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Mrz
01

Nackte Distanz

Das Katalog-Buch zur Giacometti-Ausstellung in Duisburg


Die bedeutende Ausstellung Alberto Giacometti – Die Frau auf dem Wagen im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum läuft noch bis zum 18. April 2010.

Aus ihrem Anlass besprechen wir das bibliophile Katalog-Buch aus dem Münchner Hirmer Verlag.

Die Bedeutung der Werke von Alberto Giacometti scheint ungeheuer groß. Dies wird immer stärker bewusst. Kaum ein Künstler vermochte es, Präsenz und Distanz so eindringlich und dabei so gleichzeitig darzustellen, zu er-schaffen.
Die Präsenz ist Präsenz nur in der Distanz. Und die vom Betrachter wahrgenommene Distanz scheint absolut. Unüberwindbar. Maurice Blanchot schrieb: »Giacomettis Gabe, an der er uns teilhaben lässt, besteht darin, im Raum der Welt ein unendliches Intervall zu öffnen, von dem aus sich Präsenz ereignet – für uns, aber gleichsam ohne uns.
Die Crux, in die der Betrachter im logischen Moment seiner Begegnung gezogen wird: Distanz und Präsenz unterscheiden sich in nichts. Sie sind vollkommen identisch – und verweisen somit sogleich auf ein höheres Anderes. Welche Nähe kann ICH zu dem Ding erreichen? Welche Nähe haben wir zu anderen Menschen!
Die Distanz ist ohne Vergangenheit.
Die Frau auf dem Wagen (Femme au chariot), die Giacometti in verschiedenen Variationen schuf, scheint ein Gipfelpunkt dieser Sublimierung. Die Skulptur von 1942/ 43 ist eine annähernd lebensgroße, nackte Gipsfigur. Die statuarische Frontalität – mit angelegten Armen und eng verbundenen Beinen – verleiht ihr das Antlitz eines Kultbildes. Dabei hat sie Göttliches, zugleich Verletzliches. Ihr Gesicht bricht auch dies wiederum und scheint eher von zeitloser Immanenz zu zeugen. Der massige Würfel hebt sie ab, gibt ihr Stand, distanziert vom Beobachter und gibt ihr selbst zugleich Grazie aufgrund des Massenunterschiedes zu ihrer Grazilität. Paradox: Der massige Würfelsockel bettet in einem flachen, fast fragil wirkenden Holzwagen. Er widerspricht einem festen Standpunkt, den der Massewürfel doch bevorzugt. Ironie? Wird unser Interpretieren- und Wissenwollen hier ironisch gebrochen? Giacometti selbst hat auf Nachfragen von Galeristen nicht blicken lassen. Er berief sich auf einen Medikamentenwagen im Krankenhaus, der ihn dazu inspiriert hätte. Heute weiß man, dass es zu der Zeit, als er im betreffenden Hospital war, dort keinen solchen Medikamentenwagen mit Rädern gegeben hat.
Eine Ausstellung im Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg (31.01. bis 18.04.2010) zeigt nicht nur dieses Meisterwerk, das für den Künstler den Durchbruch darstellte, sondern darüber hinaus weitere Skulpturen, ergänzende Studien, Skizzen, Zeichnungen und Photos. Aufgrund ihrer Zusammenschau eine außergewöhnliche Ausstellung.

Ermöglicht worden ist sie durch eine ganze Reihe von – für das kleine Museum – glücklichen Fügungen. Die erste war nach Aussage von Christoph Brockhaus, dem Direktor der Stiftung, im Nachhinein, dass Lothar Günther Buchheim 1986 seine Zusage zurückzog, seine umfangreiche Expressionismus-Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Jedoch hatte die Stadt eigens dafür das Museum architektonisch verdoppelt. Zu dem nun vorhandenen Raum kam noch eine Spende der Peter-Klöckner-Stiftung in Höhe von zwei Millionen Mark. Die dritte Fügung war, dass Giacomettis lebensgroße Femme au chariot aus der Privatsammlung des Arztes ihres Schöpfers auf den freien Kunstmarkt gekommen war und somit vom Museum erworben werden konnte.

Das die Ausstellung begleitende Katalog-Buch erfüllt seine Aufgabe kongenial: Es präsentiert nicht nur sämtliche Werke der Ausstellung, sondern dokumentiert zum ersten Mal die Entstehungsgeschichte der Skulptur. Dazu gehören bislang unveröffentlichte Werkgruppen und Erläuterungstexte von internationalen Kunstwissenschaftlern. Zwei Klapptafeln, 150 Farbabbildungen und 80 in Schwarz-Weiß lassen das sehr ästhetische Buch schon jetzt zu einem Sammlerobjekt werden.

Alberto Giacometti: Die Frau auf dem Wagen. Triumph und Tod. Hg. von Gottlieb Leinz und Véronique Wiesinger, Katalog zur Ausstellung im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg.  224 Seiten, inklusive einer CD mit englischen Übersetzungen der Texte, München, Hirmer Verlag, 2010.


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