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Jul
08

Keynes begann als Dandy

Spiegel online und ein neues Spiegel spezial lassen den britichen Wirtschaftswissenschaftler und liberalen Ordnungsdenker John Maynard Keynes hochleben. Exakt 80 Jahre nach dem großen Crash an der Wallstreet lobt der Spiegel Keynes als Propheten, der bedeutende historische Entwicklungen vorausgesehen habe.

„Keynes Karriere begann nicht als Ökonom, sondern als Dandy im Umkreis Londoner Literaten“, schreibt das Nachrichtenmagazin. „Im Stadtteil Bloomsbury trafen er und einige Freunde sich vor dem Ersten Weltkrieg im Haus der Geschwister Virginia und Vanessa Stephen – erstere sollte als Virginia Woolf eine weltberühmte Schriftstellerin werden. Die Bloomsbury-Gruppe führte das Leben einer intellektuellen Boheme. Auf der Suche nach dem Guten im Leben teilte man literarische, künstlerische, auch politische Interessen – und pflegte nebenbei einen provozierend offenen sexuellen Umgang, in alle Richtungen (...)

Der Leser erfährt den Werdegang eines werdenden Dandys: „Keynes durchlief die typische Elite-Ausbildung: Eton School, dann das renommierte King’s College in Cambridge, wo er Mathematik, klassische Philologie und etwas Wirtschaft studierte, bei dem berühmten Ökonomen Alfred Marshall.“ Wir erinnern uns an die Studien des Urdandys Beau Brummell und Oscar Wilde (nach Eton Oxford).

Der Spiegel weiter: „Bereits 1911 avancierte der erst 28-Jährige zum Herausgeber des „Economic Journal“, einer der weltweit führenden Fachzeitschriften. Dann kam 1914 der Erste Weltkrieg – und ausgerechnet der erklärte Pazifist Keynes wurde im Schatzamt zuständig für Kriegsfinanzierung (…) Nach der deutschen Kapitulation im November entsandte das Finanzministerium Keynes zu den Friedensverhandlungen nach Versailles. Sehr schnell verlor er dort die Illusion, dass es zu einem gerechten oder doch zu einem wirtschaftlich vernünftigen Frieden kommen würde. Und er zog die Konsequenz: Keynes quittierte den Job. Er zog sich in das Landhaus von Freunden zurück und schrieb im Sommer 1919 ein gnadenloses, dabei brillantes Pamphlet mit dem Titel ‚Die ökonomischen Konsequenzen des Friedens‘. Das Buch erschien noch 1919 – und machte Keynes schlagartig berühmt.

Fasziniert verschlangen Leser auf der ganzen Welt das Büchlein, das unübersehbare fachliche Souveränität mit einem eleganten, manchmal empörend herablassenden Stil verband. Im klaren Licht der Keynes’schen Analyse wurde US-Präsident Woodrow Wilson als ein mit der ‚Moral eines protestantischen Geistlichen‘ ausgestatteter, ‚unerfahrener Tor‘ geschildert, der zwar ‚von edlen Absichten beseelt‘, aber ‚ohne Geisteskraft‘ sei (…) Inhaltlich legte Keynes‘ Abhandlung glasklar dar, warum der Frieden scheitern musste: Deutschland, so der Autor, werde die auferlegten Reparationen nur aufbringen können, ‚wenn es seine Einfuhr vermindert und seine Ausfuhr vermehrt und dadurch einen Überschuss erhält, der für Zahlungen an das Ausland verfügbar ist‘. Eine Senkung deutscher Importe war praktisch nur zu Lasten der europäischen Nachbarn möglich, die aber wirtschaftlich auf ihre Exporte nach Deutschland angewiesen waren. Eine Erhöhung der deutschen Exporte wiederum setzte voraus, dass andere Länder die deutsche Waren auch verstärkt abnahmen, also billige deutsche Waren in Milliardenhöhe eigene Produkte wegkonkurrieren ließen (…)

In den zwanziger und dreißiger Jahren pendelte Keynes geschäftig zwischen Cambridge, London und seinem Landsitz Tilton in der Grafschaft Sussex. Er reduzierte seine Lehrverpflichtungen, gewann als Spekulant Millionen an der Börse, war ein gesuchter Ratgeber und Redner sowie ein gefürchteter Publizist. Er fehlte selten bei gesellschaftlichen Anlässen, sammelte eifrig Bilder und Bücher, förderte das Theater wie die Künste – und heiratete 1925 zum Erstaunen nicht nur seiner männlichen Freunde die russische Ballerina Lydia Lopokowa. Wie nebenher veröffentlichte Keynes brillante Studien zur Geldtheorie wie den ‚Tract on Monetary Reform‘ (1923) und ‚Treatise on Money‘ (1930). Im ‚Tract‘ findet sich das wohl bekannteste aller Keynes-Zitate: ‚Langfristig sind wir alle tot‘ (…) Keynes hielt (…) eine Lobrede auf die Verschwendung: ‚Private Laster‘ verwandelten sich in ‚öffentliche Wohltaten‘, so sein Gegenentwurf – denn der Wohlstand eines Landes beruhe nicht auf Sparsamkeit, sondern auf Konsum. Hier zog der Wissenschaftler Keynes nutzen aus der Lebenserfahrung des Privatmannes Keynes, indem er zeigte: Die Lösung liegt nicht in den sterilen viktorianischen Tugendpredigten – sondern im guten Leben der Boheme von Bloomsbury.“

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/4475/der_prophet_von_cambridge.html