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Nov
30

Picasso Künstlerbücher

Douglas Cooper, Théatre, 1967, gestaltet von Pablo Picasso



Eine fulminante Ausstellung des Museums Brandhorst in München zeigt zwei Drittel aller von Picasso gestalteten oder illuustrierten Bücher:

Picasso Künstlerbücher
Museum Brandhorst, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München
25.11.2010 bis 06.03.2011
Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
09.04.20011 bis 13.06.2011

Zur Ausstellung erschien gerade das kongeniale Katalogbuch vom Hirmer Verlag:

Picasso Künstlerbücher
Werke aus der Sammlung Udo und Anette Brandhorst.
Herausgegeben von Nina Schleif und Armin Zweite, Hirmer Verlag, München 2010, 300 Seiten mit 240 teils großformatigen Farbabbildungen, Kunstdruckpapier, gebunden mit
Binde, 45 Euro.



Pierre Reverdy, Le chant des morts, 1948, Titelseite gestaltet von Picasso



Picasso ist nun fast vier Jahrzehnte tot. – Doch der Krimi seines Lebens geht weiter. Soeben melden die Nachrichtenagenturen, dass in Frankreich 271 Gemälde und Zeichnungen des spanischen Künstlers aufgetaucht sind, von deren Existenz bisher niemand etwas wusste.

Der 71-jährige Pierre Le Guennec hatte sich im Januar erstmals an Claude Picasso gewandt, Sohn und  Nachlassverwalter von Pablo Picasso. Er schickte damals laut der französischen Tageszeitung Libération mehr als 20 Photos von bisher unbekannten Picasso-Werken an ihn und bat jeweils um ein Echtheitszertifikat. Später reiste das Rentner-Ehepaar Guennec mit einem Koffer voller Bilder nach Paris, damit Claude Picasso die Werke in Augenschein nehmen konnte. Der war geschockt, wie auf einmal ein derart umfangreiches Konvolut von Werken seines Vaters auftauchen kann. Er hält die Bilder für echt.

Doch kamen ihm sofort Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Besitzes. In der Tat ist der heikel. Le Guennec gibt an, in den letzten drei Lebensjahren Picassos für den als Elektriker tätig gewesen zu sein und Alarmanlagen installiert zu haben. Dem Zeitungsbericht zufolge begründet der Sohn seine Zweifel der Rechtmäßigkeit des Besitzes vor allem damit, dass die Werke  ohne Datum sind und in dieser unvollendeten Form nie regulär das Atelier seines Vaters verlassen hätten. Zwar sei Pablo Picasso sehr großzügig gewesen. Aber jede Schenkung habe er einzeln getätigt und signiert.

So wächst das schon bisher riesige Œvre des manischen Arbeiters aus Andalusien noch weiter an. Heute geht man davon aus, dass sein Werk mehr als 10.000 Gemälde umfasst, 3.200 Keramiken, 7.000 Zeichnungen und 1.200 Skulpturen. Die Vielfalt von Stilen und Materialien wird häufig als Indiz seiner Genialität interpretiert. Picasso nutzte die verschiedenen künstlerischen Formen zu unterschiedlichem, je spezifischem Ausdruck. Seine Gemälde werden als bewusst-flüchtig angesehen; seine Zeichnungen dagegen als pointiert perfektionistisch und genialisch-asketisch.

Eine bislang wenig beachtete Stilform sind Picassos Buchgestaltungen, denen sich nun eine große Ausstellung im Münchner Museum Brandhorst widmet. Die unglaubliche Sammlung von Udo und Anette Brandhorst umfasst gut zwei Drittel der im Werkverzeichnis aufgelisteten über 150 Bücher. Es ist die größte Sammlung von Künstlerbüchern Picassos überhaupt, die im Jahr 2003 dem Freistaat Bayern geschenkt wurde.


Georges Louis Leclerc, comte de Buffon, Histoire naturelle, 1942,
Illustrationen von Picasso




Einen Begriff für diese von Picasso gestalteten Bücher zu finden ist nicht leicht. Denn man weiß heute nicht, ob er die Texte, zu denen er Zeichnungen beisteuerte, überhaupt gelesen hat oder wenigstens teilweise kannte. Dies ist nur bei einigen Büchern überliefert, wo der Verleger ihm den Text schickte und der Leser Picasso sich erst nach der Lektüre zur Mitarbeit entschloss.  Künstlerisch herausragende Ergebnisse erbrachte die Zusammenarbeit mit Ilia Zdanevič, der sich selbst nur Iliazd nannte. In dem kongenialen Katalogbuch wird er zurecht als ‚Bucharchitekt‘ bezeichnet. Der Avantgardist georgischer Abstammung gilt als der forderndste und bestimmendste aller Verleger Picassos. Doch der sonst egomanische Picasso akzeptierte das und sah darin eine Freundschaft auf Augenhöhe. Aus ihr resultieren neun Bücher aus der Zeit zwischen 1940 und 1972. Die Auflagen von Iliazds Picasso-Büchern waren niedrig. Sie schwankten in der Regel zwischen 50 und 75 Exemplaren und sorgten schon daher für entsprechende Bibliophilität. Hinzu kam eine außergewöhnliche Gestaltung in einer Pergamenthülle. Text und Illustrationen korrespondieren in einer Art, die für den  Betrachter zum Erlebnis werden. Aus dem Akt des Lesens wird ein ästhetischer Gesamtakt. Der Betrachter/ Leser soll zum Seher im Rimbaud‘schen Sinne werden. Nina Schleif schreibt in ihrem Beitrag: »Er [der Leser] soll fühlen und sehen, soll sich des Objektes vor ihm und seines Umgangs mit ihm ganz bewusst werden, ja, der ganze schwelgerische Aufwand wird allein zu dem Zweck betrieben, des Lesers Begegnung mit dem Buch zu verlängern und zu zelebrieren.« Gern liest der Biblioman im Computerzeitalter, dass Iliazd bekannt dafür war, Wochen mit der Suche nach dem geeigneten Papier zuzubringen.

Über den Katalog aus dem Münchner Hirmer Verlag ist man geneigt, beinahe Ähnliches zu sagen. Das häufig benutzte Wort ‚kongenial‘ scheint hier recht am Platz. Das schwere Buch dokumentiert die ausgestellten Bücher in Photos voller Plastizität, die die Papierqualität der Objekte fühlbar werden lässt. Eine Reihe intelligenter und lehrreicher Texte kommt nonchalant daher und macht Freude beim Lesen. Nina Schleif, die Kuratorin der brillanten Ausstellung, gibt ein »Porträt des Autors«, einen Einblick in Picasso als Bücher-Macher. Armin Zweite, der Direktor der Sammlung Brandhorst, stellt Picassos Buchgraphik in den Zusammenhang seines Gesamtwerks. Der Leser bekommt ein Gefühl von Picassos Getriebensein spätetens seit den 1960-er Jahren. Der damals bereits sehr erfolgreiche Künstler hatte ein besonderes Interesse an den Büchern, obwohl sie doch von ihm höchste Präzision forderten: Radierung, Kaltnadel und Aquatinta brauchten hohe Konzentration. Picassos Spontanietät und Schnelligkeit waren hier eher hinderlich.

Ausstellung und Katalogbuch befassen sich mit einem Teil vom riesigen Gesamtwerk des angesehensten Künstlers des 20. Jahrhunderts, der bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit zugekommen ist. Eine große Lücke wurde so geschlossen. Das der Ausstellung und Sammlung kongeniale Katalogbuch ist für sich selbst eine kleine Kostbarkeit, die in Umfang, graphischer Gestaltung und Verarbeitung wohl zu den besten Kunstbüchern des Jahres 2010 zählt.


Die Ausstellung im Museum Brandhorst in München



Das Museum Brandhorst zelebriert die Künstlerbücher Picassos




1 Kommentar

  1. Weihnachtsgeschenke » Dandy Club sagt:

    […] Picasso Künstlerbücher […]

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