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Dez
16

Dandy der Tat

In Italien sind der stürmische Dandy-Dichter d’Annunzio und seine Lieben nicht vergessen. Veranstaltungsplakat von 2008

Der Spiegel
macht vor, wie das Web2.0 funktioniert – und stellt bedeutende Teile seines Archives kostenlos ins Netz. So fanden wir die Rezesnsion aus 1956 der Doppelbiographie über Gabriele d’Annunzio und Eleonora Duse von der US-Amerikanerin Frances Winwar hier:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43064650.html

“ (…) Die als Biographin der romantischen Dichter Lord Byron, Dante Gabriel Rossetti und des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman bekannte Autorin veröffentlichte jetzt, nach jahrelangen Studien, die erste umfassende Biographie des vor achtzehn Jahren verstorbenen Dichters.

In Abwandlung des Namens der „geflügelten Siegesgöttin“, der Nike von Samothrake, nennt die in Italien geborene Winwar ihr Buch „Wingless Victory“* (Flügelloser Sieg). Es ist eine Doppelbiographie, in der auch das Leben der großen Schauspielerin Eleonora Duse erzählt wird, die lange Jahre d’Annunzios Geliebte war (…)
Der d’Annunzio-Biographin sind aus dem Nachlaß des Dichters Dokumente und Briefe zugänglich geworden, die endlich das ungewöhnliche Leben dieses wort- und schönheitstrunkenen Rhapsoden der Machtphilosophie aufhellen, der als politischer Abenteurer und unersättlicher Frauenheld nicht weniger berühmt war. An die 3000 Verehrerinnen will die Biographin d’Annunzios gezählt haben, mit denen der Dichter mehr oder weniger flüchtige Begegnungen gehabt haben soll – eine Zahl, die der Autorin nach ihren Worten eine ‚Art von Widerwillen‘ eingeflößt hat.
Die Autorin kommt zu dem Schluß, daß Gabriele d’Annunzio selbst ein ‚Genie der Seelenanalyse‘ war, nämlich seiner eigenen. Er konnte über nichts schreiben, was er nicht erlebt hatte; er mußte, wie seine Biographin feststellt, ’seine Romane leben oder wenigstens ihr zentrales Motiv selbst erfahren haben‘ (…).
Schulden und Skandale vertrieben den ewig Liebeshungrigen aus Italien nach Paris, wo er in den Armen einer russischen Schönen, Natalie von Golubeff, Trost fand.
Triumphe ganz anderer Art, als sie ihm bis dahin geläufig waren, feierte d’Annunzio im ersten Weltkrieg. Gefahr, so meinte er, sei „der Gott, dem er seine ungeschriebenen Dichtungen weihen“ wolle. D’Annunzio, das Idol der Frauen, wurde der Held der jungen italienischen Kriegsflieger. Er unternahm einen für jene Zeit äußerst waghalsigen Geschwaderflug nach Wien, wo er einige tausend Flugblätter abwarf. ‚Was wäre geschehen‘, schrieb damals die ‚Frankfurter Zeitung‘ ‚wenn die Flieger an Stelle von Literatur Bomben auf die Menschen geworfen hätten?‘
Noch eine andere, nicht weniger theatralische Bravourtat d’Annunzios ist in die Geschichte eingegangen. Die in Paris tagenden Siegermächte wollten von der Abtretung Dalmatiens an Italien, auf die italienische Nationalisten gehofft hatten, nichts wissen. Als es im Herbst 1919 in der dalmatinischen Hafenstadt Fiume zu Unruhen kam, erhielten die italienischen Besatzungstruppen den Befehl, die Stadt zu verlassen. Zu ihnen gehörte das „Regina“-Bataillon, dessen Offiziere den Schwur leisteten, nach Fiume zurückzukehren. Sie luden d’Annunzio ein, ihr ‚Duce‘ – Anführer – zu sein. Der Dichter zögerte keinen Augenblick: Er übernahm das Kommando der Truppe und zog am 19. September 1919 in Fiume ein (…)
D’Annunzio, der sich den Titel „Commandante“ zugelegt hatte, erklärte Fiume zum Freistaat. Er erließ eine republikanische Verfassung und arbeitete ein Sozialprogramm aus: In Fiume gab es, wenigstens auf dem Papier, garantierten Mindestlohn, Krankenfürsorge, Arbeitslosenunterstützung und Alterspension. Man erwartete, daß d’Annunzios Abenteuer in Fiume das Modell für eine politische Bewegung in ganz Italien werden wurde. (…)“

Frances Winwar: Wingless Victory, Harper, New York 1956.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43064650.html