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Mrz
31

Ernst Jünger – Eine Bilanz

Der stattliche Tagungsband setzt einen Meilenstein in der Jünger-Perzeption

 

 

Zwischen dem 10. und dem 14. Juni 2009 fand in Polen ein internationales Symposium über Ernst Jünger statt. Über 50 Wissenschaftler und Kenner des Werkes des 1998 im Alter von 102 Jahren verstorbenen Ausnahmeschriftstellers kamen an der Universität von Breslau zusammen. Nun ist der über 500 Seiten starke Tagungsband erschienen.

 

Als am 20. Januar 1998 der Sarg von Ernst Jünger ins Grab gelassen wird, ist der kirchliche Friedhof von Wilflingen von beinahe enthusiastischer Stimmung erfüllt. In den Tagen zuvor war des Wetter der Jahreszeit entsprechend: Es war kalt und nass. Nun, in diesem denkwürdigen Moment im Leben der meisten Anwesenden, schien die Sonne. Es waren Frühlingstemperaturen, der Himmel strahlendblau – und das Erstaunlichste: Symbolhaft gaben sich über dem Grab die Insekten ein Stelldichein.

 

Kein Wunder. Schließlich war es doch einer ihrer intensivsten Erforscher, dessen Leichnam hier herabgesenkt wurde.

 

So könnte man das gesamte Leben des deutschen Jahrhundert-Diaristen beschreiben. Es war ein einziger Grenzgang. Stets auf der Suche nach dem Rand des körperlich und geistig Erfahrbaren. Eine außergewöhnliche Konferenz im polnischen Wroclaw/ Breslau im Juni 2009 machte sich auf die Suche nach einer Art Bilanz: Was könnte heute, ein gutes Jahrzehnt nach dem Tod des Ausnahmeschriftstellers »eine repräsentative Zusammenschau zu dessen Platz und Gewicht« sein?

 

Die Tagung war ursprünglich auf zwei Tage angelegt, wurde wegen des großen Interesses von Wissenschaftlern und anderen Kennern des Werkes jedoch auf vier Tage ausgeweitet. Entstanden ist ein erstaunliches Panorama an Forschungsstand und internationaler Perzeption Jüngers. Zusammengefasst lässt sich vielleicht sagen, dass der Terminus des ‚Umstrittenseins‘ Jüngers, den die Herausgeber des über 500-seitigen Tagungsbandes noch bescheiden-vorsichtig im Editorial führen, spätestens mit diesem Band auch erledigt ist.

 

Jüngers Werk ist zu tief, zu umfang- und facettenreich, um es derart abfrühstücken zu können. Pars pro toto sei der äußerst lesenswerte Beitrag des Engelforschers Uwe Wolff herbeizitiert. Wolff unternimmt eine »theologische Deutung« von Jüngers Erzählung Auf den Marmorklippen, die zu einem beeindruckenden Sub-Kommentar der kaum verständlichen Schrift wird: »Der berühmte Schutzengelpsalm spricht von der Wirkung des Glaubens. Wer mit Engeln geht, der wird ohne Furcht durch die Zone der Todesgefahr schreiten. Ernst Jünger zitiert diese ‚Kraft auf Skorpione zu treten‘ nach dem lateinischen Text der Vulgata.« Wolffs Ausführungen machen deutlich, dass sich die spirituelle Dimension von Jünger wenig dazu eignet, politisch ausgeschlachtet zu werden.

 

Die beeindruckende Tagung brachte diesen beeindruckenden Band hervor, der sämtliche Beiträge dokumentiert. Zurückzuführen ist er auf eine Initiative des 1955 geborenen polnischen Germanisten Wojciech Kunicki. Er stattete 1989 den Hamburger Wissenschaftlern Harro Segeberg, Ulrich Baron und Hans-Harald Müller einen Besuch ab, um, wie es Müller beschreibt, mit ihnen »über Ernst Jünger zu diskutieren«. Alle haben mittlerweile über Jünger publiziert.

 

Alle anderthalb Dutzend Beiträge können hier nicht vorgestellt, noch nicht einmal erwähnt werden. Bedeutend aufgrund seiner Aktualität scheint Segebergs Einbettung des Jüngerschen Werkes in die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts. Ob Leni Riefenstahl oder George W. Bush. Jünger erkannte früh, dass in der Moderne als technischem Zeitalter die mediale Manipulation der Massen dem Handeln vorausgeht. Interessant auch, dass Jüngers zentrales Werk Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt (1932) zu einem immer größeren Forschungsgegenstand zu werden scheint. Vorbei die Zeiten, als dieses Theoriebuch als Ausweis von Jüngers Faschismus diente. Michael Jaeger (Berlin) sieht als zentrale Aussage des Arbeiters, dessen Übersetzung ins Italienische Jünger durch Julius Evola ablehnte, die Opposition einer technisch-industriellen zweiten Schöpfung gegen die überlieferte Kultur. Aber Jünger war eben nicht nur Nationalist, Soldat, Krieger. Er sah und suchte tiefer: »Als ästhetisierender Flaneur nämlich, als Spaziergänger den rasenden deutschen Kampfverbänden in zweiter Reihe nachfolgend und mithin isoliert von der Arbeits- und Kriegsbewegung, studiert Jünger auf dem verlassenen Kampfplatz die surreale Szenerie der verletzten und zerstörten bürgerlichen Kultur«, resümiert Jaeger.

 

Die persönliche Einsamkeit Ernst Jüngers wird greifbar in Silvia Peuckerts Schilderung einer Ägyptenreise. Gekonnt konfrontiert die Autorin Schilderungen der Initiatorin der Fahrt, Emma Brunner-Traut, mit Jüngers Veröffentlichungen. So wird deutlich, dass der Schriftsteller mit seiner Suche, Neugierde und Wahrnehmung ein Leben lang Außenstehender blieb. Jünger war auf seiner eigenen Suche, – nach einer universellen Ordnung – und hatte wenig Sinn für bürgerliche Gespräche mit den Reisenden über ihre Sichtweise des alten Ägypten. In seinen Reisenotizen hält der Solitär fest: »Gedanken über diese Exkursion. Eigentlich von Anfang an das Gefühl, Fremdling hier zu sein: in der Schule, beim Heere, den Wissenschaften, der gesellschaftlichen Welt. Ich kam und komme von außen; das entsetzliche Gefühl der Heimatlosigkeit.«


Weitere Beiträge von Vincent Blok, Natalia Zarska, Ralph-Rainer Wuthenow, Jan Robert Weber, Jörg Sader, Helmuth Kiesel und vielen anderen. Ein außerordentlicher Tagungsband, für dessen Publikation man durchaus dankbar sein kann. Empfohlen sei er all denjenigen, die tiefer blicken möchten. Die neben dem Alltagsgeschäft kontemplativ in andere intellektuelle Schichten vordringen wollen.

 

©  2010 Matthias Pierre Lubinsky. All rights reserved.


Natalia Zarska, Gerald Diesener, Wojciech Kunicki (Hg.): Ernst Jünger – eine Bilanz. Leipziger Universitätsverlag 2010, 544 Seiten, Halbleinen, 99 Euro.


Hier geht es zum Programm der Tagung:
http://www.ifg.uni.wroc.pl/konf/junger/programKonfErnstJuenger.pdf

 

 

 

2 Kommentare

  1. Simon Friedrich sagt:

    Sometimes the best insights and exchanges on Ernst Juenger happen outside of the academic world, which tends to lag behind.

    To discuss the anarch, visit my site:

    ernst-juenger.org

    Simon Fr

  2. Matthias Pierre Lubinsky sagt:

    You are right, in our opinion! A great example is 'Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht' to see that at the moment a new perception of Jüngers Pholosophy happens. But not yet from University…

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