Hermann Burger zum 70. Geburtstag

Édouard Manet, Suizid, 1877

 

 

In ihrer herausragenden Biographie schreibt Claudia Storz über den Schweizer Schriftsteller Hermann Burger:

»Aus der chronologischen Abfolge von Burgers Buchtiteln läßt sich ein Ringen um Leben und Sterben ablesen: Mit den Rauchsignalen hat er zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht, Schilten und Diabelli bauen den Ruf des melancholischen Wortmagiers auf. Die Künstliche Mutter offenbart Starrheit in seiner Kindheit und Künstlichkeit als selbstgefundenes Therapiekonzept. Mit dem Schuß auf die Kanzel bäumt er sich auf und schießt zurück. Mit dem Tractatus logico-suicidalis glaubte er noch, den Suizid durch Worte abwehren zu können. Für Die Scheintoten gibt es bereits keine Hoffnung mehr. Und in Brenner verglimmt Leben und Kraft.«

Hermann Burger, ein Leben lang Verzweifelter, Suchender, Sprach-Perfektionist, unterhielt auf der Frankfurter Buchmesse Helmut Kohl mit Zauberkunststückchen, schickte dem unerbärmlichen Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen, Marcel Reich-Ranicki, ein goldgeprägtes Kistchen mit edlen Zigarren ins Haus und zeigte damit, welch PR-Talent in ihm steckt. Er liebte blonde Frauen wie rote Ferraris; war Lebenskünstler wie am Leben Verzweifelnder.

Heute vor 70 Jahren wurde das literarische Ausnahme-Genie im Schweizerischen Menziken geboren. Eine Würdigung.

Hermann Burger verbrachte seine Kindheit in  gutbürgerlichem Haus. Schon früh zeigte sich ein großes künstlerisches Talent im gesamten Musischen. Der Junge war nicht nur musikalisch begabt, sondern auch Im Malerischen. Burger studierte zunächst Architektur, später Germanistik, Kunstgeschichte und Pädagogik. Ab 1975 war er Privatdozent an der ETH Zürich.

Hermann Burgers Erzählungen sind getragen von besonders gewissenhaften Recherchen. Seine Figuren sind alter egos: Die synästhetischen Figuren suchen ihre Wahrnehmung des Lebens dem Leser mitzuteilen. Dies tun sie sprachlich liebevoll und virtuos. Dabei entsteht das Gefühl, sie könnten permanent am Leben scheitern. So hat sich Hermann Burger beim Schreiben literarisch vervielfacht: Seine Protagonisten teilen sein Schicksal des (verkannten) Einzelgänger(-Genies), das so talentiert wie sensibel von der Umwelt nicht wahrgenommen werden will.

Seinen 1988 erschienenen Diskurs über die Selbsttötung Tractatus logico-suicidales eröffnet der zum Suizid Hingezogene mit der Aussage

Es gibt keinen natürlichen Tod.

Das Buch enthält 1046 Nummern, die jeweils eine Aussage zum Kontext des Freitodes formulieren. Im Ausmaß seiner seelischen Sprengkraft ist es vergleichbar mit Jean Amérys Der Weg ins Freie. Burgers Leben ist ein Weg in die eigene Mystifizierung. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Ästhetizismus versus Depression.

1042 Der Mensch gehört niemandem als sich selbst, er hat jederzeit das Recht, sich selbst zu richten.

1043 Der Suizid ist eine zum Erbleichen exzessive Handlung.

1044 Ich sterbe, also bin ich.

1045 Was zu beweisen war.

1046 Finis.

Am 28.Februar 1989 setzte Hermann Burger seinem Leben ein Ende.

Eine schöne Geschichte über Hermann Burger oder
Warum es lohnt, sich das Kindliche zu erhalten.