Beau Brummell

(1778 - 1840)

Berühmtes Portrait von Dighton, 1805

Der Dandy ist ein Sozialtypus, wie es auch andere gibt: den Bohème, den Flaneur und den Snob. Dem Dandy näher ist der Punk als der Playboy. Denn auch Punk zu sein ist eine Lebenseinstellung. Nur der Sozialcharakter Dandy hat eine einzige historische Person als gelebtes Vorbild, als Begründer: Der Ur-Dandy George Bryan Brummell wurde am 7. Juni 1778 in Westminster geboren.

Die Ausbildung zum Dandy

Als Zwölfjährigen schickte man Brummell nach Eton; dem Ruf nach die beste Schule der Welt. Hier erhielten die zukünftigen Mitglieder der obersten Standesgemeinschaft ihren Schliff. Charakterbildung und Lebensführung standen – trotz des höchsten Niveaus und neuesten Standes der wissenschaftlichen Ausbildung – als erste Prioritäten auf dem Lehrplan. „In den ‚Memoiren hervorragender Etonianer’ – ein Etonian ist ein Schüler des Eton Colleges – kann man die Jugendgeschichte einer langen Reihe solcher Männer durchblättern, die sich später im englischen Leben ausgezeichnet haben“, schreibt Baron von Eelking in seinem Buch über die Geschichte des Zy-linders. Der frühere Präsident des Deutschen Instituts für Herrenmode weiter: „Selten ist in diesen Erinnerungen von eifrigen Studien, wissenschaftlichem Streben oder gar Gelehrsamkeit der zukünftigen bedeutenden Feldherren, Staatsmänner und anderer Kapazitäten die Rede, desto mehr aber von Selbstbeherrschung, Unerschrockenheit, Freimut, kaltem Blut und Ausdauer.“

Von Eton ging der junge Brummell nach Oxford ans Oriel Col-lege. Hier setzte der werdende Dandy seine Selbstschulung fort. Während seine Kommilitonen sich ihren Studien widmeten, feilte der Beau an seinem Erscheinungsbild, seiner blasierten Gelassenheit und rhetorischen Gewandtnis. Brummell konnte sich jedoch an Oriel nicht begeistern. Er trat nach einem knappen Jahr in der Lehranstalt als Fähnrich in das 10. Husarenregiment ein. Sein extravagantes Verhalten machte den Beau bei seinen Kameraden äußerst beliebt. Hier konnte er endlich mit seinem feinen wit, seiner Ironie und seiner stetigen Ungerührtheit glänzen - und hatte ein dankbares Publikum. In-nerhalb von zwei Jahren stieg Brummell auf der militärischen Karriereleiter vom Fähnrich zum Hauptmann auf. Doch was viel wichtiger war: Er war nun gut bekannt mit dem Prinz of Wales, der an ihm einen Narren gefressen hatte. Obwohl der zukünfti-ge Thronfolger sechzehn Jahre älter als Brummell war, wählte er den Beau als sein modisch-stilistisches Vorbild. Allerdings ist der militärische Drill nicht das Leben, das ein Dandy sich vor-stellt. Auch wenn es in diesem Regiment lockerer zuging, als in der übrigen Armee, verbrachte Brummell seine Tage und Näch-te lieber in der Umgebung der Clubs der St. James’s Street. Außerdem ist es für einen Dandy schwer erträglich, tagein, tagaus mit der gleichen Uniform herumzulaufen, wie sie alle anderen tragen. Als das Regiment 1798 nach Manchester verlegt wurde, quittierte Brummell seinen Dienst. Sein wohlwollender Biograph Max Beerbohm rezitiert dazu eine Anekdote: „Eines Tages ritt er in die Parade in einem blaßblauen Waffenrock mit silbernen Epauletten. Der Oberst entschuldigte sich für das kleinliche System, welches ihn zu einer so schmerzlichen Pflicht nötige, und bat ihn, die Parade zu verlassen. Der Beau salutierte, trabte ins Quartier zurück und reichte noch am Nachmittag seinen Abschied ein.“ Ein Jahr zuvor war Brummell volljährig geworden und bekam damit endlich sein Erbe ausgezahlt: 30.000 Pfund.

Das Gentleman-Ideal

Brummells Selbst-Inszenierung als Dandy wäre unmöglich gewesen, hätte die englische Gesellschaft nicht ihre spezifische Durchlässigkeit gehabt. Für die Akzeptanz entscheidend waren nicht die Herkunft, sondern persönliche Eigenschaften, von denen man sich für seinen eigenen Selbst-Entwurf inspirieren lassen konnte. Hierbei spielt wiederum das englische Gentleman-Ideal eine große Rolle. Der Gentleman ist als allererstes ein unabhängiger Mann. Unabhängig ist ein Mann nur begrenzt durch Abstammung und Vermögen, vielmehr durch sichere Umgangsformen und Intelligenz. „Wenn jemand ein Gentleman ist, dann weiß er genug, und wenn er kein Gentleman ist, um so schlimmer für all seine Kenntnisse“, beschreibt dies Oscar Wilde.

30.000 Pfund waren ein Betrag, der dafür sorgte, dass Brummell grundsätzlich niemals mehr in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachkommen musste. Ein Soziologe er-rechnete jüngst, dass diese Summe vernünftig angelegt jährlich etwa 1.500 bis 2.000 Pfund an Zinsen hätte erbringen können. Ein Pfund um 1800 entspricht etwa 50 Pfund heute. Die Erbsumme war zwar nicht so groß wie so manches Vermögen seiner Bekannten. Sie reichte jedoch aus, in London ein Haus zu beziehen, sich dieses edel einzurichten und Bedienstete zu engagieren. Vor allem konnte der Dandy nun aus eigener Kraft an dem gesellschaftlichen Leben der höchsten Kreise teilnehmen. Dazu gehörte auch, selbst einmal einen Empfang zu geben und die Möglichkeit zu haben, am Glücksspiel teilzunehmen. Andererseits reichte Brummells Vermögen nicht aus, diesen gesellschaftlichen Anforderungen langfristig zu genügen. Um das Leben, das er vorhatte, führen zu können, musste er Mechanismen finden, seine Einnahmen unauffällig - einem Dandy entsprechend - zu erhöhen oder auf der Ausgabenseite zu sparen. Natürlich verbot sich Sparen im Sinne eines bescheideneren Lebens. Sparen konnte nur bedeu-ten, Dinge umsonst zu bekommen, nicht jedoch Abstriche gegenüber seinem ästhetischen Anspruch zu dulden. Bereits während seiner Militärzeit gaben ihm seine Kameraden gern Geld. Nicht geliehen, denn er hatte ja keines zum Zurückzahlen, sondern geschenkt. Der erste Dandy bevorzugte einen bestimmten Schneider, seiner Meinung nach der beste. Bei ihm handelte er aus, dass er eine gewisse Anzahl von Anzügen pro Jahr umsonst bekommt. Denn schließlich wäre es die beste Werbung, die der Schneider erhalten könnte, wenn der Beau dessen Anzüge trüge. Darüber hinaus schuf er sich ein Netzwerk von Gönnern, zu deren wichtigsten der Prinz of Wales und einige umgarnte Damen gehörten. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes war es eine große Ehre, wenn Brummell zu dem gesellschaftlichen Empfang kam, den man ausrichtete. Die Zeitungen sollen in ihren Berichten seinen Namen direkt unter denen des Hochadels gesetzt haben. Vom Beau selbst soll denn auch die Dandy-Maxime stammen: Ein Dandy muss nicht reich sein; er muss nur genug Kredit be-kommen.

Brummells Herrschaft

Brummells geistige Überlegenheit ist das Zentrum seines sozialen Herrschens. Sein tiefes Aufgesogenhaben der Sitten ermöglicht ihm sein kalkuliertes, sein genauestens berechnetes Tabubrechen. Intelligenz und charakterliche Reife geben ihm auch die nötige Unabhängigkeit, um sein stoisches Gebaren konsequent durchzuhalten. Er kennt nicht nur seine Mitmenschen, er kennt auch sich selbst genau.
Brummell wusste, dass er nur dann als Vorbild gelten würde, wenn er absolute Perfektion ausstrahlt. Das ist einer der we-sentlichen Gründe dafür, warum kein Nachahmer den Ur-Dandy wirklich erreicht hat. Keiner war bis ins letzte so kompromisslos perfekt wie Brummell. Seine Biographen betonen einhellig, dass es nicht seine Kleidung gewesen sei, die ihn zum first gentleman of europe habe avancieren lassen. „Brummell hatte einen wunderbaren Witz (wit), und, kein Zweifel, seine feine Prise Unverschämtheit, von der er Gebrauch machte.“

Brummells Kostüm war ein Kunstwerk. In seiner Zurückhaltung und feinsten Komposition bis in die kleinsten Accessoires war es Vorbild. Hier zeigt sich der wahre Dandy. Denn er besitzt die Sicherheit seiner Überlegenheit. Brummells Kleidung zeichnete sich aus durch höchste Qualität von Stoffen und Passform. In Opposition zur bisherigen höfischen Mode, die prunkvoll und ausschweifend war, zelebrierte der Beau Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Die gewaltsame Aufdringlichkeit, die auch sein anfänglicher Förderer, der Prinz of Wales, manchmal zur Schau stellte, konnte bei ihm nur Verachtung erzeugen. Der noch heute gültige englische Grundsatz, ein Gentleman habe als er-stes gediegen-unauffällig zu erscheinen, wird auf Brummell zurückgeführt. Brummell nahm aber auch die Emanzipationsbe-strebungen der bürgerlichen Herrenmode in seinen Stil auf und verfeinerte diese in seiner Komposition. Er führte als Tagesklei-dung den blauen Rock ein, den er mit einer gelben Weste und Pantalons aus hellem Wildleder kombinierte. Dazu trug er Stiefel im Husarenlook und seine berühmte weiße Krawatte. Damit hat der Dandy die Kleidung reformiert und in ihrer logischen Konsequenz ästhetisch modernisiert.

Die soziale Macht des Dandys

Seinen sozialen Machtanspruch setzte der Beau dadurch um, dass er dafür sorgte, kopiert zu werden. So kamen viele junge Stutzer zu ihm und baten ihn um Ratschläge zur Ästhetik. Auf dem Höhepunkt seiner Wirkung sah er sich von unzähligen Nachahmern umringt. Gab er sich bei einem gesellschaftlichen Anlass die Ehre, so erzählte man sich am nächsten Tag in ganz London, was er von sich gegeben hatte und was er trug. Junge Männer versuchten, auf allen möglichen Wegen die Geheimnis-se seiner Noblesse herauszubekommen. Man befragte Brum-mells Schneider, man forschte seinen Kammerdiener aus. Vor allem seine Methode, wie seine weiße Krawatte immer absolut perfekt saß, wollte herausgefunden werden. Und obwohl er dafür einen immensen Aufwand betrieb, sah die Krawatte immer so aus, als wäre sie ganz leicht und locker, wie selbst-verständlich, gebunden. Brummell ließ sich das Geheimnis jedoch erst entlocken, kurz bevor er ins Exil ging: Bislang hatte man üblicherweise zur Stärkung der Krawatte einen aus Steifleinen oder Fischbeinstäbchen gefertigten so genannten stiffener benutzt. - Brummell hatte schlicht und ergreifend Stärke genommen, um eine perfekte Faltenlegung der Krawatte zu erreichen.

Im Außen verblüffte Brummell durch seine Kleidung. Im Gespräch verblüffte er durch Ironie. manchmal gesteigert bis zum Zynismus, immer jedoch individuell der Situation angepaßt. Für Barbey d’Aurevilly, ist die Ironie Brummells hervorstechendste Eigenschaft überhaupt. „Die Ironie ist eine Begabung, die alle anderen entbehrlich macht. Sie verleiht dem Menschen die Züge der Sphinx, die die anderen wie ein Geheimnis immer in Atem halten und wie eine beständige Gefahr beunruhigen. Nun, Brummell besaß diese Gabe, und er bediente sich ihrer derart, daß er die Eigenliebe eines jeden, auch indem er ihr schmeichelte, zu Eis gerinnen ließ (…)“
Die Ironie schafft dem Dandy den Freiraum, den er benötigt.

Und wie hielt es Brummell mit den Frauen? Die Damen waren von seiner Erscheinung mindestens in gleichem Maße beein-druckt wie die Herren der Schöpfung. Waren sie in seinem Alter oder etwas jünger und mutig genug, versuchten sie sich ihm zu nähern. Hatten sie eine Tochter in vermählungsbedürftigem Al-ter, so versuchten sie, diese mit dem leader of fashion zu ver-kuppeln.
Insbesondere auf diesem für einen Mann gefährlichen Feld be-durfte es eines empfindlichen Instinktes, um das vivre masqué zu sichern. Der Biograph Jesse urteilt, Brummell habe wohl zu-viel Selbstliebe besessen, um sich wirklich zu verlieben. Aber der erste Dandy blieb gegenüber seinen Verehrerinnen stets ein Gentleman – auch bei der Trennung. Er vermied es, sie brutal vor den Kopf zu stoßen. Er verabschiedete sich in seinen Briefen mit Dutzenden von verbalen Verbeugungen und Ehrer-bietungen. Er entschuldigte sich für seine eigenen Unzuläng-lichkeiten und betonte, für die Beziehung nicht geschaffen zu sein.

Das Ende

Brummell hatte seit jungen Jahren immer wieder am Spiel teilgenommen, denn das gehörte zu den gesellschaftlichen Ge-pflogenheiten. Doch später spielte er nicht mehr vorsichtig und zurückhaltend. Er verlor innerhalb kürzester Zeit sein gesamtes ihm noch verbliebenes Vermögen in Höhe von 10.000 Pfund. So wurde er vollständig abhängig von dem Geld, das ihm seine Freunde gaben. Brummell sah sich gezwungen, eine viel kleine-re Wohnung in der Chapel Street zu beziehen und seinen Koch zu entlassen. Allein damit war er seinen bisherigen Kreisen nicht mehr ebenbürtig. Immer mehr Freunde weigerten sich, ihm stetig weiteres Geld zu ‚leihen’. Berühmt ist der überliefer-te Briefwechsel mit seinem Freund Scrope Davis. Brummell schrieb: „Mein lieber Scrope, schick mir 200 Pfund. Die Bank ist geschlossen, und alle meine Mittel sind Papiere. Ich werde Dir die Summe morgen zurückgeben. Dein ergebener Georges Brummell.“
Unverzüglich kam die lakonische Antwort:
„Mein lieber Georges, ich bedauere unendlich, aber alle meine Mittel sind Papiere. Dein ergebener Scrope.“

Als englischer Gentleman konnte man zwar bei Lieferanten Schulden haben, nicht jedoch Spielschulden. Dies war ehrenrührig. Da Brummells Verpflichtungen stetig anwuchsen, floh er am 16. Mai 1816 mit der Kutsche nach Dover. Am nächsten Tag erreichte er sein Ziel Calais. Auch hier konnte er anfangs noch annähernd seinen gewohnten Stil beibehalten. Er richtete sich seine Wohnung exquisit ein. Der Kontakt zu seinen alten Freunden war nicht abgerissen. „Manche Pilgerfahrt hat die vornehme Welt nach Calais unternommen“, schreibt Barbey d’Aurevilly nicht ohne Ironie gegenüber der nun etwas ziellosen Gesellschaft. Die Herzogin von York, die Herzöge von Welling-ton, Rutland, Richmond, Beaufort, Bedford, Gloucester, die Lords Argyle, Alvanley, Sefton, Jersey, Willoughby d’Eresby, Craven, Ward statteten ihm einen Besuch ab, wenn sie auf der Durchreise nach Paris den französischen Küstenort passierten. Dann luden sie den ehemaligen leader of fashion zum Diner ein und ließen ihm Geld da. Aber immer noch gab Brummell we-sentlich mehr Geld aus als er bekam. Ein Bekannter vermittelte ihn als Britischen Konsul in Caen. Als Konsul bekam er jährlich 400 Pfund, von denen er sich verpflichtet hatte, 320 Pfund an seine Gläubiger in England zu zahlen. Doch als die Regierung in London das Konsulat 1832 schloss, um Ausgaben zu sparen, wurde die Schlinge um den untergehenden Dandy immer enger. Er musste sich dazu durchringen, seine Wäsche statt dreimal nur noch einmal am Tag zu wechseln. Ein ihm wohl ge-sonnener Bekannter, Armstrong, fungierte für ihn als eine Art Finanzverwalter. Er brachte Brummell dazu, seinen Wäschebe-darf weiter einzuschränken. Er machte Brummell den Ernst seiner Lage klar und bedeutete ihm, es sei nur noch das Notwendigste möglich. So verzichtete er auf seine weißen Krawatten, die bislang sein Markenzeichen gewesen waren. Brummell ersetzte sie durch schwarze. In seinen letzten Jahren trug er gestopfte Hemden und Hosen. Der untergehende Dandy machte nun Mädchen, die seine Töchter hätten sein können, ungebührlich heftige Avancen. Um zum Diner eingeladen zu werden, nahm er so manche Gesellschaft in Kauf, die er zuvor mit einem verächtlichen Ausspruch für inopportun erklärt hätte. Einen besonders harten Schlag erhielt der taumelnde Dandy im Mai 1835. Brummell wurde auf Veranlassung seiner Gläubiger verhaftet und ins Schuldengefängnis verbracht. Auch in dieser scheinbar ausweglosen Lage sollte sich des Dandys alte Maxi-me bewahrheiten, man müsse selbst nicht reich sein, wenn man über genügend reiche Gönner verfüge. Seine letzten treuen Weggefährten sammelten unter der Regie des alten Freundes Armstrong Geld, um den Exzentriker im Exil - etwa 270 Kilometer Luftlinie von London entfernst – auszulösen. So kam Brummell nach zweieinhalb Monaten Haft wieder frei. Er war jetzt 57 Jahre alt. Durch einen Schlaganfall verschlechterte sich sein Geisteszustand zusehends. So manches Mal verfiel Brummell der Illusion, gerade einen rauschenden Empfang zu geben, obwohl er mit einem Diener allein war.
Der erste Dandy starb am 29. März 1840. In Caen, wo der er-ste Dandy der Geschichte sich drei Jahre zuvor aus den Salons verabschiedet hatte, erregte sein Tod kein Aufsehen.