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Mrz
06

Dodo

Dodo, Der Held für die Zeitschrift Ulk, 1928
Wasserfarben, Grafit, 39,5 x 30 cm
Leihgabe Privatsammlung Hamburg

 

 

 

Dodo (1907-1998). Ein Leben in Bildern. Ausstellung der Kunstbibliothek Berlin 1. März – 28. Mai 2012.

Katalog: Dodo – Leben und Werk, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, 216 Seiten mit 185 teils ganzseitigen Abbildungen, Deutsch und Englisch, Euro 39,80.


Die Wiederentdeckung der in Berlin geborenen Künstlerin Dodo (1907-1998) ist einer wundersamen Begegnung zu verdanken. Und dem Umstand, dass die Sammlerin, der sie widerfuhr, nicht locker ließ.

Die Sammlerin Renate Krümmer entdeckt bei einer Auktion in England Dodos Bild Wedding auf dem Dachgarten, eine farblich grelle Caféhaus-Szene, die sie sofort Berlin in den 1920er-Jahren zuordnet. Die Szene ist intelligent komponiert: Die Caféhaus-Besucher sind durch eine Blumengirlande ein wenig vom Betrachter distanziert, sie sind farbenfroh und auffallend gekleidet. Mondänität und Blasiertheit geben sich die Hand. Das Werk ist von großer Meisterschaft, und es ist nicht das einzige dieser Art. Dodo (eigentlich Dörte Clara Wolff) arbeitet nach einer Ausbildung an der renommierten Kunstgewerbeschule Reimann in ihrem Heimatbezirk Berlin-Schöneberg von 1927 bis 1929 für ULK, das Illustrierte Wochenblatt für Humor und Satire, einer Beilage des von Rudolf Mosse herausgegebenen  Berliner Tageblatts. Mit der Wirtschaftskrise brach diese Tätigkeit abrupt ab.

Wie kaum ein anderer Künstler verstand es Dodo, die Lebenswelt der gehobenen Berliner Gesellschaftsschicht einerseits treffend – andererseits mit Ironie und beißender Verve darzustellen. Die Männer auf ihren Zeichnungen sind meist völlig entrückt und nehmen weder am Geschehen Teil, noch haben sie Nähe zu ihren Frauen, die sie wohl nur als hübsches Accessoire betrachten. In ihren Bildern sind viele Facetten enthalten, die damaligen Betrachtern vielleicht gar nicht aufgefallen sind. Denn das liberale Berliner Tageblatt hatte in Spitzenzeiten immerhin eine Auflage zwischen 250.000 und 300.000 Exemplaren. Die Zeichnungen von Dodo waren also durchaus stilprägend und einflussreich.

Die wohlfeile Ausstellung in der Berliner Kunstbibliothek und das begleitende exquisite Katalogbuch präsentieren zum ersten Mal einen Überblick über das Œuvre der jüdischen Künstlerin, das grob in drei Phasen eingeteilt werden kann. Die frühen Zeichnungen aus Dodos Ausbildungszeit wie auch die ersten Auftragsarbeiten zeugen von Talent und einer soliden Ausbildung. Der absolute Höhepunkt ihrer Kunst ist durch die ULK-Zeichnungen markiert, deren Niveau ihre Werke danach nicht mehr erreichen sollten. Ungefähr parallel zur Machtergreifung der Nazis wurde ihr Stil ernster, die Striche wurden härter, die Farben wurden zurückhaltender eingesetzt. Dodo emigrierte dann im April 1936 nach London. Besonders deutlich sind in den Arbeiten ab den 1930er-Jahren die persönlichen Schicksalsschläge – vor allem die unglücklichen Lieben – zu erkennen.

Dodo war eine sensible, artifizielle Persönlichkeit, die mit dem gewöhnlichen bürgerlichen Dasein ihre Schwierigkeiten hatte. Nicht nur ihre Dreierbeziehung erinnert an andere Berliner Künstler aus dieser Zeit wie Trude Fleischmann oder Franz Hessel.

Eine Anekdote aus einem der fulminanten Texte des gelungenen Kataloges aus dem Hatje Cantz Verlag zeigt uns eine emotionale Frau, die sich ihrer Entscheidungen nicht immer sicher war. Im Sommer 1928 beschloss Dodo zu heiraten. Sie hatte seit einiger Zeit eine Liebesbeziehung zu dem 20 Jahre älteren erfolgreichen Anwalt Hans Bürgner. Der weilte gerade mit seiner Schwester in Italien. Spontan schrieb sie ihm nachts einen Brief mit einem Ultimatum. Damit es sie sich nicht anders überlegt, ging sie sofort zum Briefkasten – sie hatte nur Zeit, sich auf ihren nackten Körper ihren Mantel überzuwerfen – und warf den Brief ein.

Ausstellung und Katalog sind eine verdiente posthume Hommage an eine großartige Künstlerin, deren Kunst durch die politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse abrupt einen Schlag versetzt bekam. Welchen Namen hätte Dodo heute in der Kunstgeschichte ohne die Nazis?

 

 

 

Dodo, Wedding auf dem Dachgarten für die Zeitschrift Ulk, 1929
Wasserfarben, Grafit, 60 x 40 cm
Leihgabe Privatsammlung Hamburg

 

 

 

Dodo, In der Loge für die Zeitschrift Ulk, 1929
Wasserfarben, Grafit, 40 x 30 cm
Leihgabe Privatsammlung Hamburg

 

 

Dodo, Werbepostkarte, um 1927
Buchdruck, 14,9 x 10 cm
Leihgabe Dodo Estate, Athen

 

 

 

Unbekannter Photograph, Porträtfotografie Dodo, um 1928
Silbergelatineprint, 19,8 x 14,2 cm
Leihgabe Dodo Estate, Athen

 

 

Kunstbibliothek
Do 1. März – Mo 28. Mai 2012

Dodo (1907-1998) – ein Leben in Bildern

Kunstbibliothek
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