Wie frei sind wir noch?

Freiheit setzt Bewusstsein voraus: Wie frei wollen wir sein?
© Photo: DANDY-CLUB 2010

 

 

Als der frisch gekürte FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Rainer Brüderle, in einer Talkshow angegangen wurde, weil seine Partei die Finanzmärkte nicht regulieren würde, beeilte der Politiker sich, zu rechtfertigen: Die FDP sei die erste Partei gewesen, die für eine strikte Regulierung des Bankensektors eingetreten sei.

Das ist symptomatisch für eine Diskussion in Deutschland. Denn die Diskussionen sind durch zwei wesentliche Faktoren gekennzeichnet. Erstens ihre Aufgeregtheit. Und zweitens sind dennoch alle einer Meinung. Mehr oder weniger. Dies erstaunt in Deutschland niemanden. Da muss schon ein Schweizer kommen und den Exportmeister zu mehr Gelassenheit auffordern. Dabei ist Philipp Tingler gebürtiger Berliner und ging – aus Neigung wie er sagt – in die Schweiz. Ins politisch-soziale Exil sozusagen. Jedenfalls lassen sich die Dinge von hier aus sicher deutlicher sehen.

Mitten in die aufgeregten Debatten schneit sein kleiner Essay mit dem provokanten Titel Wie frei sind wir noch? – Eine Streitschrift für den Liberalismus. In drei Kapiteln versucht Tingler, der die süffisanten und humorvollen Stil-Ratgeber  Stil zeigen und Leichter Reisen verfasste, eine Bestandsaufnahme und anschließend Tipps zur Abhilfe zu geben. »Die meisten der selbsternannten Kreuzritter gegen einen vermeintlichen Neoliberalismus wissen gar nicht, was Liberalismus überhaupt bedeutet«, schreibt der Wahl-Schweizer und gibt den Deutschjen ein wenig Nachhilfe: »Der Liberalismus ist die politische Philosophie des freien Individuums, eine Philosophie der rechtlichen Freiheit und der politischen Institutionen der Freiheitsverwirklichung.« Schlechte Karten, denkt der geneigte Leser. Gibt es doch genügend (vorgeschobene oder veröffentlichte) Gründe für Freiheitsbeschränkungen. Die Verkehrs-Geschwindigkeit müsse begrenzt werden, wegen der vielen Verunglückten. Das Internet muss zensiert werden wegen der Kinder-Pornographie &C. &C. Politiker, die sich für Freiheitsbeschränkungen einsetzen, ernten in den deutschen Talkshows den meisten Applaus. Gewählt werden sie auch.

Philipp Tingler weist in seinem kleinen Büchlein nach, dass Freiheitsdenken in Deutschland ebene keine Tradition hat. Anders in den angelsächsischen Ländern. Sie haben eine tiefere demokratische Tradition. Und sie haben noch eine andere Eigenschaft, die sie gerade von Deutschland deutlich unterscheidet: Humor. Der Autor konstatiert, dass politische Debatten in Deutschland häufig von Tabus und Denkverboten gekennzeichnet seien. Doch einen noch größeren Mangel sieht er in der grundsätzlichen Humorlosigkeit der Auseinandersetzung. Humor werde in Deutschland »vor allem materiell, also inhaltlich verstanden, er gilt als Beruf, als ein Fach; nicht als Haltung, nicht als Form des Auftritts und Ausdrucks, wie in der angelsächsischen Sphäre«.

Treffend zieht Tingler den Schluss, politische Debatten würden wesentlich entspannter laufen, wenn alle Beteiligten ein gewisses Maß an Humor hätten. Und dazu gehört eben auch Selbstironie, die voraussetzt, sich selbst infrage stellen zu können und einen Abstand zu sich selbst zu haben. Damit können eigene Positionen immer wieder selbstkritisch reflektiert werden.

Eine Lanze bricht Tingler für die Sokratsche Ironie: Schließlich gehe es letztlich um nichts anderes als eine Vermittlung zwischen den Sphären des Lebens und des Geistes. Dafür wäre die »konservative Tugend der Gelassenheit« sehr hilfreich: »Gelassenheit ist kein Loslassen, kein passives Erdulden, sondern eine Form der Tüchtigkeit und Lebenstüchtigkeit, die Bejahung der Schicksalsvorgaben und des individuellen Freiheitsanspruchs.«

 

Philipp Tingler, Wie frei sind wir noch? Eine Streitschrift für den Liberalismus. Kein & Aber Verlag 2013, 79 Seiten, broschur, 7,90 Euro.