzuschauen.

Das Yello-Studio in der Roten Fabrik, Zürich 1980
Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021





Viel zum Verständnis des Gesamt-Kunstwerks Yello trägt bei, wenn man sich das weitere künstlerische Schaffen von Dieter Maier ansieht. Im Jahr 2013 fand im Aargauer Kunsthaus Aargau die seinem bildnerischen Schaffen gewidmete Ausstellung In Conversation statt. Schon in seinen frühen Photos und Performances sind die Anklänge der Yello-Videos zu finden. So wird man Yello nicht gerecht, bezeichnet man die Band nur als Elektro-Pop. Yello ist ein Gesamtkunstwerk, das aus der perfekten Symbiose des Klangsammlers Boris Blank und dem dandyistischen Gesang von Dieter Maier den Dadaismus in die elektronische Musik gerettet hat.





Der fulminante Bildband ist ein inhaltlicher und gestalterischer Genuß: Die zahlreichen Photos von der gesamten, bisher 40 Jahre umfassenden Geschichte von Yello, werden ergänzt durch zahllose Dokumente wie Plattencover, Eintrittskarten, Manuskripte, Werbephotos &C. &C.




Eine bild-ästhetische Augenweide nicht nur für die Fans von Yello.

© Matthias Pierre Lubinsky 2022

Dez
28

Joris-Karl Huysmans – Lourdes

Bibliophile Ausstattung: Gebunden in Halbleinen, Lesebändchen





Joris-Karl Huysmans:
Lourdes – Mystik und Massen
320 Seiten. Gebunden in Halbleinen mit Leseband.
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2020.





Joris-Karl Huysmans‘ letztes Buch erscheint erstmals auf Deutsch. Der Lilienfeld Verlag bringt Lourdes – Mystik und Massen in einer fulminanten Übersetzung von Hartmut Sommer in bibliophiler Ausstattung.




Der französische Autor Joris-Karl Huysmans (1848-1907) ist den Lesern des DANDY-CLUB ein Begriff: Immerhin ist er der Schöpfer der Bibel des Dandyismus, À rebours (Gegen den Strich). Huysmans schrieb den Roman 1884 quasi als Gegengift gegen den zu dieser Zeit in Frankreichs Literatur herrschenden Naturalismus, – vor allem repräsentiert durch Emile Zola. Der Protagonist Des Esseintes durchstreift verschiedene Wissensgebiete, wobei er sich vom Geschmack der Masse erwidert abwendet und jeweils eigene Ästhetik-Gesetze aufstellt.


Huysmans‘ 1891 erschienener Roman Tief unten (Là-bas) handelt von einem lebensmüden Schriftsteller, der auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens sich auf die Erforschung des Satanismus begibt. Beide Romane sind Stationen in Huysmans Suche nach einer geistigen Heimat. Beide Romane enden ähnlich und deuten an, dass letztlich die Rückkehr zu Gott die einzige Erlösung sein kann.


In anderen Büchern hat Huysmans, der in Paris geboren wurde und starb, sich explizit mit dem Katholizismus auseinandergesetzt. So kann es nicht verwundern, dass sein letztes Buch, das im Original zuerst 1906 erschien, nun sozusagen in das Zentrum der französischen Glaubens-Praktizierung blickt. In Lourdes beschreibt er ausführlich diesen Wallfahrtsort und seine Pilger.


Huysmans war zwar ein lebenslang Suchender. Religiöser Kitsch und fanatische Menschenmassen lehnte er jedoch ab. Deshalb musste er sich von Freunden drängen lassen, nach Lourdes, in den Ausläufern der Pyrenäen, zu reisen. Hierher kamen ungeheure Menschenmassen, seitdem 1858 der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous mehrfach die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Unter ihnen viele, die sich Heilung von schwerer Krankheit erhofften. Huysmans – intelligenter und empfindsamer Ästhet – war zunächst von den Menschenmassen, dem medizinischen Massenbetrieb und dem Religionskitsch abgestoßen. Nach einer Weile bemerkt er aber das zutiefst Menschliche in dem ganzen Treiben und beginnt, es mitzumachen.


Da Huysmans ein äußerst genauer Beobachter mit einer großen Sprachgabe gewesen ist, entsteht so ein anschaulicher Bericht über Lourdes und seine Pilger zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein beeindruckendes Zeitdokument, da der Autor ohne flache Wertungen viele – teils wahrlich skurrile – Geschehnisse schildert. Dank an den kleinen Lilienfeld Verlag, dass diese erstaunliche Reportage nun endlich das deutsche Publikum erreicht.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

Dez
19

Krachkultur 22 – Arbeit

Die Gestalung ist genauso gut wie der Inhalt: Krachkultur 22






#1 Vorrede. In diesen Diktatur-Zeiten ein Literatur-Magazin zum Thema Arbeit? Der Rezensent war skeptisch, was ihn da erwartet. Einerseits und andererseits. Andererseits wird sich auch die Arbeitswelt aufgrund der permanent sich ändernden Lockdowns und des Versagens der Politik radikal verändern.




#2 Kommen wir gleich zur Sache. Die von Martin Brinkmann und Alexander Behrmann herausgegebene 22. Nummer dieses kultig-niveauvollen Literatur-Magazins ist wieder Klasse! Wir wollen gar nicht einzelne Beiträge besonders loben, das wäre zu subjektiv. Subjektiv also hier einige Beispiele, für Texte, die uns sehr gefallen haben.

Etwas Älteren sollte Jörg Fauser (1944-1987) noch ein Begriff sein. Der Schriftsteller und Journalist hat sich sein Leben lang mit prekärer Arbeit durchschlagen müssen, da seine Texte ihn nicht ernährten. Die journalistischen und literarischen Arbeiten kreisten allesamt um das Thema der Arbeit. Seiner im Speziellen und abstrahiert auf gesellschaftlicher Ebene. Die neue Krachkultur veröffentlicht erstmals einige Briefe von Fauser. Hingewiesen sei auf die verdienstvolle Werkausgabe, die seit Frühjahr 2019 im Diogenes Verlag erscheint. Matthias Penzel und Stephan Porombka steuern einen sehr einfühlsamen Text über Fauser bei. Er verklärt den auf der Autobahn überfahrenen Autoren nicht, sondern sucht eine Analyse vom Verhältnis des Autoren mit und zu seiner Arbeit. Ausführlich dokumentiert wird, wie Fauser neben seiner Autorschaft über viele Jahre bemüht war, seine Texte verkauft zu bekommen, um nicht mehr am Flughafen Gepäck schleppen zu müssen.




Garielle Lutz steuert fünf Kurzgeschichten „der überlsten Sorte“ bei – wie die Überschrift lautet. Die in Pennsylvania lebende Bibliothekarin hat wahrlich ein krasses Schreib-Talent! Eigentlich sollte man denken, im Jahre 2021 sei die Sprache ein wenig ausgelutscht. Alles gesagt, formuliert &C. &C. Garielle Lutz beweist das Gegenteil. Und das hat uns erstaunt. Mit großer Bewunderung empfiehlt der DANDY-CLUB deshalb auch das für die nächste Zeit annoncierte Buch mit Übersetzungen, das bei Weissbooks erscheinen soll. Vom Übersetzer Christophe Fricker ist eine kurze Einführung zu der in Deutschland bislang gänzlich unbekannten Autorin den Kurzgeschichten vorangestellt.




#3 Kaufempfehlung. Genug der Beispiele. Wir sind begeistert von der neuen Ausgabe der Krachkultur. Chapeau an die Herausgeber, dass es Ihnen nun über 22 Nummern gelingt, ein derart hohes Niveau zu halten.  – Wer sich für Literatur interessiert – und nicht nur avantgardistische, wird unsere Begeisterung teilen.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

http://www.krachkultur.de

Okt
21

Gretha und Ernst Jünger – Einer der Spiegel des anderen. Briefwechsel 1922 – 1960

Der Briefwechsel erscheint bei Klett-Cotta
© Klett-Cotta 2021






Gretha und Ernst Jünger –
Einer der Spiegel des anderen. Briefwechsel 1922 – 1960.
Hrsg. von Detlev Schöttker und Anja Keith.
Klett-Cotta 2021, 720 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Mit Abbildungen. 42 Euro.






Dieser Briefwechsel ist eine DER literarischen Sensationen des Bücherherbstes 2021: Der Schriftsteller Ernst Jünger wechselte mit seiner ersten Frau Gretha fast vier Jahrzehnte Briefe und Karten. Der persönlich zurückgezogen lebende Solitär der deutschen Literatur zeigte sich nie zuvor so verletzlich.




Ende Februar 1943 ist die Ehekrise zwischen Gretha (geb. von Jeinsen, 1906-1960) und Ernst Jünger (1895-1998) auf dem Höhepunkt. Ernst Jünger, der zu dieser Zeit in Paris stationiert ist, antwortet seiner Frau auf ihren Brief einige Tage zuvor, der leider nicht mehr erhalten ist:

            „Liebe Gretha,

Soeben trifft Dein furchtbarer Brief vom 20. Februar hier ein, der mich vollkommen und wie noch kein Brief in meinem Leben zu Boden geschlagen hat. Ich kann ihn nicht beantworten, denn ich bin meiner Schuld bewußt, und Du bist der einzige Mensch, dem ich jemals ein solches Eingeständnis gemacht habe. Du kennst ja nun auch meine Dinge, wie ein Beichtvater sie kennen würde, denn Du hast sie gelesen, wie ich sie mir selbst erzählt habe. Du kennst mich jetzt also, wie selten Eheleute es tun. (…)




Bereits am 7. Dezember 1942 wollte sich Gretha von ihrem Mann trennen. Sie hatte ihm geschrieben: „ (…) Da 17 Jahre keine Aenderung brachten, so werden es auch die folgenden nicht mehr bringen; ich bin jedoch diesen unerhörten seelischen Belastungen nicht mehr gewachsen, und sehe die einzige Möglichkeit in der geistigen Art des Zusammenlebens, und der tiefen, menschlichen Bindung zueinander, die immer bestanden hat und bestehen wird. Denke darüber nach, und erfülle mir diesen Wunsch; es wird Dich wenig kosten, denke ich, besonders wenn Du bedenkst, dass mir die frühere Lösung unmöglich geworden ist. Hier bin ich zu sehr Frau, und kann Dir nicht verzeihen. (…)



Der Grund der Krise waren die Tagebuch-Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die er zur Sicherung zu seiner Frau nach Hause schickte und in denen er recht unverhohlen von den Beziehungen mit anderen Frauen in Paris berichtete.



Noch nie hat der Leser einen so intimen Einblick in die persönlichen Befindlichkeiten und Charakterzüge dieses Schriftstellers erhalten, der praktisch das gesamte 20. Jahrhundert literarisch-philosophisch begleitete. Dieser umfangreiche Briefwechsel, der nun bei Klett-Cotta erscheint, zeigt einen verpanzert lebenden, geistigen Dandy, der von starken narzistischen Zügen durchdrungen ist. Anders wäre wohl sein umfangreiches Werk, das über 100 Bücher und unzählige Aufsätze umfasst, nicht möglich gewesen.



Der Briefwechsel Gretha und Ernst Jünger – Einer der Spiegel des anderen umfasst den Zeitraum vom Kennenlernen 1922 bis zum Tod Grethas im Jahr 1960. Er besteht aus etwa 2.000 Korrespondenzen. Wie keine andere Quelle legt er Zeugnis ab von Ernst Jüngers Privatleben, das er aus seinen veröffentlichten Tagebüchern weitestgehend verbannte. Die Konflikte in der Partnerschaft mit Gretha sind sicher beflügelt worden durch die unterschiedlichen Lebenssituationen: Während Gretha in Kirchhorst bei Hannover das Haus hütete und während der 1943 beginnenden Bombenangriffe einer Vielzahl von Bekannten eine Heimstatt und Ernährung und Schutz bot, verkehrte Ernst Jünger im von den Deutschen besetzten Paris mit Offizieren, die wie er gegen das Nazi-Regime waren. Er suchte die Nähe zu französischen Schriftstellern und Künstler. Ein Bild davon erhält der Leser in den berühmten Tagebüchern, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Titel Strahlungen veröffentlicht wurden.



Gretha Jünger stand einerseits über beinahe vier Jahrzehnte loyal an der Seite ihres Mannes. Sie hielt ihm den Rücken in vielen privaten Angelegenheiten frei und führte das Haus. Andererseits war sie ihm wichtige Gesprächspartnerin, ohne die Jüngers Werk sicher ein anderes wäre.


Das opulente Buch enthält neben dem Briefwechsel auf über 700 Seiten ein einführendes Vorwort, ein Nachwort, in dem die Herausgeber die verschiedenen Phasen der Beziehung erläutern und so zum Verständnis beitragen. Namens- und Literaturverzeichnis runden den schweren Band ab.

© Matthias Pierre Lubinsky 2021

Nov
06

Peter Bialobrzeski – Give my Regards to Elizabeth

Epsom, Surrey, 1992





Peter Bialobrzeski – Give my Regards to Elizabeth
Mit einem Essay von Mick Brown auf Englisch und Deutsch.
Gebunden in Leinen mit eingelassenem Cover-Photo.
96 Seiten mit 48 ganzseitigen Abbildungen.
Hartmann Books 2020, 34 Euro.





Der deutsche Photograph und Hochschullehrer Peter Bialobrzeski lebte in den 1990er Jahren eine Weile in England. Als Abschlussarbeit seines Folkwang-Studiums konzipierte er ein Photo-Buch, das nun erstmals bei Hartmann Books erscheint.





Peter Bialobrzeski gilt als einer der weltweit einflussreichsten Photographen aus Deutschland. Der 1961 Geborene hat sich konzentriert auf Aufnahmen von urbanen Räumen und Stadtlandschaften. Sie zeugen von menschlichen Motiven wie Größenwahn und rücksichtsloser Umweltzerstörung. Seine Aufnahmen aus Asien und anderen Boom-Regionen versinnbildlichen aber darüber hinaus auch das rasante Wachstum und die Schnelligkeit der Entwicklung.



Epsom, Surrey, 1992





Nun erscheint bei Hartmann Books erstmals seine Abschluss-Arbeit am London College of Communication. 27 Jahre nach seiner Entstehung als Einzelstück hat nun die Allgemeinheit die Gelegenheit, Bialobrzeskis Blick auf ein zerrissenes England zum Ende des Jahrtausends zu betrachten. Jede einzelne soziale Schicht, verschiedenste Gruppierungen scheinen ihr jeweiliges Brauchtum konsequent zu pflegen.



Easington, 1992





Skurrilitäten sind bei den dokumentarisch wirkenden Aufnahmen nicht ausgeschlossen. So ein frisch geschmückter Grabstein auf einem ansonsten kargen Friedhof, bei dem der Photograph die Kamera zum danebenliegenden Sportplatz schweifen lässt. Die Aufnahmen des hochwertig produzierten Photo-Buches Give my Regards to Elizabeth zeigen uns vor allem den Spirit der 1990-er Jahre. – Und den Niedergang des British Empire, den die Engländer ja so gern verleugnen. Hier in den heruntergekommenen Vororten springt dem Betrachter die Hoffnungslosigkeit der 1990-er Jahre in Großbritannien entgegen. Die Bilder legen aber auch Zeugnis ab von der britischen Traditionspflege. Die verschiedenen Soziotope funktionieren nur hermetisch abgegrenzt, obwohl sie zugleich Teil der Gesellschaft sind. Andererseits brauchen sie aber genau diese Abgrenzung von den anderen zu ihrer Selbstbestätigung. So schizophren sind unsere modernen Gesellschaften.

© Matthias Pierre Lubinsky 2020


Aug
24

Yukio Mishima – Der Goldene Pavillon

Yukio Mishima (1925-1970)






Yukio Mishima: Der Goldene Pavillon
Roman.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Kein & Aber 2019, 22,- €.






Im Jahr 2020 jährt sich zum 50. Mal eine der konsequentesten Taten der Literaturgeschichte: Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima begeht 1970 einen rituellen Suizid. Der Schweizer Verlag Kein & Aber veröffentlicht seinen grandiosen Roman Der Goldene Pavillon in einer Neuübersetzung.




Es ist ein goldener Herbstvormittag um elf Uhr an diesem 25. November 1970, als Yukio Mishima mit vier Kampfgefährten seines paramilitärischen Schilderbundes das Hauptquartier der Selbstverteidigungsstreitkräfte betritt. Er ist mit dem befehlenden General verabredet. Der staunt nicht schlecht, als er unvermittelt von Mishimas Männern gefesselt wird. Mishima droht, General Mashita zu töten, wenn nicht sogleich die gesamten eintausend Mann der Selbstverteidigungsstreitkräfte antreten. Als dies nach einer Stunde geschehen ist, tritt der Samurai-Dichter auf den Balkon und hält eine flammende Rede, in der er dazu aufruft, die Souveränität des Kaiserreiches wiederherzustellen. Vor allem fordert er, den nach dem Zweiten Weltkrieg in die Verfassung geschriebenen Friedensartikel wieder zu streichen, wonach Japan Streitkräfte nur noch zur Selbstverteidigung besitzen darf.




Niemand kann Mishimas Rede verstehen. Viel zu groß ist der Lärm. Als er wieder ins Büro des Generals tritt, um sich nach alter Samurai-Tradition selbst zu erdolchen, mißlingt auch dies. Einer seiner Männer muß ihm den Kopf abschlagen, was auch erst beim vierten Anlauf gelingt.




Das also ist der Abgang eines der bedeutendsten Schriftsteller Japans des 20. Jahrhunderts. Daß er ein Patriot war, der sich für die Belange seiner japanischen Heimat einsetzte, hat seiner Perzeption in Deutschland nach dem Krieg geschadet. Aber auch in Japan selbst wollte man von ihm nichts mehr wissen. Zu groß war die Scham über den politisch konnotierten Freitod eines Homosexuellen.




Umso verdienstvoller ist die Neuübersetzung dieses grandiosen Romans Der Goldene Pavillon durch Ursula Gräfe. Beim Schweizer Verlag Kein & Aber erschien bereits im vergangenen Jahr Mishimas Debütroman Bekenntnisse einer Maske.




Der Goldene Pavillon ist der lebenslange Primär-Bezug des Protagonisten Mizoguchi, wichtiger als jeder andere Mensch oder sonst etwas. An ihm macht er seine Beziehung zum Leben aus, zur Geschichte, zu seiner Heimat. Der Roman hat verschiedene Ebenen. Mishima thematisiert Gegensätze wie Liebe und Haß, Treue oder Verrat, Tod und Leben oder das buddhistische Gegensatzpaar Erkenntnis und Tat. Letztlich problematisiert Mishima, der sich zutiefst in der Tradition der japanischen Kultur verwurzelt sah, die Impotenz seiner Nation nach dem verlorenen Krieg. Ein hoch aktuelles Buch in Zeiten des Erwachens ganzer Völker rund um den Erdball!

© Matthias Pierre Lubinsky 2020

Mai
25

Paul Almásy – Paris

Romy Schneider und Alain Delon, 1961
Photo © Paul Almasy / akg-images





Paul Almásy – Paris
Mit einer Einführung von Ralf Hanselle
144 Seiten mit 117 Schwarz-Weiß-Photographien.
Neuausgabe, teNeues Verlag 2020, 19,90 €.






Paul Almásy gehörte zu den großen Photo-Reportern, die die Stadt Paris in unzähligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen festhielten. teNeues veröffentlicht sein grandioses Buch über die europäische Kulturhauptstadt des 20. Jahrhunderts neu.






Paul Almásy (1906-2003) wurde in Budapest geboren und ging mit 17 Jahren zum Studium der Politischen Wissenschaften nach Deutschland und Österreich. Er wurde zunächst Journalist und schrieb Reportagen aus Rom. Um seine Artikel zu illustrieren, begann er 1935 bei einer Südamerika-Reise, Photographien anzufertigen. Dabei war der direkte Anlass dafür eher ein Zufall: Joachim Krack, Photograph der vor dem Zweiten Weltkrieg renommierten Berliner Illustrierten Zeitung, hatte dem talentierten Reporter eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, aus der einige Reportagen hervorgingen. Kurz vor einer geplanten gemeinsamen Reise nach Finnland mußte Krack wegen einer Krankheit absagen und schlug seinem schreibenden Kollegen vor, doch selbst die Bilder zu machen. So tat der das dann auch.



Avenue de l’Opéra, 1950s
Photo © Paul Almasy / akg-images




Während des Zweiten Weltkriegs produzierte Almásy  für Schweizer Zeitungen Reportagen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Nach dem Ende der deutschen Besatzung wählte er Paris als Wohnort. Von hier aus unternahm er ausgedehnte Reportage-Reisen in alle Teile der Welt. Beim Zusammenbruch des Ostblocks in den 1990er Jahren konnte Almásy von sich behaupten, in fast allen Ländern der Welt gewesen zu sein. In seiner Laufbahn hat der umtriebige Reporter insgesamt 1.560 Reportagen produziert.




Almásys Paris-Photos halten alltägliche Situationen fest. Es sind die Menschen, die den geschulten Reporter interessieren. Dabei gelingen ihm echte Schnappschüsse: So, wie sich ein Junge auf einer Treppe nach einer wartenden Prostituierten umdreht. Oder wie bei der Anlieferung von Käse in Les Halles ein Mitarbeiter auf den riesigen runden Stücken sitzt, als diese auf einem kleinen Wagen transportiert werden.



Nonnen des Ordens von St. Vincent, 1952
Photo © Paul Almasy / akg-images




Neben den berührenden Straßen- und Alltagsszenen sind auch die Portraits von Pariser Persönlichkeiten hervorzuheben. Die Aufnahmen von Alberto Giacometti, Man Ray, André Breton oder Jean Cocteau erinnern an das besondere Paris der 1950er Jahre, das längst untergegangen ist.




Es ist eine Reise zurück in die mystifizierte Vergangenheit der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als Paris wieder erwachte. Der Stil von Almásys Photos ist der eines Neugierigen, dabei nicht unfrei von Humor. Nicht zufällig ist man als Betrachter an die Werke von den großen Photographen Kertész und Robert Diosneau erinnert, die ebenfalls ihrem geliebten Paris ein Gros ihres Werkes widmeten.



Die Neuausgabe von Paul Almásys Pars-Buch ist erschienen bei teNeues

© Matthias Pierre Lubinsky 2020

Mrz
29

Ernst Jünger – 125. Geburtstag

Ernst Jüngers Werk hat die Elite Deutschlands geprägt
– teils in der Abgrenzung
Photo: DANDY-CLUB 2012. All rights reserved.



Am 29. März 2020 wäre der Schriftsteller und politische Philosoph Ernst Jünger 125 Jahre alt geworden.




Die deutschen Mainstream-Medien verschlafen dieses Jubiläum konsequent. Kein Wunder, wahrscheinlich sind alle PraktikantInnen gerade beurlaubt…



Hier eine empfehlenswerte Video-Reihe von einem kleinen, unabhängigen Kanal, Epoch Times Deutsch:



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