Ernst Jünger
(1895 - 1998)
Zwischen dem 11. und dem 27. April 1923 erschien in der Tageszeitung Hannoverscher Kurier in sechzehn Folgen die Erzählung Aus der Grabenchronik Sturm. Ernst Jünger hatte diese Geschichte geschrieben
zwischen Ende 1922 und Anfang 1923, als in ihm bereits der Wunsch gärte, Schriftsteller zu werden. Aber konnte man davon Leben? Sein Vater riet ihm dringend, „etwas Anständiges“ zu machen, und so immatrikulierte sich der Kriegsteilnehmer im Oktober 1923 als Student der Biologie und Philoso-phie an der Universität Leipzig. Bei der Reichswehr hatte er zuvor den aktiven Dienst quittiert und war nun Reserveleutnant. Den verlorenen Ersten Weltkrieg hatte er überlebt und war vom Kaiser „als rücksichtslos tapferer Führer“ mit dem höchsten Or-den ausgezeichnet worden, dem Pour le mérite.
Eine verschollene Novelle
Die Novelle über Sturm war seine erste Erzählung und schildert das Fronterlebnis von Leutnant Sturm, der im Labyrinth der Schützengräben einen Zug be-fehligt. Da ihm seine Aufgabe, vor allem durch die Art des abwartenden Stellungskampfes, viel Zeit lässt, kann er sich ausgiebig mit schönen Dingen be-schäftigen. Sturm trägt offensichtlich starke autobiographische Züge Jüngers. Diese sind so deutlich, dass sie den Verdacht erhärten, Jünger habe die Erzählung später bewusst unter den Tisch fallen lassen. Denn erst exakt vier Jahrzehnte nach dem Erstdruck machte er Sturm der Öffentlichkeit wieder zugänglich.
Die drei befreundeten Offiziere Sturm, Hugershoff und Döhring treffen sich an den meisten Abenden, um ihre anregenden Diskussionen zu führen. Obwohl sie sich in einem staubigen und kellerartigen Unterstand zusammenfinden, lassen sie sich ihre Kultur nicht nehmen. Man zündet Kerzen an und öff-net eine Flasche guten Rotweins. Die Themen drehen sich dabei vorwiegend um Literatur und Kunst. Allen Dreien ist ihre Affinität zu den Autoren des Fin de siècle, der sogenannten Decadence, gemein. Jünger sagt ganz offen, wer die Säulenheiligen sind: „Juvenal, Rabelais, Lli-tai-pe, Balzac und Huysmans unbedingt.“ Da sie äußerst belesen sind, werden ihre Zusammenkünfte zu intellektuellen Bibliotheksreisen. Die drei Offiziere stellen ihren Ästhetizismus der apokalyptischen Realität entgegen. Die folgende Beschreibung eines gutgekleideten Kameraden erinnert auffallend an diejenige, die uns Barbey d’Aurevilly von Beau Brummell überlieferte. „Nicht Form oder Farbe war das Auffallende an ihm. Sein Anzug spielte in zwei weichen Tönen auf einem Nelkenbraun, das an Kragen und Ärmeln durch die weißen Kanten der Wäsche scharf abgeschnitten wurde. Alles Farbige war auf geringe Differenzen und matte Kontraste gestimmt. Ausgesprochen war nur die Halsbinde, deren Schleife sich wie ein schillernder Falter über dem geschliffenen Steine wiegte, der die Hemdbrust schloß. Was die Form betrifft, die aus Schnitt, Falten und Würfen sprang, so war es dem Eingeweihten klar, daß hier sorgfältiger Einfluß eines Künstlers dem Handwerk des Schneiders höheren Sinn gegeben hatte.“ So ist den Grabendandys bewusst, dass die Erscheinung letztlich nicht wesensbestimmend ist. Da sie sich aber inmitten eines infernalischen Unterganges sehen, ist es das beste Rezept, ästhetisch-stilvoll unterzugehen. „Diesem Leben unter den Mündungen der Kanonen entstrahlte ein starker, betäubender Duft, wie blühenden Blumenwiesen im August. Gerade in dieser kleinen Kulturinsel inmitten der drohenden Wüstenei wurde zuweilen ein Gefühl wach, das jede Kultur vor ihrem Untergange mit dem Schimmer eines letzten und höchsten Luxus umhüllt: das Ge-fühl einer gänzlichen Zwecklosigkeit, eines Seins, das für kurze Zeit wie ein Feuerwerk über nächtlichen Gewässern stand.“ Baudelaire hatte den Dandy in die Literatur eingeführt als den letzten Helden, als den letzten heroischen Kämpfer, der sich mit seinem Bewusstsein der alles nivellierenden Moderne entgegenstellt. Und dieser Kampf kann nur in Einsamkeit geschehen; ein Dandy hat keinen Verbündeten. So stehen auch die Frontkämpfer auf keiner Seite. Zwar halten sie buchstäblich ihre Köpfe für Deutschland hin, ihnen ist aber bewusst, dass es letztendlich gleichgültig ist, „hinter welchen Fahnen man steht“. Denn das, wonach sie streben, ist ausschließlich die Erhaltung des eigenen Ich, der „freien Entfaltung der Persönlichkeit inmitten der straffsten Bindung, die man sich denken kann“.
Jüngers Traum von einer kleinen Elite Auserwählter sollte sich immer stärker sowohl in seinem Werk wie auch in seinem Leben niederschlagen und bewahr-heiten. In der ersten Fassung von Das Abenteuerliche Herz von 1929 schreibt er: „Der Glaube an die Einsamen entspringt der Sehnsucht nach einer namenloseren Brüderlichkeit, nach einem tieferen geistigen Verhältnis, als es unter Menschen möglich ist.“
Als Dandy in Paris
Jüngers Dandyismus trat wohl kaum jemals wieder so deutlich zutage wie in seiner Pariser Zeit der Jahre zwischen 1941 und 1944. Obwohl als Besatzungsoffizier in Frankreich, bat er darum, von der Pflicht, Uniform tragen zu müssen, befreit zu werden. Nach seinen eigenen Aufzeichnungen im Tagebuchband Strahlungen und vielen Augenzeugenberichten bewegte sich Jünger in Paris wie ein Gentleman und nicht wie ein Besatzer. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, bei den Antiquaren am Seineufer zu stöbern und mit den Buchhändlern über bestimmte, besonders rare und bibliophile Bücher zu sinnieren. „Während der Mittagspause bei Berès, dort in den Büchern gewühlt. Erstand die ‚Monographie Du Thé’ von J. G. Houssaye, Paris 1843, mit schönen Gravüren, leider am Einband etwas wurmstichig. Dann ‚La Ville et la République de Venise’ von St. Didier, Paris 1660 bei De Luyne. Der Einband sehr schön und unverwüstlich, ganz Pergament mit eingekniffenen Ecken und Pergament-bünden. Endlich Lautréamont: ‚Préface à un livre futur’, erschienen 1932, auch in der großen Bücherstadt Paris.“
Kälte ist zu empfehlen, wo es anrüchig wird.
Paris, von den Nazis einfach nur als besetzte Stadt gesehen, bleibt für den Kulturmenschen Jünger bar jeder totalitären Ideologie die großartige Kulturme-tropole. In Jüngers Tagebuchaufzeichnungen spielt sein militärischer Dienst so gut wie keine Rolle. Es ist von Büchern die Rede, immer wieder von Büchern. Jünger sucht die Photographin Florence Henri auf, um sich porträtieren zu lassen (13. Juli 1942) oder verschwendet ausgiebig Gedanken an ein Ex Libris, das er sich anfertigen lassen möchte (12. Oktober 1941): „Oben ein Stern als Sinnbild des Unveränderlichen, Führenden, darunter ein Spruchband oder eine Wolke nach der Devise: ‚In Stürmen reife ich’.“ Jünger sieht sich in Paris wie auf einem Schiff, das in starkem Unwetter segelt. Der Weg ist zurückzulegen; die Zeitumstände sind unabänderlich; man darf sich mit der politischen Führung nicht gemein machen. So vertieft er sich in Bücher über Schiffbrüche – denn er sieht sein deutsches Vaterland kurz vor einem solchen Schiffbruch. Am 15. Oktober 1941 besucht Jünger den französischen Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler Sacha Guitry. Der Leutnant ist dort als Privatmann und vereinigt sich mit dem Gastgeber im Raum des Ästhetischen. „Mittags mit Speidel bei Sacha Guitry, in der Avenue Elysées Reclus. Vor dem Hause, auf städtischem Boden, steht die Büste des Vaters, des Schauspielers Lucien Guitry, und im Garten ein weiblicher Torso von Rodin, aufgewirbelt von höchster Lust.“ Ein Dandy besucht einen Dandy. „Zur Begrüßung überreichte Guitry mir eine Mappe mit je einem Briefe von Octave Mirbeau, Léon Bloy und Debussy – drei der Autoren, über die wir bei unserer ersten Begegnung gesprochen hatten. Und bat mich, diese Stücke in meine Sammlung einzureihen. Besonders das Blättchen von Bloy ist schön, mit persönlichen Bemerkungen und einer eigenen, monumentalen Schrift.“ Hiermit erinnert Jünger an alte Manieren des Gastgebens. Denn früher war es in mancher Region der Welt üblich, dass man dem Gast das als Geschenk überreichte, was ihm im Haus des Gastgebers am meisten gefiel. So kann der Tagebucheintrag gelesen werden als Hinweis an die proletarischen braunen Machthaber: Zwei befreundete Schriftsteller lassen sich vom herr-schenden Pöbel nicht vorschreiben, wie sie miteinander zu verkehren haben. Jünger vermeidet bei all seinen Künstlerbesuchen in Paris alles, um seinen französischen Gastgebern als überlegen zu erscheinen. Er gibt dagegen allen französischen Bekannten das Gefühl, sie als Angehörige und Repräsentanten einer der herausragendsten Kulturnationen aufzusuchen, denen das geistige Europa – und damit auch Deutschland – viel zu verdanken hat. Somit repräsentiert Jünger in Frankreich ein anderes Deutschland, als es die Nazis tun: ästhetisch und von freiem Geist. In Guitry sieht Jünger einen Gleichgesinnten, der ihm unendlich viel näher steht, als die herrschenden Deutschen. So notiert Jünger weiter: „Besah dann seine Bücher und Manuskripte, darunter das der Education Sentimentale von Flaubert. In einem Werke von Bergson zeigte er mir die Widmung ‚A Sacha Guitry un admirateur’, wobei er das ‚un’ etwa im Gegensatz zu ‚son’ als äußerst delikat bezeichnete.“
Am 9. März 1945 notierte Jünger zu Hause im niedersächsischen Kirchhorst ins Tagebuch: „Der Tod ist jetzt so nahe gerückt, daß man ihn selbst bei geringen Entschlüssen in Rechnung zieht – etwa ob man sich noch einen Zahn plombieren lassen soll oder nicht.“ In dieser Verfasstheit beginnt Jünger mit der nochmaligen Lektüre von Huysmans’ A rebours. Ins Tagebuch notiert er seine ästhetische Würdigung: „In dieser unerhörten Mischung und Zerfaserung der Farben, in diesen entlegenen Festen der Retina feiert die Décadence Triumphe, erwachen die Sechzehntel und Zweiunddreißigsteltakte einer neuen Empfindsamkeit.“
Meine heutige Wertung ist nicht politischer, sondern stilistischer Natur.
Sein Leben lang beschäftigten Jünger Fragen, die die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft betreffen. Mithin war auch der Typus des Dandys für ihn eine zentrale Gestalt. Obwohl er selbst ein Dandyphilo-soph war, vermied er den Begriff des Dandys für sich selbst. Dabei war er im tiefsten Sinne ein solcher Außenseiter. Sein ganzes Leben lang suchte er die Grenzen jeglicher Gesellschaft – und darüber hinaus auch der Wahrnehmung. Kurz vor Ausbruch des Er-sten Weltkriegs verpflichtete er sich heimlich bei der Fremdenlegion und ging nach Afrika. Hier, so hoffte er, könnte er ein abenteuerliches Leben führen. Nach kurzer Zeit von seinem Vater zurückgeholt, meldete er sich dann freiwillig an die Front der Schützengrä-ben. Direkt nach dem Ersten Weltkrieg war er einer der führenden Köpfe der nationalistischen Bewegung. Hierzu bemerkte er rückblickend in einem Brief an seinen französischen Freund und Übersetzer Henri Plard vom 5. Februar 1983: „Meine heutige Wertung ist nicht politischer, sondern stilistischer Natur. Inso-fern scheint mir, daß ich damals unter mein Niveau gegangen bin, aber nicht deshalb, weil ich mich als Nationalist, sondern weil ich mich überhaupt beteiligte.“ Während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gab er als Pariser Besatzungsoffizier und als Schriftsteller in Deutschland das Beispiel eines anderen, eines Hoffnung gebenden Verhaltens der wahrhaften inneren Emigration. Grenzerfahrungen schließlich mittels verschiedener Drogen, was ihn in den 1970er Jahren dem konservativen Bürgertum suspekt machte. Jünger war eher Dandy im moralischen als im äußerlich-stilistischen Sinn. In einem annähernd 103 Jahre währenden Leben begleitete er achtzig Jahre lang sein Heimatland literarisch. Seine Erfahrungen des langen, bewegten Lebens fasste er in einer Tagebuchnotiz vom 2. Januar 1978 zusammen: „Kälte ist zu empfehlen, wo es anrüchig wird. Es geht sich leichter über gefrorenen Schlamm.“

























